Freitag, 25. Mai 2012

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Der Medienmann

Freitag, 13.03.2009

Christian Baudis verglich in seiner Diplomarbeit den Lebensmitteleinzelhandel verschiedener Länder. Dafür erhielt er den Förderpreis. Doch Karriere machte er bei TV-Sendern und Internetfirmen. / Von Dirk Dietz
LZ|NET. Die nächste Werberevolution nimmt ihren Ausgang von einem schmucklosen Hinterhof in der Augustenstraße in München. Hier hat vor kurzem die europäische Holding des "führenden Online-Video-Werbenetzwerks", Tremor Media, New York, ihr Hauptquartier aufgeschlagen, um in ihrem Feldzug die bisherige Online-Werbung in Europa kräftig durchzuschütteln.

Künftig sollen sich schlichte Werbebanner im Internet zu Bildschirmgröße ausdehnen und als Videos die Reklamebotschaft effektiver an den Mann bringen - Online Video Advertising.

Welche Stunde den aktuellen Stationen der Expansion - London, Paris, München - geschlagen hat, zeigen gleich drei Uhren an der Bürowand an. Tremor heißt nicht wie im Deutschen Zucken und Zittern, sondern Beben, Erdbeben.

Und der Mann, der Europas Werbeszene zum Beben bringen soll, heißt Christian Baudis. Baudis ist ein 1,93 Meter großer, gut gelaunter Schlacks. Sein Bruder überragt ihn um 11 Zentimeter und hat es in die Basketball-Nationalelf gebracht. Dieser Weg blieb ihm, der ebenfalls begeistert "Korbball" spielte, verwehrt.

Umso schillernder verlief seine Karriere bei Fernseh- und Internetunternehmen. Seit dem 1. Juli 2008 baut er für Tremor Media das Europa-Geschäft auf. Für seine neue Aufgabe kommt ihm seine Vielsprachigkeit zupass. Der polyglotte Europa-Chef von Tremor Media beherrscht "drei romanische Sprachen fließend". Und natürlich Englisch nebst seiner Muttersprache Deutsch.

Bebenmacher

Gemessen an seinem letzten Arbeitsplatz als Geschäftsführer von Google Deutschland in der ABC-Straße in Hamburg, unweit des eleganten Jungfernstiegs, logiert Baudis derzeit in einer Garage. Seinen Schreibtisch, eine Arbeitsplatte auf Holzstelzen, hat er selbst zusammengeschraubt. Wenigstens behauptet er das. Der Konferenzraum ist mit Bierzeltmöbeln ausgestattet. "Holztisch und -bänke sind von Obi", sagt der Executive Managing Director Europe schmunzelnd.

Baudis mag die verheißungsvolle Atmosphäre des Improvisierten, das Flair von Aufbruch, Bewegung, das künftigen Erfolg verheißt. Der kleine, bescheidene Anfang lässt den Aufstieg heutiger Weltfirmen wie Google oder Apple umso spektakulärer erscheinen.

Überhaupt Google. Einst ein David, der großen wie Alta Vista ("die Mutter aller Suchmaschinen") und Microsoft das Fürchten lehrte, heute selbst ein globaler Konzern mit Hang zur Datenmonopolisierung. Für Baudis steht außer Frage, dass Tremor Media "den Wachstumsmarkt der Zukunft vor sich hat und der nächste Google sein wird".

Und bei dieser Erfolgsgeschichte will er dabei sein. Dafür hat er "der schönen Stadt Hamburg" nach zweieinhalb Jahren bei Google den Rücken gekehrt. München ist für ihn keine fremde Stadt, sondern seine und seiner Familie Heimat. Seit 16 Jahren ist der heute 44-jährige Baudis verheiratet, und seit zwölf Jahren lebt er in München.

Auch während seiner Hamburger Tage blieb er der Bayern-Metropole verbunden. "Wäre Google in München, wäre ich wohl noch immer dabei." Denn bei dem Suchmaschinenspezialisten habe er " alle Aspekte des Internets kennen gelernt". Doch das ewige Pendeln von Nord nach Süd und retour nervte. Die Entscheidung gegen Google und für Tremor Media ist daher auch eine für seine Frau und seine zwei Kinder, Viviana (9) und Valentino (7), sagt er.

Man muss immer dazu lernen

Wenn Christian Baudis auf seinen bisherigen Werdegang zurückblickt, erkennt er einen roten Faden: Medienmann. Damit meint er auch, dass ihm der Wechsel in dieser Branche, die ständige Bewegung, das Aufkommen neuer und Verschwinden alter Firmen, Zusammenschlüsse und das mitunter schwindelerregende Innovationstempo liegt.

Entsprechend ist seine Karriere verlaufen. In keinem seiner bisherigen Jobs war Baudis länger als vier Jahre. "Kein Manko", findet er, im Gegenteil: " Wenn man die heutige Geschwindigkeit meistern will, muss man immer wieder dazu lernen."

Unvorstellbar für ihn, 35 Jahre, also praktisch lebenslang, in ein und derselben Firma zu sein, so wie sein Vater und mit ihm die gesamte Vätergenerationen. Seine Einstellung zu Beruf und Karriere empfindet Baudis als "eher amerikanisch". In den Vereinigten Staaten sei der Wechsel, auch der berufliche, viel selbstverständlicher.

Vom Handel in die Medienbranche

Dieser Habitus hat Baudis weit ge- und viel herumgebracht. Stationen: Banklehre in Frankfurt, Studium der Betriebswirtschaft an der Frankfurter Goethe-Universität und der renommierten Luigi Bocconi-Managementhochschule in Mailand, 1992 Diplom, seine Abschlussarbeit über den Lebensmitteleinzelhandel im Ländervergleich bringt ihm den Förderpreis der Stiftung Goldener Zuckerhut ein.

Anschließend für die Dresdner Bank Madrid, Paris und London, nach einem Jahr Wechsel als "International Key Account Manager" zu DHL Worldwide in Brüssel, 1997 zu Pro 7/Sat1 in München als Chef des Werbezeitenverkaufs. Obwohl "eher zufällig ins Fernsehen gestolpert", wie er sagt, avanciert er vier Jahre später zum Vorstandsvorsitzenden des Verkaufssenders HomeShopping Europe (HSE), dem seinerzeit führenden Fernseh-Einkaufskanal.

Die Pleite von Leo Kirch setzt auch HSE zu. Baudis bricht zu neuen Ufern auf. Zusammen mit Josef Andorfer, dem einstigen Geschäftsführer von RTL 2, gründet er im Jahr 2003 El Cartel Media, das für RTL 2 Werbezeiten und Merchandisingprodukte vermarktet. "Für mich war das der erste Schritt zu unternehmerischer Verantwortung" , sagt er. Danach geht er als Deutschland-Geschäftsführer nach Hamburg zu Google und dann als Europachef zu Tremor Media.

Für ihn steht schon jetzt fest, dass es nicht die letzte Karrierestufe sein wird. Er sagt: "Jetzt will ich das Technologie- und Video-Netzwerk erst mal erfolgreich in Europa aufbauen und groß machen, dann kommt der nächste Schritt." Wohin die Reise dann gehen könnte, kann er sich gut vorstellen: "Ich möchte mein eigenes Unternehmen gründen". In welcher Branche? "Sicher in den Medien", antwortet der Medienmann Und gewiss nicht im Handel.

Stiftung Goldener Zuckerhut







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