Freitag, 25. Mai 2012

mail mail mail Schwerpunkt: Stiftung Goldener Zuckerhut

Die Fühler ausgestreckt

Freitag, 19.09.2008

Anja Frank legte einen Blitzstart ins Berufsleben hin. Doch dann kam ihr die Gründung der eigenen Familie in die Quere / Von Dirk Dietz
LZ|NET. Anja Frank hat die "Mappe der gesammelten Erinnerungen" hervorgeholt. Sie schlägt sie auf und breitet Presseausschnitte auf dem Esstisch im Wohnzimmer aus. Es sind Dokumente eines pfeilschnellen Starts ins Berufsleben.

"Großer Preis für doppelten Einsatz", "Doppelbelastung erfolgreich gemeistert". Der Stiftungspreis machte Schlagzeilen in Heimatblättern wie der "Memminger Zeitung" und der "Allgäuer Zeitung". Gerade 23 Jahre war sie alt, als ihr die Leitung eines der schwierigsten Märkte der Feneberg Lebensmittel GmbH in Kempten angetragen wurde.

Innenstadt, Laufkundschaft, Untergeschoss. Plötzlich hatte das "blutjunge Ding", wie sie mancher Kunde damals nannte, 20 Mitarbeiter zu führen - und zu motivieren: "Die Mannschaft funktionierte nicht", sagt sie. Und die Prüfung zur Handelsfachwirtin lag noch vor ihr. 400 Quadratmeter Verkaufsfläche - sozusagen eine Talentprobe und viel Raum für die erste Bewährung. Das brachte ihr den Stiftungspreis ein.

Chefin eines Trios

Verdammt lang her, nämlich 13 Jahre. Jetzt ist Anja Frank Hausfrau und Mutter. Ihr Reich ist die Wohnung in Stuttgart-Degerloch, im Stockwerk unter den Schwiegereltern. Ihr Team besteht derzeit aus drei Männern: Ihrem Ehemann, dem elfjährigen Julian, den sie auch den "Großen" nennt, und dem dreijährigen Sascha.

Hätte Anja Frank keine Kinder bekommen, weiß sie genau, wo sie heute stehen würde: "Ich wäre konsequent meinen Weg bei Feneberg weiter gegangen", sagt sie. Vermutlich wäre sie jetzt Bezirksleiterin - obwohl damals keine Frau diesem Posten bei Feneberg besetzte. "Das hätte ich aber eingeführt", sagt sie selbstbewusst, "meine Vorgesetzten wussten, wohin ich wollte".

Anja Frank weiß, was sie kann. Sie stellt ihre Fähigkeiten nicht besonders heraus, aber ihr Licht auch nicht unter den Scheffel. Und sie gibt ehrlich zu, dass sie ehrgeizig ist, hohe Ansprüche an sich selbst hat und "ein wenig zum Perfektionismus neigt".

Kaum verwunderlich, dass sie arg zu kämpfen hatte, als sie Mutter, alleinerziehende Mutter wurde und sich zunächst für drei Jahre aus dem Berufsleben in den Erziehungsurlaub verabschiedete. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass mir die Umstellung so schwer fallen würde", sagt sie. Es war wie die Vollbremsung einer Karriere, die vielversprechend begann.

Denn ihren Beruf empfand sie als Spaß, nicht als Belastung. Doch plötzlich fehlte der tägliche Kontakt zu den Kollegen, die Hektik, die Möglichkeit an- und zuzupacken, die Anerkennung und vielleicht auch mancher Adrenalinstoß. Sie sagt: "Wenn's am Wildesten wurde, lief ich zur Höchstform auf."

Mit der Erziehung Julians allein fühlte sie sich nicht ausgelastet. Im Wintersemester 1998, Julian ist gerade 1 Jahr alt, beginnt Anja Frank das Studium der Betriebswirtschaft an der Verwaltungshochschule Kempten. Es geht ihr nicht um die Karriere, dafür braucht sie die akademischen Ehren nicht.

Sie will einfach nur rauskommen, Kontakte zu Kollegen finden und "vor allem mir selbst beweisen, dass das Lernen noch so gut wie früher funktioniert". Vier Semester später hält sie das Diplom in der Hand (vier Semester waren der Handelsfachwirtin anerkannt worden) - "mit einer 1 vor dem Komma. "Das musste sein", sagt sie. Auch ihr Ehrgeiz hat nicht nachgelassen.

Etwas fürs Selbstbewusstsein

Kaum ist ihr Erstgeborener Julian im Kindergarten, steigt sie bei ihrer früheren Firma, jetzt aber in einer Filiale in Innenstadt wieder voll ein, mit Unterstützung ihrer Eltern, die sich um Julian kümmern. "Da habe ich gemerkt, was mir gefehlt hat", sagt sie. Das war im Jahr 2000. Doch schon drei Jahre später folgte die nächste Unterbrechung. Julian kommt in die Schule.

"Und ich wollte meinen Sohn die erste Zeit begleiten." Und noch ein weiterer Mann kamen ihr und ihrer Karriere in die Quere - "der Mann meines Lebens", wie sie sagt. Sie hatte ihn im Jahr 2002 während eines Urlaubs in der Steiermark kennen gelernt. Sie beschreibt es so: "Julian hatte sich jemanden am Nachbartisch ins Bild geschoben."

Zu ihrem Glück. Im Jahr 2004 heirateten sie. Kurz darauf verließ sie ihre Allgäuer Heimat, um nach Stuttgart zu ihrem Mann zu ziehen, der bei der BW-Bank beschäftigt ist. Für sie war das ein Riesenschritt, den sie aber mit Überzeugung tat: "Wenn ich nicht 100 Prozent davon überzeugt gewesen wäre, dass mein Traum von einer Familie funktioniert, hätte ich den Allgäu nie verlassen", sagt sie.

Wenn Anja Frank über Familie spricht, kommt sie unweigerlich auf das Thema Menschenführung. Plötzlich fühlt man sich vom Wohnzimmer und dem Blick in einen ungewöhnlich aufgeräumten und gepflegten Garten in ein Managementseminar für Führungskräfte versetzt.

Ihre Kenntnisse über Mitarbeiterführung, die sie bereits in jungen Jahren erwarb, helfen ihr auch in der Familie, meint sie, beispielsweise, wenn Nachwuchs ins Haus steht. Als Sascha im Jahr 2005 auf die Welt kam, fragte sie sich: "Wie schafft man es, dass sich der Große nicht vom Thron gestoßen fühlt, auf dem er bislang allein gesessen hat?"

Sobald sich eine Familie vergrößert, müsse jeder seine Rolle neue finden und erfinden, meint sie. Wie es scheint, hat der Julian der Große seine Entthronung gut verdaut.

Lange wird sich ihr Aktionsradius nicht mehr auf Haus, Garten und die Führung ihrer Familie beschränken. Das weiß sie. Anfang September ist Sascha, der Kleine, in den Kindergarten gekommen. Und das bedeutet mehr Freiraum, den sie für den beruflichen Wiedereinstieg nutzen will.

"Die Fühler habe ich bereits ausgestreckt", sagt sie. Sie freut sich darauf. Klar ist für sie, dass sich die Familie mit dem "Beruf vereinbaren lassen muss". Eine Gratwanderung, besonders seit viele Einzelhandelsfilialisten ihre Märkte bis 22 Uhr geöffnet halten. Sie sagt: "Viele Jobs im Einzelhandel sind nicht gerade familienkompatibel."

Nicht ohne Grund seien die meisten Marktleiter Männer. Zeitaufwand und Arbeitsbelastung sind hoch. Sie hat eine Freundin, die bei dem Druckerhersteller Hewlett-Packard beschäftigt ist und Beruf und Familie leichter vereinbaren kann. Während sie davon erzählt, ist eine gewisse Sehnsucht nicht zu überhören.

Denn die kann, wenn nötig, im Home-Office arbeiten. Im Einzelhandel wäre das unvorstellbar. Als sie jünger war, spielte das alles keine Rolle. "Damals", sagt sie, "habe ich mich für einen Beruf entschieden, der mir Spaß machte."

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