Donnerstag, 24. Mai 2012

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PET-Recycler Lidl sieht sich als Wegweiser

Freitag, 16.12.2011

Discounter forciert eigenen Kunststoffkreislauf – Experten sehen Sogeffekt auf Wettbewerber, die ihre Karten aber noch nicht aufdecken
Das Gewicht der Freeway-Flaschen wurde deutlich reduziert.
Das Gewicht der Freeway-Flaschen wurde deutlich reduziert.
Foto: LZ-Archiv
LZnet/hdw. Der zweitgrößte Discounter baut seine auf Nachhaltigkeit und Rohstoffsicherung fokussierte Wiederverwertung von PET Zug um Zug aus. Getränke- und Recyclingfachleute sind überzeugt, dass der Wettbewerb dem Neckarsulmer Pionier auf breiter Front folgt.

Die Idee ist nicht neu: 1999 starteten Mineralbrunnen, Getränkehersteller und Kunststoffrecycler den Petcycle-Kreislauf, in dem PET-Flaschen in Mehrwegkästen zirkulieren. Die Flaschen werden in den Kästen ausgeliefert, zurückgeholt, geschreddert und nach dem Bottle-to-Bottle-Prinzip zu neuen Flaschen gefertigt, die aktuell zur Hälfte aus Recycling-PET bestehen.
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Im Frühsommer 2011 hat Lidl als erstes LEH-Schwergewicht begonnen, selbst einen Stoffkreislauf für die Flaschen seiner AfG-Eigenmarken Saskia und Freeway aufzubauen. "Im ersten Quartal 2012 werden wir unser Ziel von mindestens 50 Prozent Recyclat erreichen und die Quote bis 2014 stetig erhöhen", so Walter Pötter, Generalbevollmächtigter des Discounters, in diesen Tagen gegenüber der LZ.

Ihm zufolge wurde der Anteil des Sekundär-PET zwischen Juni und Oktober von 30 auf 40 Prozent gesteigert. Auf neu in den Filialen ausgehängten Plakaten bedankt sich Lidl für die Mithilfe der Kunden bei dem Projekt, das in die Nachhaltigkeits-Initiative "Auf dem Weg nach Morgen" eingebettet ist.

Rentables Recycling

Den Claim, Pet-Recycling sei für Lidl "unterm Strich" rentabel, hält Pötter aufrecht. Marktkenner führen dies in erster Linie darauf zurück, dass Lidl alle Verwertungsstufen vertikal integriert hat. Der Generalbevollmächtigte betont denn auch, Lidl habe die Wertstoffaufbereitung vor allem aus ökologischen Motiven selbst angepackt.

Kreislauf-Historie

Debüt: Seit 1999 lassen Mineralbrunnen, Getränkehersteller und Recycler Einwegflaschen im Petcycle-System zirkulieren.

Inspiriert: Seit 2010 lässt der Handelsmarkenspezialist und Aldi-Lieferant Stute kundenindividuelle PET-Preforms auf eigenen Anlagen herstellen.

Benchmark: Aus Expertensicht hat das PET-Projekt von Handelspionier Lidl Trendsetter-Qualität.
PET-Einweg erreiche ökobilanziell "bereits bei einem Recyclatanteil von 40 bis 50 Prozent" das Niveau der derzeit nachhaltigsten Gebindeform PET-Mehrweg. Das Niveau von Glas-Mehrweg hätten die für Saskia, Freeway und neuerdings auch die Eigenmarke "Mixxed Up" eingesetzten, deutlich gewichtsreduzierten Flaschen schon übertroffen.

Um die Ökobilanz der Plastikflaschen weiter zu verbessern, optimiert Lidl derzeit die Getränkedistribution. Im Zuge des Projekts, die im Schnitt 300 km langen Lieferwege zu halbieren, eröffnet die Tochter Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke (MEG) Anfang 2012 in Wörth am Rhein eine neue Produktionsstätte.

Auch bestehende MEG-Abfülllinien und die Kapazität des 2010 mehrheitlich übernommenen Kunststoffrecyclers PET Vogtland, Neuensalz, werden ausgebaut. Um auch die Leergut-Transportwege zu verkürzen, kooperiert Lidl laut Pötter mit einem weiteren Vertragspartner.

Das eigene Plastik-Recycling sieht Pionier Lidl wirtschaftlich wie ökologisch auf gutem Weg. Dennoch ist, entgegen Pötters im Juni bekundeter Erwartung, bisher noch kein weiterer Händler dem Beispiel der Schwaben gefolgt. Nach entsprechenden Plänen befragt, teilen Lidl-Wettbewerber wie Edeka, Rewe, Real und Aldi aktuell mit, Leergut-PET werde nicht selbst recycelt, sondern am Rohstoffmarkt verkauft. Recherchen bei Lebensmittel- und Getränkeherstellern, Rohstoffhändlern und Experten für Kreislaufsysteme legen aber nahe, dass die Erwartung des Branchenkenners Pötter keineswegs auf Wunschdenken basiert.

Eigenverantwortliche Wiederverwertung

Nahezu alle Händler, die wie Lidl Zugriff auf hinreichend viel rücklaufendes Einweg-PET haben, werden den Rohstoff mittelfristig auch eigenverantwortlich wiederverwerten, so die aktuelle Einschätzung bei dem Handelsmarkenlieferanten Stute Nahrungsmittelwerke. Das Unternehmen hat selbst in Produktionstechnik für Einwegflaschen investiert und lässt "mit kleiner Wertschöpfung" seit 2010 Plastik-Preforms mit bis zu 40 Prozent Recyclatgehalt fertigen, die von Stute kundenspezifisch konzipiert werden.

"Sich als nachhaltig und recyclingorientiert zu profilieren, wird in der Branche immer wichtiger", heißt es am Stute-Sitz in Paderborn. Auf Abfüllerseite scheinen, so Finanzchef Michael Hiller, aktuell auch kleinere Unternehmen Möglichkeiten für kooperatives PET-Recycling zu sondieren.

Neben der Chance, durch Recyclat-Einsatz strategisch Rohstoff zu sichern, nennt ein renommierter, von der LZ befragter Rohstoffhändler noch ein weiteres aus seiner Sicht starkes Recycling-Motiv: "Keiner will am Ende derjenige sein, der die vom Konsumenten gewünschte ,Grüne Flasche’ als Letzter im Programm hat".

Die Top-Liga des deutschen Food-Handels sei bereits "sehr dicht dran am Thema PET-Recycling", ist auch beim Eigenmarkenproduzenten Hansa-Heemann zu hören. Den Rellingern zufolge ist die Branche aktuell dabei, sich ähnlich wie Lidl Know-how über Ökobilanzen, die komplexen Prozesse der Kunststoffaufbereitung, die diffizile Produktion dünnwandiger PET-Flaschen sowie das notwendige, anspruchsvolle Qualitätsmanagement anzueignen.

Hilfreicher Pionier

Unabdingbar für nachhaltig stabile PET-Kreisläufe sei, dass rücklaufendes Plastikmaterial darin in ausreichender Menge, Qualität und zu vereinbarten Preisen eingebracht, also nicht am Markt verkauft werde. "Ohne den Handel geht es nicht. Das Vorangehen von Lidl kann für die ganze Branche sehr hilfreich sein", sagt Tobias Giles-Bluhm, Vorstand Vertrieb und Marketing bei Hansa-Heemann. Damit PET-Recycling branchenweit in Gang kommt, müssen ihm zufolge im Beziehungsdreieck Handel-Abfüller-Recycler alle Beteiligten noch mehr vertrauensbildende Transparenz schaffen: "Wichtig ist, dass kein Akteur befürchtet, durch Kooperation mit Partnern irgendwelche Nachteile zu haben".

Aus Sicht von Brancheninsidern ist PET-Recycling für Handel und Industrie nicht nur wirtschaftlich und ökologisch vorteilhaft. Je mehr "Bottle-to-Bottle" zum Mainstream werde, desto schlagkräftiger könnten einwegorientierte Abfüller und Händler gegen eine vom Mehrweglager immer wieder geforderte Einweg-Abgabe argumentieren, bestätigt Alfred Peuker, Leiter Technik und Stoffstrommanagement bei Petcycle.

Aktuell hält zwar kein von der LZ befragter Experte das Risiko für hoch, dass der Gesetzgeber die abgestürzte Mehrwegquote durch einen Eingriff in die Preisbildung am Getränkemarkt protegiert. Dennoch seien einwegorientierte Hersteller und Händler gut beraten, sich auf die nächste Reform der Verpackungsverordnung vorzubereiten, so der Tenor. 2014, im Jahr nach der nächsten Bundestagswahl, soll das Heidelberger Ifeu-Institut eine vom Bundesumweltamt initiierte große Ökobilanz für Einweg- und Mehrweg-Getränkegebinde vorlegen.

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