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Helmut Kohler (Mitte) mit Söhnen Gerd und Uwe (v.l.)
Thomas Schindel
LZnet/men. Helmut Kohler greift zu dem Album, das bis jetzt auf dem schweren Buchenschreibtisch im Büro seines Sohnes Uwe gelegen hat. Er zeigt Fotos. Als er ein leicht vergilbtes Dokument aus dem Jahre 1950, die Edeka-Beitrittsurkunde seines Vaters, auseinanderfaltet, ist man mittendrin in der 60-jährigen Firmengeschichte, die zugleich so wunderbar exemplarisch die Entwicklungslinien des Edeka-Einzelhandels beschreibt.
Die Geschichte vom Aufbau. Vom 60-Quadratmeter-Laden im badischen Oberweier, den Wilhelm und Martha Kohler, die Eltern von Helmut Kohler, 1950 eröffneten. Die Geschichte vom Aufstieg. Von Helmut Kohler, der in Offenburg bei Edeka-Händler Zinth in die Lehre ging und bereits 1961, im Alter von 20 Jahren, in Diersburg von seinem Lehrmeister einen Markt übernahm.
Und die Geschichte vom Wandel zum mittelständischen Mehrfilialunternehmen, von Uwe und Gerd Kohler, die, unterstützt von ihrem Vater Helmut, die Familientradition auf neue Füße stellen und in die heutige Dimensionen führten: Sieben Märkte, davon fünf im Familienbesitz, 300 Mitarbeiter, 63 Millionen Euro Jahresumsatz (brutto), eine Ebit-Marge von 3 Prozent.
"Es hätte auch alles anders kommen können", beugt Helmut Kohler etwaigen Lobreden an diese Erfolgsgeschichte vor. Geistig blättert der 69-Jährige die Familienchronik jetzt zurück ins Jahr 1993: Er bekommt von seiner Großhandlung, der damaligen Edeka Baden-Württemberg, einen Markt in Friesenheim angeboten.
Die Verkaufsfläche beträgt 750 Quadratmeter, es wäre der vierte Markt. "Ich stand vor einer Grundsatzfrage, vor der damals wie heute viele Kaufleute stehen: Ins Risiko gehen und expandieren oder weiter machen wie bisher und anschließend meine Rente verjubeln?"
Die Antwort sollen seine Söhne geben – der Kaufmann will die Übernahme des Marktes nur stemmen, wenn beide an Bord sind. Gerd, der Jüngere, heute 41, ist dabei. Uwe, der Ältere, heute 44, hat andere Pläne.
Das Dasein als Local Hero, das Kleinklein des ewigen Lokalmatadors, erscheint ihm zu eng. Er will Manager werden. Im Alter von noch nicht einmal 30 Jahren hat er es bereits zum Leiter der Betriebswirtschaft/Controlling bei Edeka Baden-Württemberg gebracht.
Der Vater, ein Kämpfer, der als Linksverteidiger im Fußball manchen Gegner zermürbte, bringt schließlich auch den Sohn von seinem ursprünglichen Karriereweg ab. 1994 steigt er ins väterliche Unternehmen ein.
Die Kohlers übernehmen in Friesenheim ihren vierten Markt. Das Familienunternehmen ändert die Struktur, aus der Einzelfirma wird eine GmbH, geschäftsführende Gesellschafter sind der Senior und die Söhne.
Die Zuständigkeiten sind klar verteilt: Helmut und Gerd Kohler sind für Ware und die Umsetzung der Philosophie in den Märkten zuständig. Uwe Kohler zeichnet verantwortlich für die kaufmännische Geschäftsführung, Personal, Marketing und Expansion. "Die Nachfolgregelung und die klare Zuteilung gaben den Ausschlag für meinen Einstieg", erklärt Uwe Kohler.
Seine Zusage ist der Prolog für ein neues, bewegtes und rasantes Kapitel in der Firmenchronik. Auch dafür, dass er nun in einem lichtdurchfluteten Büro im Obergeschoss der Arena Lahr, dem Hauptquartier des Unternehmens, sitzt.
Die im Jahr 2000 eröffnete Arena ist ein Einkaufzentrum mit einer Verkaufsfläche von 16000 Quadratmetern. Sie ist der bisher größte aller Meilensteine in der Historie des Unternehmens. Die in Stein gemeißelte Dokumentation des Wandels vom dörflich geprägten Edeka-Händler zum modernen Einzelhandelsunternehmen und Großimmobilieninhaber.
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Denn Besitzer und Betreiber des Centers ist die Familie. 20 Millionen Euro investierte sie in den Bau. 25 Mieter sind in dem Gebäude untergebracht, Uwe Kohler hat sich um jeden einzelnen persönlich bemüht. "Das Projekt hat mich restlos davon überzeugt, dass ich meine Ideen nirgendwo so gut umsetzen kann wie als selbstständiger Unternehmer."
Herzstück des Gebäudes ist das kürzlich renovierte E-Center im Haupteingangsbereich. Hier zeigen die Kohlers jene Mischung aus Kreativität und kaufmännischem Geschick, für die sie im gesamten deutschen Lebensmittelhandel bekannt sind.
"Kohler, das ist Frische, das ist Modernität, das ist Vielfalt und Ideenreichtum in den Sortimenten und hervorragende Servicequalität", bringt ein Händlerkollege neidlos auf den Punkt, was in Lahr auf 3600 Quadratmeter Verkaufsfläche zu besichtigen ist. Obst- und Gemüseinsel im Eingangsbereich, breite Gänge, niedrige Regale. Eine üppige, 1800 Sorten starke Weinabteilung.
Aus 45000 Artikeln zusammengestellte Sortimente, geliefert von 500 Lieferanten. Großzügige und mit Liebe zum Detail befüllte Bedientheken für Käse, Fleisch und Fisch. Ein Getränkemarkt, der nicht zuletzt durch seine Vielfalt an regionalen, teilweise sogar lokalen Mineralwassern und Bieren glänzt.
Kurzum: Ein Tempel der Frische und der Lebensmittelvielfalt, der nicht mit aufreizend grell dargebotenen Purzel-Preisen punktet, sondern mit Produkten und Dienstleistungen.
"Wir nehmen in Kauf, dass wir als Leistungsführer nicht die niedrigsten Kosten haben und damit nicht gleichzeitig die Preisführerschaft anstreben können", doziert Uwe Kohler. Als wesentliche Basis dafür, dass dieses Konzept aufgeht, gilt für den "treuen Edekaner" eine "gut funktionierende Vorstufe".
Es ist kein Zufall, dass die Kohlers ihr Tun stets in den großen Zusammenhang der Entwicklung und Weiterentwicklung der gesamten Gruppe stellen. Der Sprung aus dem Schatten der Selbstbezogenheit hat sozusagen Familientradition. Bis zum Jahr 2005, mehr als 20 Jahre lang, setzte sich Helmut Kohler als Aufsichtsrat der Edeka-Regionalgesellschaft Südwest für die Belange der Kaufleute ein. Sein Sohn Uwe ist seit 2007 in den Gremien aktiv. Die Kohlers hinterlassen Spuren in der Edeka-Welt.
Zu Kopf gestiegen ist ihnen das nicht. Wachstum, offenbart Uwe Kohler in badischer Offenheit schwäbische Tugenden, sei nur dann sinnvoll, wenn alle Baustellen abgearbeitet seien. Jede Investition ist von einer soliden Eigenkapitalbasis unterfüttert.
Zwar übernahm das Unternehmen nach dem Mammutprojekt Arena einen ehemaligen Tengelmann-Markt in Schutterwald (Verkaufsfläche: 800 qm). Danach war aber erst einmal fünf Jahre Ruhe. In den Jahren 2006 bis 2008 gingen zwei neue Märkte in Altenheim (1700 qm) und Seelbach (1800 qm) ans Netz, einer wurde modernisiert. 2009 folgte der nächste Kraftakt: Die Großfläche in Kehl, eine Art Wiederauflage des Marktes in Lahr.
"Im laufenden Jahr werden wir auch dort schwarze Zahlen schreiben", erklärt Kohler. Es soll jetzt wieder behutsamer weiter gehen. Zwei bis drei zusätzliche Standorte in den kommenden zehn Jahren sind das Ziel. Fünf ältere Märkte hat das Unternehmen im Laufe seiner Geschichte schon abgegeben. Bereinigung als logische Folge eines betriebswirtschaftlich vernünftigen Wachstums.
Betriebswirtschaftliche Vernunft? Ein Standort konnte sich deren Diktat bislang widersetzen: Diersburg. "Dort hat mit meinem ersten Markt mein Unternehmerleben begonnen", sagt Helmut Kohler. 1979, als er diesen ersten Laden neu gebaut und auf 180 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitert hatte, galt er in der deutschen Handelslandschaft als "Supermarkt der Supermärkte".
Kohler wurde zum Vorreiter. 30 Jahre später bezeichnen seine Söhne den Markt als "teures Hobby". Am liebsten würden sie ihn schließen. Er trage gerade einmal 0,8 Prozent zum Jahresumsatz bei, rechnen sie ihrem Vater vor. Der zeigt hartnäckig seine Verteidigerqualitäten. Wie ein Fels in der Brandung steht er weiterhin fast jeden Tag selbst in dem kleinen Laden.
Wenn er sich zwischen den Regalen befindet und mit seinen Kunden spricht, ist das für ihn viel mehr als nur ein Hobby. Diersburg sei auch ein Zeichen der Loyalität gegenüber der Stammkundschaft, sagt er. Die Reminiszenz an die eigene Händlervergangenheit, das Gesicht der Geschichte in der Gegenwart. Und das Gesicht der Zukunft? "Internet, Catering, wir sondieren viele Möglichkeiten, auch außerhalb unseres jetzigen Stammgeschäfts", sagt Uwe Kohler.
Sein Vater will gerade gehen. Erst zum Mittagessen, dann nach Diersburg, in den kleinen Laden. Als er sich verabschiedet, kommt ein Teenager auf ihn zu. Es ist der 13-jährige Enkel Max.
Er hat Schulferien und bessert sich das Taschengeld auf, indem er im Markt in Lahr die Weinregale auffüllt. Opa Helmut und Vater Uwe klopfen ihm auf die Schulter. Ein schönes Bild. Geeignet auch für die Familienchronik – möglicherweise als Prolog eines weiteren Kapitels.