Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Die Krise trifft Märkte, Marken und Menschen
unterschiedlich heftig. Gewinnermarken wissen diese Mechanismen geschickt für sich zu nutzen: Sie differenzieren sich durch Innovationen und investieren gezielt in Werbung.
LZ|NET/cd. Wolfgang Twardawa ist immer für ein griffiges Statement
gut. Der Grandseigneur der GfK versteht es, komplexe Markt- und
Konsumentenreaktionen in eingängige Formeln zu fassen. „Wenn schon
kein neuer Kühlschrank, dann soll wenigstens der alte gut gefüllt
sein“ – dieses Zitat des Division Managers Marketing bringt die
aktuelle Lage der FMCG-Branche wie kaum ein zweites auf den Punkt.
Nonfood zählt eindeutig zu den Verlierern in der Krise. Laut
GfK sanken die Umsätze 2008 im Vergleich zum Vorjahr um ein halbes
Prozent auf 147,6 Milliarden Euro. Und sie werden in diesem Jahr
nochmals um zwei Prozent nachgeben, so die Prognose der Nürnberger.
Der Lebensmittelhandel dagegen kommt ungeschoren davon.
2008
kletterten die Umsätze um 5,1 Prozent auf 151,6 Milliarden Euro.
Und 2009 wird sich dieses Niveau nach Ansicht der Experten
behaupten können.
Gegessen und getrunken wird eben immer. Aber
es kommen weitere Faktoren hinzu, die die Foodbranche insgesamt zum
Krisengewinner machen. So beobachtet Twardawa eine Verlagerung von
Außerhaus-Aktivitäten in die eigenen vier Wände. „Die Verbraucher
gehen deutlich weniger essen.“ Davon profitiert der LEH.
„Im
ersten Tertial 2009 verzeichnete er zwar ein Minus von einem
Prozent, das ist aber ausschließlich auf Preisreduzierungen
zurückzuführen“, erläutert der GfK-Manager. Die Gastronomie
hingegen hat das Nachsehen, und infolgedessen leiden C+C-Anbieter
ebenfalls unter dem Rückzug der Deutschen ins traute Heim.
Auch
die Urlaubssaison steht unter dem Einfluss der Rezession. Insgesamt
will Reiseweltmeister Deutschland seine Aktivitäten in diesem
Sommer um 3,5 Prozent zurückfahren. Davon sind mit minus 7,8
beziehungsweise minus 8,8 Prozent besonders Auslands- und
Flugreisen betroffen. Ferien im Inland indes haben Konjunktur und
werden mit voraussichtlich 3,7 Prozent deutlich zulegen.
„Heute
heißt es für viele ‚Edeka statt Ibiza’“, kommentiert Twardawa
diesen Trend. Will heißen: Urlaub in Deutschland sorgt für einen
weiteren Umsatzschub bei Food.
Dabei folgen die einzelnen
Sortimente in wirtschaftlich schwierigen Zeiten vier
unterschiedlichen Konsummustern, wie der Marktforscher
herausgefunden hat. Er nahm den Zusammenbruch der New Economy
2002/2003 genauer unter die Lupe.
Die Ergebnisse dieser Analyse
sind seiner Ansicht nach auf die aktuelle Situation im Großen und
Ganzen übertragbar. „Da aber das Ausmaß der derzeitigen Krise
größer ist, könnten die Märkte, die letztes Mal betroffen waren,
nun stärker leiden“, zollt er der besonderen Dramatik Respekt.
„Keine Änderung“ zeigt das Kaufverhalten bei den meisten
Standardprodukten wie Tiefkühlkost (ohne Pizza), Müsli,
Molkereiprodukte, Konserven, Wurst, Zucker, Mehl, Reis und Bier.
Auch die Ausgaben für Cremes, Duschbäder, Mundpflege, Shampoo,
Geschirrspülmittel oder Allzweckreiniger bleiben konstant. „Selbst
wenn das Geld knapper oder die Ängste größer werden, verzichtet man
darauf nicht“, betont Twardawa.
Ganz anders bei den Consumer
Goods, die dem so genannten V-Typ zuzurechnen sind: Herrscht Flaute
im Portemonnaie, „gehen die Ausgaben für Wein, Spirituosen, Kaffee,
Gesichtspflege oder Universalwaschmittel zunächst zurück, steigen
dann aber wieder an“, erläutert er das Buchstabensymbol.
Das
kann daran liegen, dass schlichtweg weniger davon gekauft wird oder
aber dass die Verbraucher auf billigere Marken ausweichen. „Gerade
bei Wein, Spirituosen oder Gesichtscremes gibt es eine sehr große
Preisspreizung und die absoluten Sparbeträge sind entsprechend
hoch.“ Später kehren die Käufer dann zu ihren alten Gewohnheiten
zurück. Der L-Typ, zu dem der Division Manager Sekt,
Feinwaschmittel und Haarspray zählt, erleidet in solchen Zeiten
ebenfalls Einbußen.
Doch hier bleiben die Kunden nach der Krise
bei den billigeren Alternativen „weil sie merken, dass die gar
nicht so schlecht sind“. So verzichte manch einer dauerhaft auf
Feinwaschmittel, wenn er feststellt, dass ihm ein Universalprodukt
genügt.
Oder er entdeckt, dass preiswerte Haarsprays die Frisur
ebenfalls halten beziehungsweise ihm günstige Sektsorten genauso
gut schmecken. Zu den Produkten, die sich positiv entwickeln,
„gehören all die kleinen Freuden, die man sich gerade in
schwierigen Lagen gönnt“ – also Trostpflaster wie Schokolade und
Pralinen, Bonbons und Eis, Snacks, Konfitüre und Feinkostsalate.
Weil vermehrt in den eigenen vier Wänden gegessen wird,
profitiert zudem der Conveniencesektor mit Pizza, Suppen und
Fertiggerichten, gern begleitet von einer Cola. Auch Haustiere
müssen nicht darben: „Zu den Gewinnern zählt Tiernahrung – wir
wissen, dass selbst Verbraucher mit wenig Geld ihre Lieblinge nicht
zurückstecken lassen.“
Entwarnung gibt der GfK-Fachmann darüber
hinaus für die Hersteller dekorativer Kosmetik. Schließlich agieren
die meisten Konsumenten nach dem Motto: „Wenn es mir schon schlecht
geht, will ich nicht obendrein schlecht aussehen.“
Je nach
finanzieller Situation werden die Konsumenten vom Abschwung
unterschiedlich stark getroffen. Als „krisenresistent“
klassifiziert die GfK derzeit 46 Prozent der Haushalte, für
„krisengefährdet“ hält sie 21 Prozent. Dazwischen befinden sich die
Haushalte „mit angespannter finanzieller Situation“ – sie machen
ein Drittel aus. Arbeitslosigkeit verändert die Einkaufsstrukturen
erwartungsgemäß enorm.
Ist der Haushaltsvorstand ohne Job,
gehen die Ausgaben für tägliche Verbrauchsgüter wertmäßig um rund
zehn Prozent zurück. Der Discountanteil steigt um drei Prozent, und
es landen zwölf Prozent mehr Handelsmarken im Einkaufswagen. Doch
auch diejenigen, die allenfalls fürchten, ihre Beschäftigung zu
verlieren, prägen das Gesamtbild.
„Jeder zusätzliche
Arbeitslose führt dazu, dass drei Beschäftigte Angst bekommen“,
rechnet Twardawa vor. Sollte in diesem Jahr die Schwelle von fünf
Millionen Arbeitslosen überschritten werden, würden demnach
fünfzehn Millionen Menschen um ihren Job bangen – und entsprechend
verhalten konsumieren.
Unternehmen, die viele krisenfeste
Haushalte zu ihren Kunden zählen, haben mithin die beste
Ausgangsposition. Lindt zum Beispiel macht mit dieser Klientel
beinahe zwei Drittel seiner Umsätze. Der Schokoladenhersteller
investiert überdies verstärkt in Werbung, während viele andere in
rauen Zeiten ihre Kommunikationsausgaben zurückfahren.
Ein
Fehler, warnt Twardawa, denn: „Wer in der Krise seine Medienpräsenz
reduziert, verliert automatisch Marktanteile, die er später nicht
zurückerlangen kann.“ Zudem spreche Werbung in schlechten Zeiten
vor allem die begehr- ten krisenresistenten Haushalte an.
Twardawas Analyse der Jahre 2002/2003 zeigt, was Gewinnermarken
besser gemacht haben als solche, die im Zuge des Abschwungs
dauerhaft an Bedeutung verloren. Untersucht wurden 696
Herstellermarken. Davon konnten vierzehn Prozent ihren Marktanteil
steigern (Winner), vierzig Prozent sind im Marktanteil gesunken
(Loser). Während zwölf Prozent der Loser die Preise erhöhten,
setzten nur drei Prozent der Winner auf dieses Mittel.
Winner
hingegen verstärken ihre Werbung (54 zu 38 Prozent) und
differenzieren sich durch Innovationen (63 zu 19 Prozent). Und
können auf diese Weise der Rezession trotzen: Denn, so GfK-Manager
Twardawa: „Innovation und Werbung haben in der Krise eine höhere
Durchschlagskraft.“