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LZnet/hdw. Die weltweit hohen Lebensmittelverluste bilden einen Brennpunkt der Debatte zwischen Wirtschaft, Politik, Verbrauchern und NGOs. Vor wenigen Tagen hat das Straßburger Europaparlament einen politischen Vorstoß angekündigt, der die Verderbsquote bis 2025 halbieren soll. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt diese aktuell auf ein Drittel der Gesamtproduktion.
Laut einer EHI-Studie von 2011 werden im deutschen LEH pro Verbraucher und Jahr rund 4 kg Lebensmittel vernichtet. Eine ebenfalls 2011 publizierte Analyse des Frischhaltefolien-Spezialisten Cofresco zufolge entsorgt jeder deutsche Verbraucher gut das Zwanzigfache – sprich: ein Fünftel aller seiner Food-Einkäufe.
Anlässlich der laufenden Grünen Woche in Berlin hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner diesen Missstand abermals kritisiert. Ihr Ministerium hat eine Studie angekündigt, die auch Verluste in der Agrarwirtschaft, Gastronomie und Lebensmittelindustrie beziffern soll.
Forschung und Industrie haben bereits eine Reihe verpackungsbezogener Lösungen entwickelt, mit denen sich die Haltbarkeit von Lebensmitteln verbessern und sich deren Frischegrad ergänzend zum MHDanzeigen lässt. "Aktive" Verpackungen sollen die Schadwirkung etwa von Sauerstoff oder Mikroben auf Füllgüter hemmen, "intelligente" Verpackungen den Frische- oder Reifezustand von Lebensmitteln anzeigen und belegen, wie gut die Kühlkette entlang der Supply Chain eingehalten wurde.
"Es gibt viele Patente, aber nur wenig kommerzielle Anwendungen", sagt Dr. Kajetan Müller. Der Spezialist vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV), Freising, hat in Deutschland die "Plattform für aktive und intelligente Verpackungen" (AIP) im Rahmen des EU-Mittelstandsprogramms Coronet koordiniert.
Ziel des Projekts war, verfügbare Smart-Packaging-Ansätze wie Frischeindikatoren, Zeit-Temperatur-Indikatoren (TTI), Sauerstoffabsorber oder antimikrobielle Verpackungen zusammenzustellen und auszuwerten.
Zu den ältesten, technisch mit am weitesten entwickelten intelligenten Verpackungen zählen die auf Produkte in der Plus-Kühlung fokussierten TTI-Systeme. Das halbe Dutzend kommerziell verfügbarer Varianten setzt Verpackungsetiketten oder -aufdrucke mit einer temperatursensitiven Zone ein, die sich umso mehr verfärbt, je länger und stärker die Umgebungstemperatur von der Pluskühlungsvorgabe abweicht
Das in Deutschland bekannteste System
Onvu bietet BASF gemeinsam mit dem Etikettenspezialisten Bizerba, Balingen, an. "Die Etiketten kosten bis zu fünf Cent, liegen bei großen Label-Chargen aber deutlich unter zwei Cent", so Marc Büttgenbach, der bei Bizerba den globalen Vertrieb von Labels und Consumables leitet. Ihm zufolge läuft derzeit vor der Fußball-EM in der Ukraine ein weiterer Feldversuch "mit einem großen deutschen C+C-Händler".
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Schon zuvor hätten Tests mit Fleischprodukten bei einem deutschen Discounter und einem Vollsortimenter gezeigt, dass die Kühlung von Handel und Industrie "besser auf den TTI-Einsatz vorbereitet ist, als wir ohnehin erwartet hatten." Dabei habe sich herausgestellt, dass die Sorge, TTI-Labeling werde Verbraucher zu unerwünschtem Sortieren im Regal verleiten, unbegründet ist: "Weil die Kühlkette steht, sind auch Etiketten verschiedener Chargen nahezu gleich gefärbt".
Büttgenbach sieht in Zeit-Temperatur-Etiketten eine "klare Hilfe" für Konsumenten, die nicht zwischen MH- und Verbrauchsdatum unterscheiden. Um den Verderb von Lebensmitteln zu mindern, müssten Verbraucher umfassend über TTI-Labels aufgeklärt werden und weit mehr Kühldisziplin üben: Das MHD werde oft schon deswegen nicht erreicht, weil die Temperatur in vielen Kühlschränken deutlich über den von Industrie und Handel eingehaltenen Werten liege. Ebenfalls kritisch sei die ungekühlte Transportstrecke gelabelter Ware vom POS in die Kühlschränke der Konsumenten.
Diese Unwägbarkeiten auf Verbraucherseite richten vor dem Marktdebüt von Frischelabels bisher Hemmschwellen auf. Ein First Mover aus den Reihen der Industrie trüge daher "auch das Risiko des Scheiterns", räumt Dr. Kajetan Müller ein. Der Fraunhofer-Experte schlägt vor, Temperatur-Zeit-Indikatoren im Handel nicht bei Lebensmitteln, sondern weniger sensiblen Produkten wie Schnittblumen erstmals anzuwenden.
Müller ist jedoch überzeugt, dass das erste im Foodbereich erfolgreich umgesetzte TTI-Konzept in der Branche Schule macht. Bizerba-Fachmann Büttgenbach ist zuversichtlich, dass sich in absehbarer Zeit ein Pionier aus der Deckung wagt: "2008 war das Interesse noch gering, doch seit sechs bis acht Monaten hat die Zahl der Anfragen bei uns lebhaft zugenommen", ist in Balingen zu hören.
Durchweg positiv äußert sich auf LZ-Anfrage Daniel Kneuss über die TTI-Technik. Der Unternehmer beliefert von Mägenwil/Schweiz aus premiumorientierte Metzgereien und Gastronomen mit Convenience-Fleisch- und Wurstprodukten. Kneuss hat das Onvu-Etikett 2008 auf der Verpackung eines Backhähnchens (Kilo-Preis: 16 bis 18 Franken) angebracht und schrittweise vier weitere Produkte damit ausgestattet.
Er spricht von einem "genialen Tool, das Frische sichtbar macht". Auch er bestätigt, dass "Verbraucher am POS intensiv über Sinn und Zweck" des Labels informiert werden müssten, jedoch "regelrecht begeistert sind, wenn die Funktion verstanden ist".