Aktiver in den Verbraucherdialog treten
Lebensmittelhersteller informieren unzureichend über die Qualität ihrer Produkte – Schulterschluss mit dem Handel suchen
Hersteller müssen um das Verbrauchervertrauen kämpfen
Foto: LZ
LZnet/kon. Echte Lebensmittelkrisen, vermeintliche Skandale – in den Medien und der öffentlichen Diskussion sind sie ein Dauerthema. Wem vertrauen die Verbraucher eigentlich noch, wenn es um die Qualität von Lebensmitteln geht?
Dieser für die Ernährungsindustrie existenziellen Frage ist die BVE anlässlich der Anuga nachgegangen. Nicht alle Antworten schmeicheln dabei den deutschen Produzenten.
Die BVE/GfK-Studie
Die Studie liefert wichtige Hinweise für die Neuausrichtung der Kommunikation der Lebensmittelwirtschaft. Sie bietet zudem konkrete Ansatzpunkte für das Marketing.
Laut Untersuchung sagen 54 Prozent der Verbraucher, die Lebensmittelqualität in Deutschland sei besser im Ausland. Nur jeder Zehnte vertritt die gegenteilige Ansicht.
41 Prozent der Befragten meinen, dass sich die Qualität in den vergangenen Jahren verbessert hat. Allerdings will auch jeder Fünfte eine Verschlechterung festgestellt haben.
Für lediglich gut 10 Prozent der Verbraucher ist Lebensmittelqualität unabdingbar damit verbunden, dass es sich um einen Markenartikel handelt. Für fast zwei Drittel steht dagegen fest, dass die Marke allein noch kein Ausweis für Qualität ist.
37 Prozent sagen, dass Industrie und Handel nicht gut über die Qualität von Nahrungsmitteln informieren.
76 Prozent der Haushalte meinen, Lebensmittel sollten strenger kontrolliert werden.
Rund 80 Prozent der bundesdeutschen Haushalte sehen sich nur bedingt dazu in der Lage, die Qualität von verpackten wie unverpackten Nahrungsmitteln richtig zu beurteilen. Wer sich aber eine Einschätzung nicht zutraut, wer sich nicht gut informiert fühlt, der ruft nach mehr Kontrollen durch den Staat und seine regionalen und lokalen Institutionen.
76 Prozent der Haushalte meinen entsprechend, die Qualität der Lebensmittel sollte strenger kontrolliert werden. Die Verunsicherung durch TV-Magazinbeiträge und Zeitungsberichte scheint hier Spuren hinterlassen zu haben.
Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und der GfK, die am heutigen Freitag vorgestellt wird und der LZ vorab vorliegt. Für die "Consumers‘ Choice"-Untersuchung wurden 30000 Haushalte von den Nürnberger Marktforschern repräsentativ befragt.
Die Ergebnisse sind zum Teil verblüffend einfach, andere überraschend und bisweilen für die Hersteller ernüchternd: 70 Prozent der Verbraucher suchen in erster Linie Rat bei in ihren Augen unabhängigen Testberichten der Stiftung Warentest oder bei Ökotest. Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch liegen auf dem zweiten Rang mit 65 Prozent.
Auf Platz drei und vier folgen die Handwerksbetriebe und Bauern, die für die Verbraucher weniger anonym oder persönlich ansprechbar sind. Auch der Handel landet abgeschlagen im unteren Drittel. Nur 21 Prozent sprechen der Branche das Vertrauen aus. Der Lebensmitteleinzelhandel und die herstellenden Unternehmen landen auf Platz 14 und 15.
Qualitätseinstellung Deutscher Verbraucher
Quelle: GfK/BVE / Grafik: LZ
Der Industrie vertrauen nur 18 Prozent der Verbraucher in Sachen Qualität voll und ganz; 44 Prozent zweifeln und knapp 38 Prozent trauen ihr überhaupt nicht. Lediglich die sozialen Netzwerke im Internet und die Politik und ihre Macher stehen noch schlechter da. In der Vertrauensskala landen unsere gewählten Volksvertreter auf dem letzten, dem 18. Platz.
Qualitätseinstellung Deutscher Verbraucher
Quelle: GfK/BVE / Grafik: LZ
Kaum weniger angenehm für die Vertreter der Markenindustrie: Mehr als 37 Prozent der Befragten meinen, dass Industrie und Handel nicht gut und ausreichend über die Qualität von Nahrungsmitteln informieren.
"Im Verbraucherurteil zeigen sich deutliche Defizite in der Kommunikations- und Aufklärungsarbeit der Wirtschaft, die es zu beheben gilt", kommentiert BVE Vorsitzender Jürgen Abraham die für die Hersteller nicht in allen Punkten angenehmen Ergebnisse.
Auch wenn bei ähnlichen Umfragen ein generelles Vertrauensdefizit gegenüber der Wirtschaft und der Politik festzustellen ist, müssten einzelne Erkenntnisse der Untersuchung "nachdenklich stimmen und dazu anregen, die Situation zu verändern."
Für die Ernährungsindustrie ist es angesichts des gestiegenen Informationsbedürfnisses der Konsumenten deshalb "dringend geboten, ihre Kommunikationsanstrengungen zu verstärken, um mehr Transparenz über die Anstrengungen zur Qualitätssicherung in den Betrieben zu schaffen", so der BVE-Chef. Nur so könne es gelingen, verlorenes Vertrauen der Verbraucher wieder zu gewinnen.