Auf Marke getrimmt
Markendenken spielte beim Wursthersteller Rügenwalder Mühle lange Zeit keine Rolle. Christian Rauffus hat das geändert. Inzwischen kennt und kauft beinahe jeder die Wurst mit der roten Mühle / Von Dirk Lenders
LZ|NET. Christian Rauffus liebt Schokolade. Weniger wegen des
Naschens. Vielmehr bewundert er die bunte Markenwelt, die die
Süßwarenbranche aus Zucker und Kakao ständig neu erschafft.
Das faszinierte Rauffus schon während seines
Betriebswirtschaftsstudiums in Saarbrücken. Dort reifte auch der
Entschluss, in seinem Unternehmen, dem mittelständischen,
familiengeführten Wursthersteller Rügenwalder Mühle in Bad
Zwischenahn, auf Marke zu setzen, statt weiterhin 400 namenlose
Artikel zu vermarkten.
Markendenken spielte bis dahin bei
Rügenwalder keine Rolle. Mit der Übernahme der
Führungsverantwortung durch den Metzgermeister und Diplomkaufmann
Christian Rauffus änderte sich das grundlegend. Der
geschäftsführende Inhaber, der das Unternehmen inzwischen in
fünfter Generation leitet, setzte seine Idee von der Marke mit der
Rügenwalder Mühle zielstrebig um - selbst gegen Widerstände in der
Familie.
"Über die Werbung gab es lange Diskussionen mit
meinem Vater. Alles, was Geld kostete, hat ihn geärgert. Er fragte
immer: Was soll das bringen?", erinnert sich Rauffus. Schmunzelnd
fügt er hinzu: "Als sich die ersten Erfolge einstellten, hat er
dann nicht mehr gefragt."
Mit großer Weitsicht formte Rauffus
den handwerklich geprägten Wursthersteller zu einem modernen
Unternehmen um. Praktisch aus dem Nichts wurde die rote Mühle zu
einer Marke, die inzwischen eine gestützte Bekanntheit von fast 100
Prozent erzielt.
Jeder zweite Haushalt in Deutschland kauft
mindestens einmal im Jahr ein Rügenwalder-Produkt. Der Umsatz des
Unternehmens hat sich seit dem Start der TV-Werbung 1996 auf rund
150 Millionen Euro verdreifacht.
"Bei uns stand die
Rügenwalder Teewurst seit jeher für etwa 50 Prozent des Umsatzes.
Die andere Hälfte definierte sich alle drei Jahre neu. Dabei hatten
wir so viele Produkte, dass wir kaum mehr nachrechnen konnten, ob
wir damit Geld verdienten. Vor 15 Jahren habe
ich gesagt, so geht das nicht weiter", erinnert sich Rauffus.
Unterstützung holte er sich vom Markenmacher Otto Pahnke. Der
verpasste Rügenwalder ein durchdachtes Gesamtkonzept. Getreu der
Branchenweisheit, dass Wurst, Bier, Brot und Wein eine Heimat
brauchen, entwickelte er ein Markenbild, bei dem Rügenwalder für
Heimat, Genuss, Natürlichkeit und zwischen den Zeilen für Liebe und
Geborgenheit steht.
"Danach hat sich Pahnke alles und jeden in
unserem Haus vorgeknöpft und auf Marke getrimmt", erzählt der
Firmenchef. Zusätzlichen Schwung erhielt das Projekt durch Godo
Röben. Das Marketing liegt seit 1996 in seiner Verantwortung. Der
Manager ist Mitglied der Geschäftsleitung von Rügenwalder Mühle,
ebenso wie Lothar Bentlage, der für den Vertrieb verantwortlich
ist.
Vor zehn Jahren präsentierte dieses Trio auf der
Intermeat 1998 mit der Pommerschen Leberwurst die erste
Markeninnovation seit der Teewurst. Zur Verblüffung der Branche
wurde sie ein großer Erfolg und ist heute Marktführer.
Dieses
Prinzip - in unübersichtlichen und markenlosen Märkten mit Marken
Orientierung zu schaffen - hat Rügenwalder inzwischen mehrfach
angewendet. Rügenwalder ist es so gelungen, Low-Interest-Kategorien
auch für den Handel wieder profitabel zu machen.
"Mit der
Pommerschen und später mit dem Schinkenspicker haben wir uns
selbstständig aus dem Nichts unsere Position erarbeitet", vermerkt
Rauffus. Dass nicht alle Märkte gleich funktionieren, musste
Rügenwalder aber auch erfahren. Mit dem Kochschinken Pommern Spiess
"haben wir uns in ein Haifischbecken begeben", so Marketing-Chef
Röben. Röben ist dennoch weiter davon
überzeugt, dass die Rügenwalder-Marken dem Handel gut tun: "Wir
bieten Spanne bei einem vernünftigen Mengengerüst." Denn nicht
selten liegen die Markenprodukte aus Bad Zwischenahn im
Verkaufspreis rund 100 Prozent über der Preiseinstiegsstufe.
Handelsmarken spielen bei Rügenwalder keine Rolle. Die Ammerländer
produzieren am einzigen Standort des Unternehmens ausschließlich
die eigenen Markenartikel. "In einem mittelständischen Unternehmen
überschaubarer Größe ist es deutlich einfacher, eine klare
Markenpolitik zu fahren, als alles andere auch noch machen zu
wollen.
Die Herstellung von Marken und Handelsmarken -
beispielsweise für den Harddiscount - ist mit Blick auf die
Unternehmenskultur meiner Beurteilung nach nicht so leicht zu
bewerkstelligen", begründet Rauffus seine Unternehmenspolitik.
Markendiscounter wie Lidl oder Netto gehören dennoch absolut zur
Zielgruppe, zumal auch diese Händler die von Rügenwalder
empfohlenen Preise nachvollziehen. Der Rügenwalder-Erfolg wurde vor knapp 20 Jahren mit
dem Rückgriff auf die "gute alte Pommern-Zeit" initiiert. Dort war
das Unternehmen 1834 gegründet worden. 1946 erfolgte der Umzug ins
Ammerland, seit 1956 wird in Bad Zwischenahn produziert.
Doch
im Stile eines klassischen Markenartiklers wird die Marke ständig
erneuert. "Wir schauen schon seit Jahren darauf, dass wir nicht in
der Tradition versauern, sondern uns ständig weiterentwickeln",
betont Rauffus. Er hält die Rügenwalder Mühle "tragfähig für
praktisch alles, was mit Fleisch und Wurst zu tun hat".
Ein
"geht nicht" wird im Innovationskreis des Hauses nicht geduldet.
Aktuell laufen dort 15 Projekte. Hier wurde auch das jüngste
Markenkind, das "Mühlenmett", entwickelt. Dabei machen sich die
Markenbauer aus Bad Zwischenahn schon Gedanken, wie weit sie vom
bisher erfolgreichen Kurs der Spezialisierung abrücken können. "Wir
überlegen uns, wie viele Monomarken nebeneinander existieren
sollten. Deshalb wird die Dachmarke Rügenwalder Mühle eher stärker
als schwächer", so Röben.
Bei aller Innovation, die Neuheiten
müssen für Rauffus zu Rügenwalder passen. "Unser oberstes Ziel ist
der nachhaltige Unternehmenserhalt", betont der 56-jährige. Das
gelte vor allem im härter werdenden Wettbewerbsumfeld. "Wir haben
fünf Lieferanten und fünf Kunden. Das ist unsere Welt, hier müssen
wir gut sein. Es ist meine Pflicht als Unternehmer, meinen Leuten
zu sagen: Das können wir schaffen!"