Meister des Wachstums
Eine unverrückbar konsequente Markenstrategie macht Ferrero Deutschland zu einem der erfolgreichsten Unternehmen der Süßwarenbranche. Das Erfolgsrezept ist eine gelungene Mixtur aus Innovation und Kontinuität. / Von Andreas Chwallek
LZ|NET. Als das italienische Familienunternehmen Ferrero 1957 in
Deutschland die Mon Cheri-Pralinen einführte, ahnte niemand, dass
damit die Basis für eine einzigartige und bis heute anhaltende
Erfolgsstory geschaffen war. Es folgten große Marken wie Hanuta,
Nutella, Kinder Schokolade, Rocher und die
Kinder-Überraschungseier, von denen heute fast jede auf mehr als
100 Millionen Euro Umsatz kommt.
Inzwischen kommt das
Unternehmen mit 28 Marken auf einen Deutschland-Umsatz von knapp
1,8 Milliarden Euro, weit mehr als das Doppelte der größten
Wettbewerber. Und die Grenzen des Wachstums scheinen noch längst
nicht erreicht. Neueinführungen wie die dunklen Pralinen "Rond
Noir" und die Snack-Variante "Nutella Go" im Jahr 2008 brachten es
vom Start weg auf über 60 Millionen Euro Umsatz.
Harm Humburg
Doch nicht nur die neuen Produkte wachsen. Die
Nachfrage nach dem Klassiker Nutella steigt Jahr für Jahr und macht
2010 den Ausbau der Kapazitäten notwendig. Selbst die Marke Mon
Cheri, deren Zenit bereits überschritten schien, legt in jüngerer
Zeit wieder erquickliche Wachstumsraten vor.
Solche Erfolge
kommen nicht von ungefähr. Dahinter steht ein perfektioniertes
System, das den Süßwarenhersteller so krisenfest gemacht hat wie
kaum ein anderes Unternehmen, selbst in so schwierigen Zeiten wie
heute. "Ferrero ist ein Champion der Old Economy", meint Carlo
Vassallo, seit September Mitglied der Geschäftsleitung bei der
hiesigen Tochtergesellschaft.
Carlo Vassallo
Doch was
macht den Erfolg im Vergleich zu den Wettbewerbern aus? "Wir
glauben nicht an Lebenszyklen, sondern an die Kraft der
Kontinuität. Wir unterscheiden uns von anderen Firmen in der
Kontinuität und Konsequenz", sagt Vassallo.
Für Kontinuität
nach außen steht auch Harm Humburg, der seit über zehn Jahren als
Verkaufs-Geschäftsführer in der Frankfurter Zentrale arbeitet. Er
ergänzt: "Ein großer Unterschied zum Wettbewerb und einer unserer
wichtigen Erfolgsfaktoren ist die ausschließliche Konzentration auf
die Marken. Jede Marke wird wie eine eigene Firma geführt - wir
nennen dies Prodotto Impresa." Jede dieser Marken müsse permanent
erneuert werden, vergleichbar mit "einer kontinuierlichen
Instandhaltung durch regelmäßige Auto-Inspektionen". Die dafür erforderliche "Werkstatt" liegt
in Nordhessen. Der Ferrero-Betrieb im Örtchen Stadtallendorf, in
dem zu Saison-Spitzenzeiten bis zu 4.500 Mitarbeiter beschäftigt
sind, erinnert fast an eine Kleinstadt - inklusive "Opera Sociale",
einem Senioren-Zentrum mit sozio-kulturellem Angebot für ehemalige
Mitarbeiter. Stadtallendorf zählt zu den größten Süßwarenfabriken
weltweit. Mit gewaltigen Investitionen wurde der Betrieb über Jahre
ausgebaut. Auch den benötigten Kakao verarbeitet das Unternehmen
selbst, um sich damit völlig unabhängig von Vorstufen-Lieferanten
zu machen.
Jährlich fließen zweistellige Millionenbeträge in
das Werk, sowohl in die Modernisierung und die Erweiterung von
Anlagen als auch in Forschung und Entwicklung. Die Ergebnisse sind
manchmal verblüffend. So verfügt Ferrero mittlerweile sogar über
eigene Systeme, mit deren Hilfe sich genetisch modifizierte
Rohstoffe aufspüren lassen.
Für Vassallo sind Innovationen
nicht nur neue Produkte. Sie setzen sich vielmehr aus vielen
weiteren Komponenten zusammen, vom geschäftlichen Bereich bis zu
produktspezifischen Aspekten. So erzeugen aus seiner Sicht die
umfassenden Investitionen Ferreros in Forschung und Entwicklung
stetiges Wachstum. Die Entwicklung und
Einführung neuer Produkte folgt einem ausgeklügelten System. Von
der Serienreife bis zur nationalen Markteinführung vergehen in der
Regel Jahre. Über so einen langen Atem kann nur ein
Familienunternehmen wie Ferrero verfügen. In börsennotierten
Companies, die dem Diktat von Quartalsberichten folgen, wäre dies
kaum vorstellbar.
Lange vor der nationalen Markteinführung
eines neuen Produktes erfolgen umfassende und langwierige regionale
Tests. Allein dafür beschäftigt das Unternehmen ein eigenes Team.
In dieser Vorgehensweise sehen sich die Frankfurter nach den
jüngsten Erfahrungen mit der Pralinenmarke "Garden" bestätigt.
Humburg: "Ferrero Garden hat nach einem furiosen Start seine
Position nicht halten können. Hier haben wir geglaubt, die
Testphase einmal verkürzen zu können. Jetzt müssen wir
nachbessern."
Bei der nationalen Einführung von Produkten
nehmen die Frankfurter viel Geld für Werbung in die Hand. Mit einem
Brutto-Werbeetat von weit über 300 Millionen Euro zählt Ferrero zu
den größten Werbetreibenden überhaupt. Die Investitionen steigen
seit Jahren kontinuierlich. Hinzu kommen "additionale
Media-Konzepte, um den Kontakt zu den Verbrauchern bei der Nutzung
neuer Medien nicht zu verlieren." Die Omnipräsenz der Naschwaren von Ferrero setzt sich bis auf
wenige Ausnahmen im Handel fort. Trotzdem sieht Verkaufschef
Humburg noch vielerlei ungenutzte Chancen: "Wir haben in fast allen
Kanälen Distributionsreserven." Doch auch für den
Distributionserhalt müssen die Frankfurter bei jedem Produkt immer
wieder den Leistungsbeweis erbringen.
Neuland für Listungen
besteht nur noch bei Aldi Nord und dm-Drogeriemarkt. Sind die
Produkte erst einmal im Handel verfügbar, geht es darum, sie
richtig zu platzieren. Dazu investiert das Unternehmen in
erheblichem Maße in Marktforschung und sogenannte Shopper-Studien.
Hier zählen die Frankfurter gleichfalls zu den Vorreitern in der
Branche.
Auch in anderer Hinsicht zählt das Unternehmen zu den
Ausnahme-Erscheinungen in der Branche: Sämtliche Handelskunden
behandelt der Süßwarenhersteller gleich - durch ein ausgeklügeltes
Rückvergütungssystem, welches Umsatzsteigerungen mit
Ferrero-Produkten im Nachhinein honoriert. Diese konsequente Gleichbehandlung großer und kleiner
Handelskunden sorgte in der Vergangenheit wiederholt für
Konfliktstoff mit Großabnehmern, die gerne bevorzugt worden wären.
Doch unterm Strich partizipierten alle am Erfolg von Ferrero. So
ist in dieser Hinsicht Ruhe eingekehrt.
Ruhelos zeigt sich das
Management indes beim Streben nach weiterem Wachstum. Doch anders
als bei mancher Schwester im Ausland muss sich die deutsche
Ferrero-Führung, das ist absehbar, mit einstelligen Zuwachsraten
begnügen.
Schon die schiere Größe erschwert hohe prozentuale
Steigerungen. Als von Ferrero Deutschland vor 25 Jahren Rocher
einführte, setzte das Produkt 35 Millionen Euro um und bescherte
Ferrero damit ein Wachstum von zehn Prozent. Im vergangenen Jahr
stieg der Umsatz der Frankfurter um 70 Millionen Euro - zwar
doppelt so viel, aber dennoch nur plus vier Prozent. Mit einem
Wachstum in dieser Größenordnung rechnet Deutschland-Chef Vassallo
auch in Zukunft. Und er kündigt an: "Um dies zu erreichen, werden
wir uns auf allen Ebenen noch qualitativ verbessern."