Freude am Keks
Heinz Gries katapultiert das väterliche Erbe Griesson in vier Jahrzehnten ohne viel Aufhebens vom kleinen Lebkuchenbäcker in die Top-Liga der europäischen Gebäckbranche. Sein Siegeszug startet mit Handelsmarken und gipfelt in der Fusion mit De Beukelaer. / Von Elisabeth Hoos
LZ|NET. Im Jahr 1970, auf der ersten Süßwarenmesse, hockt der
34-jährige Heinz Gries auf einem Wellpappe-Karton, die
Schreibmaschine auf dem Schoß, und bestätigt die ersten Aufträge.
Der Inhaber der Polcher Lebkuchenbäckerei Griesson steht am
Anfang einer großen Karriere. "Das waren abenteuerliche Zeiten",
sagt Gries heute, mit 74 Jahren, im Rückblick auf seine frühe
Schaffenszeit.
70 bis 90 Stunden pro Woche verbrachte er
damals in der Firma und abends nickte er zu Hause im Ohrensessel
ein. "Arbeit hat mich nie abgeschreckt, sie musste eben getan
werden", erinnert sich Gries.
Heinz Gries
Er trägt einen
dunkelblauen Anzug, dazu eine lederne Aktentasche, die ihn viele
Jahre begleitet hat. Die Haare sind akkurat zur Seite gekämmt.
Unerwähnt schmückt das Bundesverdienstkreuz, das Gries 2004 für
seine unternehmerische Leistung und sein soziales Engagement
verliehen wurde, das Revers. Über seinen Einsatz für gemeinnützige
Projekte und Kinderhilfsorganisationen verliert Heinz Gries im
Gespräch mit der LZ kein Wort. Lieber spricht er bescheiden, aber nicht ohne Stolz über die
Geschichte des Unternehmens, das sein Vater Hans Gries 1924
gegründet hat. Ein Gemälde des Vaters schmückt noch heute den
Besprechungsraum.
Nüchtern blickt Heinz Gries heute zurück,
hält inne um sich zu erinnern: 2,2 Mio. Deutsche Mark setzte der
Familienbetrieb 1967 um, als er im Alter von 31 Jahren nach dem Tod
seines Vaters die Führung übernahm.
Zwölf Jahre lang hatte er
damals schon in der Firma gearbeitet, begonnen auf unterster Ebene,
mit Putzarbeiten an den Maschinen. "Den Titel Sohn des Chefs gab es
damals nicht", sagt Gries. Dass sein Vater ihm als ältestem Sohn
nicht mit einem Testament die Firma zu- und damit das Vertrauen
ausspricht, macht ihn dennoch betroffen.
Er wollte nicht jede
Entscheidung im Familienkreis abstimmen müssen. Hätte er nicht
seine Geschwister überzeugen können, sich ihre Anteile abstottern
zu lassen, so hätte er dem Unternehmen den Rücken zugekehrt. "Das
war einer der wichtigsten Meilensteine meines Lebens", sagt Gries.
Und auch für den Markt war es ein wichtiges Ereignis. Denn heute ist Griesson - de Beukelaer
mit 481 Mio. Euro Umsatz einer der führenden Gebäckhersteller in
Europa. Heinz Gries habe den Markt geprägt wie kaum ein anderer
Unternehmer, erkennen Wettbewerber an.
1977 setzt Gries mit
dem Wechsel vom reinen Weihnachts- in das Ganzjahresgeschäft einen
weiteren Meilenstein. Mit der Einführung von Soft Cake im Discount
legt der Unternehmer zugleich den Grundstein für das Wachstum der
kommenden Jahrzehnte, das auf dem Handelsmarkengeschäft fußen wird.
Dass die Bahlsens, deren Unternehmen damals noch mehrere Ligen
über den Polchern spielte, Gries als Nachahmer bezeichneten, war
für ihn "trotz meines großen Respekts vor Bahlsen keine
Beleidigung", sagt der Patriarch. Er habe gekontert: "Waren nicht
Ihre Salzstangen eine Erfindung der Amerikaner?" Mit günstigen
Preisen habe Griesson das Segment demokratisiert. "Das halte ich
für legitim und richtig." Im
Handelsmarkengeschäft hatte Gries mit hoher Qualität zu
Niedrigpreisen die Nase vorn. Ermöglicht haben das hochmoderne
Produktionsanlagen, ein Dogma der Gries'schen Unternehmensführung.
Eine Weichenstellung, die der Unternehmer, der lieber
Elektroingenieur geworden wäre, "aus dem Bauch heraus" getroffen
hat. Das gilt auch für den Aufbau des Exportgeschäftes und
Akquisitionen wie die von Tekrum 1997 oder der Wurzener
Dauerbackwaren 2008.
Dennoch wird Gries nachgesagt, er sei
einer der größten Strategen der Branche. Zwischen 1997 und 2007
gleichen seine Entscheidungen eher minutiös geplanten Schachzügen
als einem Würfelspiel. Zunächst holt sich Gries den Danone-Manager
Andreas Land als designierten Nachfolger ins Haus. Mit dessen Hilfe
sichert er sich über die Fusion mit Danones Kekstochter General
Biscuits mit Prinzen Rolle und Co. endgültig eine starke Stellung
im Markengeschäft. Zugleich bleibt er Mehrheitseigner am neuen
Unternehmen Griesson - de Beukelaer. 2007 schließlich kauft Gries
die Danone-Anteile zurück.
Ein strategisches Meisterwerk?
Davon will Gries nichts wissen: "Ein Visionär bin ich ganz gewiss
nicht gewesen". Er hält es mit dem Zitat von Altkanzler Helmut
Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", sagt er, und
lacht. Ein Humor, der ihm schon immer viele Sympathie-Punkte
eingespielt hat. Gries hat die
Zeichen der Zeit erkannt und sich deshalb mit Land einen Strategen
als Nachfolger gesucht. "Eine gute Nase zu haben, reicht heute
einfach nicht mehr aus", so der Unternehmer. Neben strategischem
Weitblick sollte sein Nachfolger Disziplin, Loyalität und einen
ehrlichen Charakter mitbringen. Gries, der stets mit gutem Beispiel
vorangeht, der jeden Mitarbeiter freundlich grüßt und den Damen die
Tür aufhält, suchte einen Manager, der ihm darin gleichkommt.
Seine Einstellung zur Menschenführung kommt nicht von ungefähr.
Eine Erfahrung aus der Banklehre, die Gries nach der Handelsschule
absolvierte, hat ihn geprägt: Vor den Kunden raunzt ihn damals der
Bankdirektor an, er solle gefälligst die Hände aus den Taschen
nehmen. Der Direktor selbst aber nimmt sich dies ebenso heraus wie
das Recht, sich als Einziger bei brütender Hitze des Jacketts zu
entledigen.
Solche Chefallüren leistet sich Gries nicht. Zudem
stellt er eine bei Unternehmern seltene Eigenschaft unter Beweis:
Er versteht es, loszulassen. Drei Jahre nach Lands Eintritt bei
Griesson macht er ihn zur Nummer 1 und besteht darauf, dass beide
die Parkplätze tauschen - als "optisches Signal" an die
Belegschaft. Im Januar 2009 zieht Gries sich aus der operativen
Geschäftsführung zurück und wird Generalbevollmächtigter und
Vorsitzender des Beirats. Noch zwei Mal pro Woche kommt er
vormittags in die Unternehmenszentrale. "Ins Tagesgeschäft rede ich
Herrn Land aber nicht rein", sagt Gries. Auch bei den Eigentumsverhältnissen hat Gries vorgesorgt.
Seine Anteile sollen in eine GbR in der Hand seiner drei Töchter
und seines Sohnes Peter, der die Unternehmenskommunikation leitet,
fließen. Seine Kinder sind vertraglich verpflichtet, das
Unternehmen weiterzuführen.
Die Nachfolge in trockenen
Tüchern, hat Gries heute endlich mehr Zeit für seine Frau Mädi, die
ihm Jahrzehntelang den Rücken frei gehalten hat. Nun führe er ein
"ruhiges Leben", sagt Heinz Gries. Er genießt jeden schönen Tag auf
dem Gartengelände seines Hauses, spielt Klavier und liest. Krimis
liebt er, aber auch die Weltliteratur. Etwa "Die Buddenbrooks" von
Thomas Mann. Die Geschichte vom Untergang des Kaufmannsimperiums
kann ihn nicht schrecken, weiß er doch die Zukunft seines
Unternehmens in guten Händen.