Die nächste Dimension
Peter Brabeck-Letmathe stand über zehn Jahre an der Spitze von Nestlé, dem weltweit größten Nahrungsmittelhersteller. In seine Zeit fallen neue Umsatz- und Ergebnisrekorde. Der von ihm angestoßene Umbau zu einer Wellbeing-Company nimmt Gestalt an / Von Gerd Hanke
LZ|NET. Das vor wenigen Monaten bezogene Büro von Peter
Brabeck-Letmathe ist kleiner als sein altes. Auch die Bilder sind
andere. Sie stammen von dem Ideenmaler Ferdinand Hodler. Selbst der
Blick auf den an diesem Tag wieder in einem optimistischen Blau
erstrahlenden Genfer See hat sich für den Nestlé-Chairman
gewandelt.
Doch Brabeck, der dem weltweit größten
Nahrungsmittelhersteller elf Jahre lang als Chief Executive Officer
(CEO) vorstand, vermag den Schönheiten der Landschaft im
schweizerischen Vevey kaum mehr Zeit zu widmen als an früheren
Tagen.
"Die Agenda hat sich geändert, der Zeitplan aber ist so
dicht gedrängt wie immer", sagt er. Gleich wird er zu einem
Gespräch mit einem Mitglied des schweizerischen Bundesrates
aufbrechen. Nächste Woche geht es nach Hongkong.
Peter
Brabeck-Letmathe ist eine Ausnahmepersönlichkeit. Der gebürtige
Villacher, Jahrgang 1944, scheint traditionelle Werte,
pragmatisches Handeln und visionäres Denken in einer Person zu
vereinen. Unter seiner Ägide konnte der größte
Nahrungsmittelkonzern der Welt seine Umsätze auf über 100
Milliarden Schweizer Franken verdoppeln und die Erträge
verdreifachen.
Mit zahlreichen Maßnahmen schuf Brabeck die
Voraussetzungen dafür, dem Unternehmen neue Wachstumsfelder zu
erschließen. So kommt es nicht von ungefähr, dass die
Entscheidungsgremien des Konzerns auf einen Vordenker seines
Zuschnitts weiterhin vertrauen.
Seit seinem Ausscheiden als
CEO im Mai dieses Jahres wird der Mann, der vor 40 Jahren seine
Karriere bei Nestlé begann und sich in der Rückschau selbst gern
als gelernter Eiscremeverkäufer bezeichnet, als "active" Chairman
geführt.
Als aktiver Präsident des Verwaltungsrates der Nestlé
AG macht sich Brabeck auf der Grundlage eines von ihm selbst
bereits im Jahre 2000 verfassten Essays über die strategische
Ausrichtung des Konzerns weitreichende Gedanken.
Es geht um
existenzielle Fragen. "Können wir das Modell Nestlé
aufrechterhalten?" "Kann Nestlé auch in Zukunft allein von der
Produktion von Lebensmitteln existieren?" Und: "Wie kann Nestlé zu
einer Wellbeing-Company werden?" Der Umbau zu einer Nutrition-Health-Company wäre
auf dem Weg dorthin nur ein logischer Zwischenschritt. Nach
Nutrition, also Produkten, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen
erfüllen, führt der Weg weiter zu Dienstleistungsangeboten rund um
die Themen Sorge und Pflege. Der Weg ist vorgezeichnet.
Denn
die ehrgeizigen Ergebnisziele lassen sich schon lange nicht mehr
allein aus dem Verkauf von Kondensmilch und Milchpulver erzielen.
Der konsequente Wandlungsprozess von einem
Agrar-Industrieunternehmen hin zu einer Nutrition-Health-Company
wurde von Brabeck früh mit eingeleitet und konsequent forciert.
Heute repräsentiert die Nutrition-Division ein Umsatzvolumen von
nahezu 12 Milliarden Schweizer Franken.
Das ist eine
beachtliche Größenordnung, die vielfach die Umsatzleistung diverser
multinationaler Hersteller übersteigt. Nutrition gilt als Türöffner
für Wellbeing: Je mehr Nestlé bei Nutrition zulegt, desto stärker
wird auch der Wellbeing-Teil (heute etwa 2 Prozent) wachsen.
Dass sich Brabeck als würdiger Nachfolger Helmut Mauchers erwiesen
hat, steht für viele außer Frage. Das Nestlé-Modell, das ein
jährliches organisches Wachstumsziel von 5 bis 6 Prozent bei einer
kontinuierlichen Verbesserung des Ertrages vorgibt, geht auf den
Österreicher zurück. In welche Dimensionen Nestlé damit vorstößt,
verdeutlichen die jüngsten Jahreszahlen. Allein für den
Umsatzzuwachs von 9 Milliarden Franken sind acht bis neun neue
Fabriken erforderlich. Brabeck, dem als Gletscherflieger riskante Landungen in großen
Höhen keine Angst einjagen, scheute bei Nestlé nicht davor zurück,
eingetretene Pfade zu verlassen und unwegsames Terrain zu
durchqueren. Sein Name ist eng mit dem Projekt Globe verknüpft, das
- auch gegen interne Widerstände - über sechs Jahre umgesetzt
wurde.
Im Kern geht es um Systeme und Abläufe, die dabei
helfen, hohe Komplexität mit operativer Effizienz zu verbinden. An
diesem Thema arbeiten sich derzeit Wettbewerber ab.
Es könnte
sein, dass Globe dem Schweizer Konzern einen Vorsprung von fünf bis
zehn Jahren verschafft hat. Brabeck hält diese Zeitspanne für
realistisch. Mit ihm ist Nestlé ein anderes Unternehmen geworden,
ohne dabei Werte und Identität zu opfern.
Brabeck ist die
Selbstdisziplin in Person. Ein Mann mit Prinzipien und klarer
Haltung. Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit. Die
Positionen bei Nestlé erfordern das. Der für Nestlé-Manager
geltende Werte-Kodex sei auch privat zu beherzigen, "sonst wirst Du
schizophren." Brabeck
ist ganz weit oben, aber er wirkt nicht abgehoben: "Sie müssen sich
und ihre Entscheidungen stets hinterfragen und bereit sein, Ihre
Meinung zu revidieren." Das habe er selbst mehrmals getan, so
bekennt er. Beim Pasta-Geschäft beispielsweise. Als er noch Manager
in Venezuela war, habe er sich für dieses Geschäftsfeld eingesetzt.
"Das war falsch", so die heutige Erkenntnis. Von diesem Geschäft
hat sich die Firma wieder getrennt.
Der Nestlé-Chairmann
gehört wahrlich nicht zur Sorte Mensch, die sich auf dem Erreichten
ausruht. Zu Brabecks CEO-Zeiten zog sich das Top-Management jedes
Jahr für drei Tage auf die Berge zum Gedankenaustausch zurück. Dort
ist die Luft klar und der Blick reicht bei klarem Wetter weit: "Ich
vermag die Zukunft nicht vorherzusagen. Aber ich bin sehr daran
interessiert, sie zu gestalten", sagt er.
Den Kampf "gegen die
Selbstzufriedenheit" führt Brabeck ohne Unterlass. Sein
Aufgabenspektrum bleibt breit gespannt und vielfältig. Er kämpft in
hochangesehenen Gremien und bei hochkarätig besetzten Councils
gegen "den Wahnsinn", aus Lebensmittel-Rohstoffen Bio-Kraftstoffe
zu machen.
Seit Jahren weist er - mit Blick auf die
existenzielle Bedeutung für das eigene Unternehmen - auf die
Verschwendung von Wasser hin. Seine Plädoyers für den
verantwortlichen Umgang mit Wasser fanden sogar Eingang auf der
Internet-Plattform You Tube. Brabeck ist's recht. Für alles, was
der Sache und damit Nestlé dient, wird er sich weiter einsetzen.