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Hans Riegel und Andreas Nickenig beweisen Kontinuität bei Haribo
Ludwig Heimrath
LZnet/ach. Nur wenige Marken sind so allgegenwärtig. Man trifft ihn an jeder Tankstelle, bei Aldi, im Freibad-Kiosk und an der Kasse im Baumarkt: Den Goldbären von Haribo – meist in Gesellschaft von Lakritzschnecken und bunten Fruchtgummis.
Der Handel schätzt die Produkte der Bonner Haribo GmbH&Co. KG ebenso wie deren Vertriebsleistung. Der nachhaltige Erfolg ist generationsübergreifend. Das gelingt nur wenigen Herstellern.
Haribo ist ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte. Praktisch aus dem Nichts entstanden nach dem Neuanfang 1946, zählt das Familienunternehmen heute mit mehr als 1,6 Milliarden Euro Jahresumsatz auch international zu den großen Playern.
Selbst das Krisenjahr 2009 bildete keine Ausnahme. Trotz globaler Kaufzurückhaltung und negativer Wechselkurseffekte schaffte der Fruchtgummi- und Lakritzspezialist ein Umsatzwachstum von 5 Prozent. Im strategisch wichtigen Markt Türkei kam sogar ein zweistelliges Plus heraus.
Die Erfolgsserie geht weiter, auch in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2010 können die Bonner ihre stärksten Bastionen noch ausbauen. Bald zwei Drittel aller Fruchtgummis und drei Viertel aller Lakritze kommen aus den Fabriken Haribos. Im Ausland, das heute über 60 Prozent zum Gruppenumsatz beisteuert, geht die Expansion ebenfalls zügig weiter.
Was macht den Erfolg des Familienunternehmens möglich, worin unterscheidet es sich von Wettbewerbern vergleichbarer Größe? Ganz sicher in einem Punkt: Bei Haribo hat der Erfolg ein Gesicht. Die Schlüsselfigur ist ohne Zweifel der 87-jährige Unternehmer Dr. Hans Riegel, Sohn des Firmengründers.
Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Paul, der im vergangenen Jahr im Alter von 82 Jahren starb, hat er den Zuckerwarenhersteller nach dem Krieg zu seiner heutigen Größe geführt.
Gegründet hatte ihr Vater Hans die Bonner Firma bereits im Jahr 1920. Dieser erfand zwei Jahre später den "Tanzbären", aus dem dann der Goldbär wurde, das bis heute wichtigste Einzelprodukt. Mitte der zwanziger Jahre wurde das Portfolio um Lakritz erweitert. Am Ende des Jahrzehnts legte Riegel in Dänemark bereits den ersten Grundstein für die Auslandsexpansion.
Dann kam eine finstere Zeit. Hans Riegel starb während des 2. Weltkrieges im Alter von 52 Jahren. Seine beiden Söhne Hans und Paul standen 1946 nach ihrer Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft vor dem Neuanfang.
Schnell fanden sie ihre Arbeitsteilung. Paul verantwortete von 1946 bis 2009 das Ressort Produktion und Technik. Zu seinen herausragenden Erfindungen gehörte Mitte der 60er-Jahre die Lakritzschnecken-Wickelmaschine.
Der ältere Bruder Hans, inzwischen promoviert, übernahm nicht nur die Verantwortung für Marketing und Vertrieb sondern auch die Federführung bei der Entwicklung neuer Produkte.
In dieser Kombination liegt sicher ein Schlüssel des Erfolgs. Über Jahrzehnte bewies der rührige Unternehmer seine Qualitäten als Trend-Scout. Bis heute legt das Unternehmen ein enormes Innovationstempo vor.
Nur wenige Wochen benötigt eine Neuheit von der Idee bis zur Markteinführung. Dabei können die Bonner mittlerweile aus dem schier unerschöpflichen Ideen-Fundus der weltweit 21 Haribo-Gesellschaften mit 15 Fabriken schöpfen.
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Auf Themen wie "Schwarzgeld"-Affären in der Politik antwortete Riegel unmittelbar mit entsprechenden Haribo-Produkten. Auch für Gags und Gimmicks wie den "A… mit Ohren" aus Schaumzucker war er sich nie zu schade. Dem Trend zu gesünderer Ernährung kam er 2009 mit dem Saft-Goldbären nach, dem jüngsten Erfolgshit.
Das Portfolio richtet sich heute gleichermaßen an Kinder wie an Erwachsene. Schon in den 30er-Jahren hatte sein Vater den bekannten Slogan "Haribo macht Kinder froh" geprägt. Hans Riegel junior ergänzte ihn später um den Zusatz "…und Erwachsene ebenso".
Treu geblieben ist Haribo bis heute seiner Werbestrategie. Das Unternehmen gehört zu den größten Werbetreibenden der Süßwarenindustrie. Jedes Jahr fließen zweistellige Millionenbeträge in Werbung für die Marken Haribo und Maoam.
Für Furore sorgt die Kooperation mit dem Touristik-Unternehmen TUI-Fly. Zwei Boeing-Maschinen fliegen mit Lackierung im Goldbären-Look rund um den Globus.
Einmalig ist die Partnerschaft mit dem Werbeträger Thomas Gottschalk, die seit bald zwei Jahrzehnten besteht. Vor einigen Jahren trat Hans Riegel selbst in TV-Spots für den Goldbären gemeinsam mit dem Entertainer vor die Kamera. Allerdings wirkte er hier eher wie ein "Brummbär". Dennoch erhielt die Marke damit erstmals ein Gesicht in der breiten Öffentlichkeit.
Vor allem intern wurde die zunehmende Ausrichtung des Familienkonzerns auf eine einzelne Person mit der Zeit zum Problem. Immer mehr stand die Frage nach der Zukunft des Unternehmens im Raum. Hans Riegel ist kinderlos. Und den Kindern seines Bruders Paul ließ er nur wenig Spielraum, um in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten.
Hans-Jürgen, Paul Riegels Sohn aus erster Ehe, baute er zwar zu seinem potenziellen Nachfolger auf. Doch letztlich wollte der Senior-Chef mit niemandem die Macht teilen. Im Jahr 2006 kam es zum Zerwürfnis, der langjährige Frankreich-Chef Hans-Jürgen Riegel strich die Segel.
Dagegen setzten sich Paul Riegels Söhne aus zweiter Ehe durch: Nach dem Tod ihres Vaters machten sie zunehmend Druck, bis es schließlich im September 2010 zu einer Einigung kam. Unter dem Dach der neuen Haribo-Holding werden das Auslands- und das Inlandsgeschäft mit zwei Zwischenholdings gebündelt.
Der 44-jährige Hans-Guido hat nun offiziell als geschäftsführender Gesellschafter mit der Verantwortung für Produktion und Technik die Funktionen seines Vaters übernommen. Sein Onkel Hans bleibt wie bisher zuständig für Marketing und Vertrieb. Und sein 42-jähriger Neffe Hans-Arndt schaut seinen Verwandten künftig als Vorsitzender des neuen Aufsichtsrates über die Schulter.
Damit hat die nächste Generation der Familie Riegel ein Stück mehr Verantwortung übernommen. Dies schmälert nicht im Geringsten die Lebensleistung Hans Riegels. Mit dem Burgfrieden zwischen den Haribo-Inhabern sind die Weichen für die Zukunft des erfolgreichen Familienunternehmens mit seinen weltweit 6000 Mitarbeitern gestellt.
Weiterhin gewahrt bleibt die vom Handel geschätzte Kontinuität, auch in der Verkaufsorganisation. Über Jahrzehnte stand dafür in Deutschland der Name Florian Klasen und seit 2005 Andreas Nickenig.
Er arbeitet schon seit 18 Jahren für Haribo. Trotz seiner erst 42 Jahre ist Nickenig damit in dem Unternehmen ein "Alt-Gewächs" – in gewisser Weise ein Bindeglied zwischen dem Senior und den gleichaltrigen Söhnen Paul Riegels.