Mehrweg-Pool für Saft kippt in die Schieflage
Fachgroßhändler bleiben auf überschüssigen VdF-Kästen sitzen – Manche Abfüller sperren sich gegen Rücknahme und Pfandclearing
Der Kasten-Überhang speist sich vor allem aus Leergutrücknahmen im LEH.
Foto: HM Interdrink
LZnet/hdw. Der Trend zu Einweg-Getränkeverpackungen bewirkt Verwerfungen im traditionellen Mehrwegsystem. Bei einigen Getränkefachgroßhändlern konzentrieren sich überzählige Ein-Liter-Fruchtgetränkeflaschen. Die Großhändler fordern die Saftindustrie zur Rücknahme und Pfanderstattung auf.
"Egal, wen wir fragen – kein Abfüller will die Sechser-Poolkästen des Verbands der deutschen Fruchtsaftindustrie (VdF) zurücknehmen", sagt Reinhard Holz. Laut dem Geschäftsführer der HM Interdrink Getränke-Service GmbH, Mannheim, ragen auf dem Freigelände des Getränkefachgroßhändlers wahre Kastengebirge auf. Holz weiß auf eine für ihn unangenehme Weise um die Verwandtschaft der Begriffe "Gebinde" und "gebunden": Jede Leerguteinheit steht für 2,40 Euro, davon 1,50 Euro Kastenpfand und 6 mal 15 Cent Flaschenpfand.
In den über 50.000 bei HM aufgelaufenen Kästen stecke Kapital in Höhe von 130.000 Euro, rechnet der Getränkelogistiker vor. Längst leide bei den Mannheimern auch der Logistikbetrieb, weil Leergut immer mehr Manövrier- und Parkfläche für Lkws blockiere.
Die Wurzel der Misere liegt Holz zufolge in der seit Jahren abschmelzenden Mehrwegquote. Gleichwohlsei und bleibe die gerade in Süddeutschland mitgliederstarke Saftindustrie im Obligo, nicht mehr benötigte Gebinde zurückzunehmen, zu schreddern und Pfand zu erstatten.
Tatsächlich tritt die Diskrepanz zwischen in Verkehr gebrachten und tatsächlich genutzen Gebinden deutschlandweit unterschiedlich zu Tage. LZ-Recherchen bei den 15 umsatzstärksten deutschen Getränkefachhändlern legen den Schluss nahe, dass obsolete Saftbehälter sich vor allem bei Großhändlern sammeln, die stark mit dem LEH im Geschäft sind.
Mehrweg auf der Verliererstraße
Grafik: LZ
"Wir fahren Lebensmittelmärkte weit öfter an als die Strecke liefernde Saftindustrie. Daher wird uns dort erheblich mehr Leergut mitgegeben, als wir geliefert haben. Viel davon haben Verbraucher eigentlich andernorts im LEH gekauft, viel stammt von Direktlieferungen der Safter", erklärt Dieter Hamel, Leiter Einkauf und Vertrieb beim Fachgroßhändler Winkels Getränke Logistik. Bei den Karlsruhern wächst zurzeit ein Kastenberg in den Himmel, der selbst jenen bei HM Interdrink noch in den Schatten stellt.
Diesen Missstand will Günther Guder jetzt beheben. Für den geschäftsführenden Vorstand des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels e.V., geht es nicht an, "dass sich eine Branche zu unseren Lasten wirtschaftliche Vorteile verschafft". Von seinen Saft abfüllenden Wertschöpfungspartnern erwartet Guder jetzt nicht weniger, als dem VdF Verband wirksam Kompetenzen für umfassendes Leergutmanagement zu übertragen.
Die Saftindustrie kann sich ihm zufolge dabei am Vorbild der Mineralwasserabfüller orientieren. Diese hätten ihre Genossenschaft deutscher Brunnen vor einigen Jahren so erfolgreich zur Kontrolle und Steuerung von Leergutströmen ermächtigt, dass die beim Fachgroßhandel angeschwemmten Überbestände zügig abgeschmolzen seien. Die Branche hatte damals den Beistand des Kartellamts gesucht und gefunden. Auf die Expertise der Bonner Behörde will Guder, falls notwendig, auch diesmal wieder bauen.
Der ebenfalls in der ehemaligen Hauptstadt ansässige VdF ist indes bemüht, die Wogen zu glätten. HM Interdrink sei zum einen aufgrund einer speziellen Kundenstruktur ein Sonderfall, argumentiert Klaus Heitlinger. Dem VdF-Geschäftsführer zufolge sollten Großhändler temporäre Überbestände eigentlich nach der Saftobsternte im Herbst wieder reduzieren können. Die Branche habe im Übrigen in den vergangenen Jahren bereits Millionen nicht mehr benötigter Gebinde geschreddert und werde diesbezüglich auch weiter am Ball bleiben.
Im Mitgliederkreis selbst sind aktuell freilich auch weniger diplomatisch formulierte Einschätzungen zu hören. In der Branche seien einige Trittbrettfahrer unterwegs, so sinngemäß gleich zwei renommierte Markenanbieter gegenüber der LZ. Diese "schwarzen Schafe", würden die Vorteile des Mehrweg-Pools zwar gerne weiter nutzen, seien aber dennoch nicht willens, selbst verursachte Leergut-Überhänge aus dem Markt zu nehmen.