Freitag, 25. Mai 2012

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Die nächste Dimension

Freitag, 07.11.2008

Peter Brabeck-Letmathe stand über zehn Jahre an der Spitze von Nestlé, dem weltweit größten Nahrungsmittelhersteller. In seine Zeit fallen neue Umsatz- und Ergebnisrekorde. Der von ihm angestoßene Umbau zu einer Wellbeing-Company nimmt Gestalt an / Von Gerd Hanke
LZ|NET. Das vor wenigen Monaten bezogene Büro von Peter Brabeck-Letmathe ist kleiner als sein altes. Auch die Bilder sind andere. Sie stammen von dem Ideenmaler Ferdinand Hodler. Selbst der Blick auf den an diesem Tag wieder in einem optimistischen Blau erstrahlenden Genfer See hat sich für den Nestlé-Chairman gewandelt.

Doch Brabeck, der dem weltweit größten Nahrungsmittelhersteller elf Jahre lang als Chief Executive Officer (CEO) vorstand, vermag den Schönheiten der Landschaft im schweizerischen Vevey kaum mehr Zeit zu widmen als an früheren Tagen.

"Die Agenda hat sich geändert, der Zeitplan aber ist so dicht gedrängt wie immer", sagt er. Gleich wird er zu einem Gespräch mit einem Mitglied des schweizerischen Bundesrates aufbrechen. Nächste Woche geht es nach Hongkong.

Neue Wachstumsfelder



Peter Brabeck-Letmathe ist eine Ausnahmepersönlichkeit. Der gebürtige Villacher, Jahrgang 1944, scheint traditionelle Werte, pragmatisches Handeln und visionäres Denken in einer Person zu vereinen. Unter seiner Ägide konnte der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt seine Umsätze auf über 100 Milliarden Schweizer Franken verdoppeln und die Erträge verdreifachen.

Mit zahlreichen Maßnahmen schuf Brabeck die Voraussetzungen dafür, dem Unternehmen neue Wachstumsfelder zu erschließen. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Entscheidungsgremien des Konzerns auf einen Vordenker seines Zuschnitts weiterhin vertrauen.

Seit seinem Ausscheiden als CEO im Mai dieses Jahres wird der Mann, der vor 40 Jahren seine Karriere bei Nestlé begann und sich in der Rückschau selbst gern als gelernter Eiscremeverkäufer bezeichnet, als "active" Chairman geführt.

Als aktiver Präsident des Verwaltungsrates der Nestlé AG macht sich Brabeck auf der Grundlage eines von ihm selbst bereits im Jahre 2000 verfassten Essays über die strategische Ausrichtung des Konzerns weitreichende Gedanken.

Es geht um existenzielle Fragen. "Können wir das Modell Nestlé aufrechterhalten?" "Kann Nestlé auch in Zukunft allein von der Produktion von Lebensmitteln existieren?" Und: "Wie kann Nestlé zu einer Wellbeing-Company werden?"

9 Milliarden Franken Umsatzzuwachs

Der Umbau zu einer Nutrition-Health-Company wäre auf dem Weg dorthin nur ein logischer Zwischenschritt. Nach Nutrition, also Produkten, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen erfüllen, führt der Weg weiter zu Dienstleistungsangeboten rund um die Themen Sorge und Pflege. Der Weg ist vorgezeichnet.

Denn die ehrgeizigen Ergebnisziele lassen sich schon lange nicht mehr allein aus dem Verkauf von Kondensmilch und Milchpulver erzielen. Der konsequente Wandlungsprozess von einem Agrar-Industrieunternehmen hin zu einer Nutrition-Health-Company wurde von Brabeck früh mit eingeleitet und konsequent forciert. Heute repräsentiert die Nutrition-Division ein Umsatzvolumen von nahezu 12 Milliarden Schweizer Franken.

Das ist eine beachtliche Größenordnung, die vielfach die Umsatzleistung diverser multinationaler Hersteller übersteigt. Nutrition gilt als Türöffner für Wellbeing: Je mehr Nestlé bei Nutrition zulegt, desto stärker wird auch der Wellbeing-Teil (heute etwa 2 Prozent) wachsen.

Dass sich Brabeck als würdiger Nachfolger Helmut Mauchers erwiesen hat, steht für viele außer Frage. Das Nestlé-Modell, das ein jährliches organisches Wachstumsziel von 5 bis 6 Prozent bei einer kontinuierlichen Verbesserung des Ertrages vorgibt, geht auf den Österreicher zurück. In welche Dimensionen Nestlé damit vorstößt, verdeutlichen die jüngsten Jahreszahlen. Allein für den Umsatzzuwachs von 9 Milliarden Franken sind acht bis neun neue Fabriken erforderlich.

Eingetretene Pfade verlassen

Brabeck, dem als Gletscherflieger riskante Landungen in großen Höhen keine Angst einjagen, scheute bei Nestlé nicht davor zurück, eingetretene Pfade zu verlassen und unwegsames Terrain zu durchqueren. Sein Name ist eng mit dem Projekt Globe verknüpft, das - auch gegen interne Widerstände - über sechs Jahre umgesetzt wurde.

Im Kern geht es um Systeme und Abläufe, die dabei helfen, hohe Komplexität mit operativer Effizienz zu verbinden. An diesem Thema arbeiten sich derzeit Wettbewerber ab.

Es könnte sein, dass Globe dem Schweizer Konzern einen Vorsprung von fünf bis zehn Jahren verschafft hat. Brabeck hält diese Zeitspanne für realistisch. Mit ihm ist Nestlé ein anderes Unternehmen geworden, ohne dabei Werte und Identität zu opfern.

Brabeck ist die Selbstdisziplin in Person. Ein Mann mit Prinzipien und klarer Haltung. Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit. Die Positionen bei Nestlé erfordern das. Der für Nestlé-Manager geltende Werte-Kodex sei auch privat zu beherzigen, "sonst wirst Du schizophren."

Kampf gegen die Selbstzufriedenheit

Brabeck ist ganz weit oben, aber er wirkt nicht abgehoben: "Sie müssen sich und ihre Entscheidungen stets hinterfragen und bereit sein, Ihre Meinung zu revidieren." Das habe er selbst mehrmals getan, so bekennt er. Beim Pasta-Geschäft beispielsweise. Als er noch Manager in Venezuela war, habe er sich für dieses Geschäftsfeld eingesetzt. "Das war falsch", so die heutige Erkenntnis. Von diesem Geschäft hat sich die Firma wieder getrennt.

Der Nestlé-Chairmann gehört wahrlich nicht zur Sorte Mensch, die sich auf dem Erreichten ausruht. Zu Brabecks CEO-Zeiten zog sich das Top-Management jedes Jahr für drei Tage auf die Berge zum Gedankenaustausch zurück. Dort ist die Luft klar und der Blick reicht bei klarem Wetter weit: "Ich vermag die Zukunft nicht vorherzusagen. Aber ich bin sehr daran interessiert, sie zu gestalten", sagt er.

Den Kampf "gegen die Selbstzufriedenheit" führt Brabeck ohne Unterlass. Sein Aufgabenspektrum bleibt breit gespannt und vielfältig. Er kämpft in hochangesehenen Gremien und bei hochkarätig besetzten Councils gegen "den Wahnsinn", aus Lebensmittel-Rohstoffen Bio-Kraftstoffe zu machen.

Seit Jahren weist er - mit Blick auf die existenzielle Bedeutung für das eigene Unternehmen - auf die Verschwendung von Wasser hin. Seine Plädoyers für den verantwortlichen Umgang mit Wasser fanden sogar Eingang auf der Internet-Plattform You Tube. Brabeck ist's recht. Für alles, was der Sache und damit Nestlé dient, wird er sich weiter einsetzen.

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