Freitag, 25. Mai 2012

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Mehr brauche ich nicht

Freitag, 27.06.2008

Vom Lehrling zum Chefcontroller: Michael Phiesel war "in Mathe immer schon stark". Heute wacht er beim Bonner Gummibärchen-Spezialisten Haribo über nötige und unnötige Ausgaben / Von Dirk Dietz
LZ|NET. Vielleicht muss man so sein, wenn man Controller eines Familienunternehmens ist. Michael Phiesel residiert in einem Büro? Wem das in den Sinn kommt, muss sich gleich korrigieren. Phiesel hat ein Arbeitszimmer. "Mehr brauche ich nicht", sagt er. Leicht könnte er auf einen doppelt so großen Raum bestehen. Immerhin ist er Chefcontroller und Leiter einer Abteilung mit zehn Mitarbeitern. Außerdem hat er Gesamtprokura mit kurzem Draht zum Firmeninhaber Dr. Hans Riegel, an den er direkt berichtet.

LZ Foto
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Kurzum, der repräsentative Auftritt ist Phiesels Sache nicht, sowenig wie die seines Arbeitsgebers Haribo. Die Hauptverwaltung im Bonner Stadtteil Kessenich verrät unschwer ihre Entstehungszeit in den 50er-Jahren. Lange Flure, Holztäfelung. Die einzelnen Büros trennen große Glasscheiben in Holzrahmen, deren Teint die Zeit gedunkelt hat. Andere Unternehmen haben ihre angejahrten Firmensitze längst in pompöse Glaspaläste verwandelt. Haribo habe da eine andere Firmenphilosophie, sagt Phiesel.

Der Mann mit den wachen Augen behält die Ausgaben im Blick. Schlank, sparsam, bescheiden - solche Adjektive benutzt Phiesel oft, wenn er über seinen Arbeitgeber und seinen Job redet. Er sitzt am Tisch, vor ihm eine kleine Auswahl an Haribo-Produkten, für die Gäste.

Er spricht lebhaft, lacht oft. Man könnte auch sagen: Er verkörpert einen sehr lebendigen Gegensatz zu seinem nüchternen und zweckmäßigen Arbeitsplatz: Schreibtisch, Rechner, Drucker, Ablage. Wenig Privates, nur ein Bild seiner Frau und Tochter. Ein fast sprödes Büroinventar.

Schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Phiesel einer jener Erbsenzähler oder Zahlenknechte sein soll, als die Controller gewöhnlich verunglimpft werden. Nun gut, "in Mathe war ich immer schon stark", sagt er. Sonst schien ihn wenig für den Posten zu prädestinieren, den er bereits als 30-Jähriger antrat.

Denn Michael Phiesel, heute 38 Jahre alt, ist fast noch jungenhaft, offenherzig. Keine Spur pedantischer Nüchternheit. Maulfaul ist er nur, wenn's um Zahlen geht, es also interessant wird. "Da ist Haribo sehr verschwiegen", sagt er. Und er ist es auch.

Andererseits ist Phiesel bodenständig, so beschreibt er sich jedenfalls. Das klingt solide, handfest, charakterstark, also nach Tugenden, die einem Controller gut zu Gesicht stehen. Seine Bindung an die Scholle ist wohl eine Art Familienerbe, denn die Eltern hatten einen Bauernhof. Noch heute wohnen er und seine Familie in Berg bei Altenahr, rund 36 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt.

Bodenständige Tugenden

Freizeit ist knapp. Wenn es sich einrichten lässt, bläst er den Mitbürgern schon mal den Marsch, etwa beim Karneval. Phiesel spielt in einer Kapelle die Tuba. Oder er macht sich auf zum Laufen, der Gesundheit wegen.

Alles recht erd- und heimatverbunden also? Durchaus. Doch offensichtlich steckt in dem Kind vom Lande eine gehörige Portion Zielstrebigkeit und Ehrgeiz. Anders dürfte kaum erklärbar sein, dass er bei dem Süßwarenkonzern eine steile Karriere hingelegt hat.

Die wichtigsten Stationen: Lehrling, Vertriebsmitarbeiter und Produktmanager, nebenbei Studium der BWL mit Schwerpunkt Rechnungswesen und strategische Planung, Finanzgeschäftsführer von Haribo in Istanbul, 1994 Förderpreis der Stiftung Goldener Zuckerhut, 1996 stellvertretender Finanzleiter, vier Jahre später Chef des Controlling und Gesamtprokura seit dem Jahr 2003.

Aus seiner Sicht liest sich das wie eine fortwährende Bestätigung seines Lebensmottos: "Ich bin eher ein Mensch, der sagt: Sei fleißig, der Rest kommt dann schon von allein." Sein Job als Kontrolleur macht ihm nicht nur Spaß, Phiesel "ist mit Leib und Seele dabei". Wer der Magie der Zahlen nicht erliegt oder eine prinzipielle Skepsis gegen die Vermessung der Unternehmenswelt hegt, dem erschließt sich seine Faszination nicht auf Anhieb. Verständlicher wird es, wenn er sein Jobverständnis erläutert.

Denn Phiesel sieht sich nicht als oberster Zahlenwächter, sondern "als Berater, der andere Abteilungen unterstützt, indem wir Prozesse transparent machen." Gern geht er, sozusagen, aufs Ganze. Denn ihn interessiert die "Gesamtschau", wie er sagt, "dass wir an allen Prozessen beteiligt sind". Dabei spielt es keine Rolle, ob es ums Outsourcing des Fuhrparks, den Kauf oder Verkauf einer Firma oder die Kunden-Profitabilität geht.

Im kommenden Jahr wird Michael Phiesel 20 Jahre bei Haribo sein, sein ganzes Berufsleben. Seinen Weg nach Bonn lenkte in gewisser Weise der Zufall. Denn ursprünglich zog es ihn in eine Bank. Doch dann suchte Haribo Industriekaufleute. "Und so entschied ich mich kurzfristig um." Ein guter Richtungswechsel, sagt er rückblickend. Heute könnte er sich kaum mehr vorstellen, anderswo das Zahlenreich zu ordnen, etwa bei einer Versicherung. Denn Haribo habe nicht nur ein gutes Image, sondern "auch Produkte zum Anfassen".

In der früheren Hauptstadt Bonn ist Michael Phiesel "hundertprozentig zufrieden". Warum hätte er sich wegbewerben oder dem Ruf eines anderen Unternehmens folgen sollen? Gibt es dennoch Träume? Nein, wenigstens nicht in beruflicher Hinsicht: "Diesen Werdegang hätte ich mir nie träumen lassen", sagt er. Dafür unterstützt er gern und selbstlos die Träume anderer.

Weil er sich noch sehr lebhaft an den Gewinn der Stiftungspreises der Lebensmittel Zeitung erinnert - das "war eine Riesenmotivation" -, ermutigte er seine Kollegin Lisa Kiene, sich zu bewerben. Die Produktmanagerin bei Haribo gewann vor zwei Jahren den Förderpreis. Ein schöner Erfolg - auch für Michael Phiesel.

Lebensmittel Zeitung vom 26. Juni 2008

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