Mehr brauche ich nicht
Vom Lehrling zum Chefcontroller: Michael Phiesel war "in Mathe immer schon stark". Heute wacht er beim Bonner Gummibärchen-Spezialisten Haribo über nötige und unnötige Ausgaben / Von Dirk Dietz
LZ|NET. Vielleicht muss man so sein, wenn man Controller eines
Familienunternehmens ist. Michael Phiesel residiert in einem Büro?
Wem das in den Sinn kommt, muss sich gleich korrigieren. Phiesel
hat ein Arbeitszimmer. "Mehr brauche ich nicht", sagt er. Leicht
könnte er auf einen doppelt so großen Raum bestehen. Immerhin ist
er Chefcontroller und Leiter einer Abteilung mit zehn Mitarbeitern.
Außerdem hat er Gesamtprokura mit kurzem Draht zum Firmeninhaber
Dr. Hans Riegel, an den er direkt berichtet.
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Kurzum, der repräsentative
Auftritt ist Phiesels Sache nicht, sowenig wie die seines
Arbeitsgebers Haribo. Die Hauptverwaltung im Bonner Stadtteil
Kessenich verrät unschwer ihre Entstehungszeit in den 50er-Jahren.
Lange Flure, Holztäfelung. Die einzelnen Büros trennen große
Glasscheiben in Holzrahmen, deren Teint die Zeit gedunkelt hat.
Andere Unternehmen haben ihre angejahrten Firmensitze längst in
pompöse Glaspaläste verwandelt. Haribo habe da eine andere
Firmenphilosophie, sagt Phiesel.
Der Mann mit den wachen Augen
behält die Ausgaben im Blick. Schlank, sparsam, bescheiden - solche
Adjektive benutzt Phiesel oft, wenn er über seinen Arbeitgeber und
seinen Job redet. Er sitzt am Tisch, vor ihm eine kleine Auswahl an
Haribo-Produkten, für die Gäste.
Er spricht lebhaft, lacht
oft. Man könnte auch sagen: Er verkörpert einen sehr lebendigen
Gegensatz zu seinem nüchternen und zweckmäßigen Arbeitsplatz:
Schreibtisch, Rechner, Drucker, Ablage. Wenig Privates, nur ein
Bild seiner Frau und Tochter. Ein fast sprödes Büroinventar.
Schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Phiesel einer jener
Erbsenzähler oder Zahlenknechte sein soll, als die Controller
gewöhnlich verunglimpft werden. Nun gut, "in Mathe war ich immer
schon stark", sagt er. Sonst schien ihn wenig für den Posten zu
prädestinieren, den er bereits als 30-Jähriger antrat.
Denn
Michael Phiesel, heute 38 Jahre alt, ist fast noch jungenhaft,
offenherzig. Keine Spur pedantischer Nüchternheit. Maulfaul ist er
nur, wenn's um Zahlen geht, es also interessant wird. "Da ist
Haribo sehr verschwiegen", sagt er. Und er ist es auch.
Andererseits ist Phiesel bodenständig, so beschreibt er sich
jedenfalls. Das klingt solide, handfest, charakterstark, also nach
Tugenden, die einem Controller gut zu Gesicht stehen. Seine Bindung
an die Scholle ist wohl eine Art Familienerbe, denn die Eltern
hatten einen Bauernhof. Noch heute wohnen er und seine Familie in
Berg bei Altenahr, rund 36 Kilometer von seinem Arbeitsplatz
entfernt. Freizeit ist knapp. Wenn
es sich einrichten lässt, bläst er den Mitbürgern schon mal den
Marsch, etwa beim Karneval. Phiesel spielt in einer Kapelle die
Tuba. Oder er macht sich auf zum Laufen, der Gesundheit wegen.
Alles recht erd- und heimatverbunden also? Durchaus. Doch
offensichtlich steckt in dem Kind vom Lande eine gehörige Portion
Zielstrebigkeit und Ehrgeiz. Anders dürfte kaum erklärbar sein,
dass er bei dem Süßwarenkonzern eine steile Karriere hingelegt hat.
Die wichtigsten Stationen: Lehrling, Vertriebsmitarbeiter und
Produktmanager, nebenbei Studium der BWL mit Schwerpunkt
Rechnungswesen und strategische Planung, Finanzgeschäftsführer von
Haribo in Istanbul, 1994 Förderpreis der Stiftung Goldener
Zuckerhut, 1996 stellvertretender Finanzleiter, vier Jahre später
Chef des Controlling und Gesamtprokura seit dem Jahr 2003.
Aus
seiner Sicht liest sich das wie eine fortwährende Bestätigung
seines Lebensmottos: "Ich bin eher ein Mensch, der sagt: Sei
fleißig, der Rest kommt dann schon von allein." Sein Job als
Kontrolleur macht ihm nicht nur Spaß, Phiesel "ist mit Leib und
Seele dabei". Wer der Magie der Zahlen nicht erliegt oder eine
prinzipielle Skepsis gegen die Vermessung der Unternehmenswelt
hegt, dem erschließt sich seine Faszination nicht auf Anhieb.
Verständlicher wird es, wenn er sein Jobverständnis erläutert.
Denn Phiesel sieht sich nicht als oberster Zahlenwächter, sondern
"als Berater, der andere Abteilungen unterstützt, indem wir
Prozesse transparent machen." Gern geht er, sozusagen, aufs Ganze.
Denn ihn interessiert die "Gesamtschau", wie er sagt, "dass wir an
allen Prozessen beteiligt sind". Dabei spielt es keine Rolle, ob es
ums Outsourcing des Fuhrparks, den Kauf oder Verkauf einer Firma
oder die Kunden-Profitabilität geht.
Im kommenden Jahr wird
Michael Phiesel 20 Jahre bei Haribo sein, sein ganzes Berufsleben.
Seinen Weg nach Bonn lenkte in gewisser Weise der Zufall. Denn
ursprünglich zog es ihn in eine Bank. Doch dann suchte Haribo
Industriekaufleute. "Und so entschied ich mich kurzfristig um." Ein
guter Richtungswechsel, sagt er rückblickend. Heute könnte er sich
kaum mehr vorstellen, anderswo das Zahlenreich zu ordnen, etwa bei
einer Versicherung. Denn Haribo habe nicht nur ein gutes Image,
sondern "auch Produkte zum Anfassen".
In der früheren
Hauptstadt Bonn ist Michael Phiesel "hundertprozentig zufrieden".
Warum hätte er sich wegbewerben oder dem Ruf eines anderen
Unternehmens folgen sollen? Gibt es dennoch Träume? Nein,
wenigstens nicht in beruflicher Hinsicht: "Diesen Werdegang hätte
ich mir nie träumen lassen", sagt er. Dafür unterstützt er gern und
selbstlos die Träume anderer.
Weil er sich noch sehr lebhaft
an den Gewinn der Stiftungspreises der Lebensmittel Zeitung
erinnert - das "war eine Riesenmotivation" -, ermutigte er seine
Kollegin Lisa Kiene, sich zu bewerben. Die Produktmanagerin bei
Haribo gewann vor zwei Jahren den Förderpreis. Ein schöner Erfolg -
auch für Michael Phiesel.
Lebensmittel Zeitung vom 26. Juni
2008