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Die bei Aldi und Rewe erhältlichen Bio-Kunststofftüten kommen bei Shoppern an.
LZnet/hdw. Bioprodukte sollten auch in Bioverpackungen daherkommen – diesem Credo huldigen gerade große FMCG-Hersteller wie Procter & Gamble, Coca-Cola und Danone. Die Franzosen haben im Frühjahr 2011 ihre Joghurtmarke Activia in Deutschland von Polystyrol-(PS)-Bechern auf Behälter aus dem Biokunststoff Polymilchsäure (PLA) umgestellt. Laut einer vom Heidelberger Ifeu-Institut für Danone erstellten Analyse werden bei der Produktion des PLA-Bechers zwar 43 Prozent weniger fossile Rohstoffe verbraucht und 25 Prozent weniger Treibhausgase emittiert.
Unter dem Strich der gesamten Ökobilanz hat der Newcomer im direkten Vergleich mit seinem erdölbasierten Vorgänger jedoch weder Vorteile noch Nachteile. Das Patt ist damit zu erklären, dass das Material PLA bei anderen Umweltkriterien derzeit noch nicht auf Augenhöhe mit Polystyrol liegt.Dennoch sehen Fachleute Danone mit dem Becher auf dem Weg zu ökologischer Sinnhaftigkeit wie auch Marktfähigkeit.
Jöran Reske etwa, Vorstandsmitglied beim Branchenverband European Bioplastics und Biokunststoff-Experte in Diensten des Kölner Entsorgungsdienstleisters und Rohstoffhändlers Interseroh, attestiert PLA „die Chance, ein Massen-Polymer zu werden.“Allerdings stehe der Kunststoff verstärkt in Konkurrenz zu PET, das gut recycelbar sei und mittlerweile ebenfalls aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden könne.
Ein weiterer sensibler Punkt: PLA ist für Verpacker und Abfüller teurer als etablierte Kunststoffe. Günstigere Rohstoffpreise – vor allem relativ zum Erdöl – würden die Chancen von Bio-Polymeren am besonders preissensitiven deutschen Markt deutlich verbessern. „Biokunststoffe sind aktuell noch nicht wirklich konkurrenzfähig, auch, weil die Produktionsmengen noch niedrig sind“, befindet Reske. Hinsichtlich des für den Danone-Becher propagierten Materialkreislaufs muss sich die Entsorgungswirtschaft zunächst mit Beratungsleistungen begnügen, beispielsweise über spezifische Eigenschaften von Produkten aus Biokunststoff.
Im Fall PLA sind für Konsumenten, Kommunen und Verwerter vor allem die Verwertungsoptionen Kompostierung und Recycling erklärungsbedürftig. Der Entsorger und Rohstoffhändler Interseroh bestellt derzeit den Boden für die Kreislaufwirtschaft der Zukunft, eigenen Angaben zufolge „im intensiven Dialog mit Anwendern“. Mangels Masse werden Biokunststoffe in Deutschland derzeit noch nicht gesammelt und wiederverwertet.
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Ob Pionier Danone und andere, nachziehende FMCG-Hersteller PLA-Recycling in größerem Maßstab aufbauen und etablieren können, steht für den Interseroh-Experten noch nicht fest. Das Material muss dazu nicht nur in ausreichender Menge verfügbar sein. „Für viele Anwendungen benötigen Polymere funktionsverbessernde Zusätze. Das heißt, das Recyclingprodukt Milchsäure muss auch in ausreichender Qualität vermarktet werden können“, unterstreicht Reske.
Die bereits erreichten Fortschritte seien durchaus ermutigend, so die Einschätzung in den Interseroh-Reihen. Kritik wie die der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die Danone im Zusammenhang mit dem PLA-Becher sogar Verbrauchertäuschung unterstellt, hält Reske für unbegründet. Dass der Mopro-Riese das geplante PLA-Recycling gegenwärtig noch nicht realisiere, könne genauso wenig „zu Angriffen“ genutzt werden wie das – vorläufige – Patt zwischen den Ökobilanzen des alten und neuen Bechers.
Richtungsweisend sei dagegen, dass PLA bei den beiden zentralen Nachhaltigkeitskriterien „klimarelevante Emissionen“ und „Verbrauch fossiler Ressourcen“ wesentlich besser abschneide als das petrochemische Polystyrol. „Eine Entwicklung abzulehnen, die auf den Ersatz fossiler durch erneuerbare Rohstoffe hinausläuft, ist nicht nachvollziebar und riskiert auch noch, dass die weitere Optimierung der Innovation behindert wird,“ urteilt Reske.
Von zentraler Bedeutung ist das Tempo, mit dem in Europa das Fundament für mengenmäßig hinreichendes PLA-Recycling gelegt wird. „Eine Pilotanlage in Belgien verarbeitet etwa 1.000 t pro Jahr, eine weitere hat ähnliche Kapazität. Die Wirtschaftlichkeit ist derzeit noch nicht belegt, der weitere Ausbau daher noch nicht absehbar“, lässt Reske wissen. Der aktuell einzige große PLA-Hersteller ist Natureworks mit Sitz in Minnetonka/Michigan. Die US-Amerikaner setzten beim weiteren Ausbau ihrer Produktionskapazitäten allerdings auf Fernost, insbesondere auf China.
Eben dort bereiten sich auch einheimische Unternehmen auf den Einstieg in die PLA-Herstellung vor. Welchen Einfluss diese Entwicklung auf die Preise und damit auf die erreichbaren Absatzmengen von PLA in Deutschland und Europa haben wird, können derzeit auch die Rohstoffexperten von Interseroh nicht zuverlässig abschätzen. Für marktreife neue Produkte aus PLA lassen sich möglicherweise auch dauerhaft höhere Preise erzielen.
Bei den 2009 beim Discountprimus Aldi und anschließend beim zweitgrößten LEH-Vollsortimenter Rewe eingeführten kompostierbaren Tragetaschen „stimmen allem Anschein nach die Verkaufszahlen“, weiß Reske. Der Fachmann führt dies nicht nur auf die ausgelobte Umweltfreundlichkeit der Biokunststoff-Tüten zurück, von der die Verbraucher offenbar überzeugt seien. Hinzu komme, dass sie mehrfach zum Einkaufen benutzt und zudem auch für die Sammlung von Bioabfällen im Haushalt eingesetzt werden könnten.
Kritiker monieren, dass die Shoppinghelfer von Privathaushalten nicht selbst kompostiert werden können, sondern vielmehr unter industriellen Bedingungen zu natürlichen Bestandteilen wie Wasser oder CO
2 abgebaut werden müssen. Die Verwertung in Kompostierungsanlagen der Kommunen und privaten Abfallwirtschaft hält Reske nicht zuletzt aufgrund der noch geringen Stückzahl für unproblematisch. Allerdings sei die Debatte darüber, ob die Taschen als „Fluch“ oder als „Segen“ zu betrachten seien, noch nicht abgeschlossen.
Immerhin bestehe die Aussicht, ein lästiges Problem der Kompostierer zu lindern: Denn die von den Konsumenten oft für die Bioabfallsammlung eingesetzten herkömmlichen Kunststofftüten stören bei der organischen Verwertung. Die kompostierbare Variante hingegen kann einfach zusammen mit den Bioabfällen durch die Anlagen laufen.
Jöran Reske ist überzeugt, dass aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellte Verpackungen nicht nur sinnvoll verwertet, sondern auch in geschlossenen Kreisläufen recycelt werden können, wenn hinreichend viele FMCG-Anbieter dem Beispiel von Danone folgen: „Die Umstellung der Rohstoffbasis ist in jedem Fall der richtige Ansatz“, unterstreicht der Brancheninsider.