Freitag, 25. Mai 2012

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Freude am Keks  

Freitag, 06.11.2009

Heinz Gries katapultiert das väterliche Erbe Griesson in vier Jahrzehnten ohne viel Aufhebens vom kleinen Lebkuchenbäcker in die Top-Liga der europäischen Gebäckbranche. Sein Siegeszug startet mit Handelsmarken und gipfelt in der Fusion mit De Beukelaer. / Von Elisabeth Hoos
LZ|NET. Im Jahr 1970, auf der ersten Süßwarenmesse, hockt der 34-jährige Heinz Gries auf einem Wellpappe-Karton, die Schreibmaschine auf dem Schoß, und bestätigt die ersten Aufträge.

Der Inhaber der Polcher Lebkuchenbäckerei Griesson steht am Anfang einer großen Karriere. "Das waren abenteuerliche Zeiten", sagt Gries heute, mit 74 Jahren, im Rückblick auf seine frühe Schaffenszeit.

70 bis 90 Stunden pro Woche verbrachte er damals in der Firma und abends nickte er zu Hause im Ohrensessel ein. "Arbeit hat mich nie abgeschreckt, sie musste eben getan werden", erinnert sich Gries.

Heinz Gries
Heinz Gries
Er trägt einen dunkelblauen Anzug, dazu eine lederne Aktentasche, die ihn viele Jahre begleitet hat. Die Haare sind akkurat zur Seite gekämmt. Unerwähnt schmückt das Bundesverdienstkreuz, das Gries 2004 für seine unternehmerische Leistung und sein soziales Engagement verliehen wurde, das Revers. Über seinen Einsatz für gemeinnützige Projekte und Kinderhilfsorganisationen verliert Heinz Gries im Gespräch mit der LZ kein Wort.

Ganz unten angefangen

Lieber spricht er bescheiden, aber nicht ohne Stolz über die Geschichte des Unternehmens, das sein Vater Hans Gries 1924 gegründet hat. Ein Gemälde des Vaters schmückt noch heute den Besprechungsraum.

Nüchtern blickt Heinz Gries heute zurück, hält inne um sich zu erinnern: 2,2 Mio. Deutsche Mark setzte der Familienbetrieb 1967 um, als er im Alter von 31 Jahren nach dem Tod seines Vaters die Führung übernahm.

Zwölf Jahre lang hatte er damals schon in der Firma gearbeitet, begonnen auf unterster Ebene, mit Putzarbeiten an den Maschinen. "Den Titel Sohn des Chefs gab es damals nicht", sagt Gries. Dass sein Vater ihm als ältestem Sohn nicht mit einem Testament die Firma zu- und damit das Vertrauen ausspricht, macht ihn dennoch betroffen.

Er wollte nicht jede Entscheidung im Familienkreis abstimmen müssen. Hätte er nicht seine Geschwister überzeugen können, sich ihre Anteile abstottern zu lassen, so hätte er dem Unternehmen den Rücken zugekehrt. "Das war einer der wichtigsten Meilensteine meines Lebens", sagt Gries. Und auch für den Markt war es ein wichtiges Ereignis.

Wachstum durch Handelsmarken

Denn heute ist Griesson - de Beukelaer mit 481 Mio. Euro Umsatz einer der führenden Gebäckhersteller in Europa. Heinz Gries habe den Markt geprägt wie kaum ein anderer Unternehmer, erkennen Wettbewerber an.

1977 setzt Gries mit dem Wechsel vom reinen Weihnachts- in das Ganzjahresgeschäft einen weiteren Meilenstein. Mit der Einführung von Soft Cake im Discount legt der Unternehmer zugleich den Grundstein für das Wachstum der kommenden Jahrzehnte, das auf dem Handelsmarkengeschäft fußen wird.

Dass die Bahlsens, deren Unternehmen damals noch mehrere Ligen über den Polchern spielte, Gries als Nachahmer bezeichneten, war für ihn "trotz meines großen Respekts vor Bahlsen keine Beleidigung", sagt der Patriarch. Er habe gekontert: "Waren nicht Ihre Salzstangen eine Erfindung der Amerikaner?" Mit günstigen Preisen habe Griesson das Segment demokratisiert. "Das halte ich für legitim und richtig."

Schachzüge

Im Handelsmarkengeschäft hatte Gries mit hoher Qualität zu Niedrigpreisen die Nase vorn. Ermöglicht haben das hochmoderne Produktionsanlagen, ein Dogma der Gries'schen Unternehmensführung. Eine Weichenstellung, die der Unternehmer, der lieber Elektroingenieur geworden wäre, "aus dem Bauch heraus" getroffen hat. Das gilt auch für den Aufbau des Exportgeschäftes und Akquisitionen wie die von Tekrum 1997 oder der Wurzener Dauerbackwaren 2008.

Dennoch wird Gries nachgesagt, er sei einer der größten Strategen der Branche. Zwischen 1997 und 2007 gleichen seine Entscheidungen eher minutiös geplanten Schachzügen als einem Würfelspiel. Zunächst holt sich Gries den Danone-Manager Andreas Land als designierten Nachfolger ins Haus. Mit dessen Hilfe sichert er sich über die Fusion mit Danones Kekstochter General Biscuits mit Prinzen Rolle und Co. endgültig eine starke Stellung im Markengeschäft. Zugleich bleibt er Mehrheitseigner am neuen Unternehmen Griesson - de Beukelaer. 2007 schließlich kauft Gries die Danone-Anteile zurück.

Ein strategisches Meisterwerk? Davon will Gries nichts wissen: "Ein Visionär bin ich ganz gewiss nicht gewesen". Er hält es mit dem Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", sagt er, und lacht. Ein Humor, der ihm schon immer viele Sympathie-Punkte eingespielt hat.

Strategischer Weitblick

Gries hat die Zeichen der Zeit erkannt und sich deshalb mit Land einen Strategen als Nachfolger gesucht. "Eine gute Nase zu haben, reicht heute einfach nicht mehr aus", so der Unternehmer. Neben strategischem Weitblick sollte sein Nachfolger Disziplin, Loyalität und einen ehrlichen Charakter mitbringen. Gries, der stets mit gutem Beispiel vorangeht, der jeden Mitarbeiter freundlich grüßt und den Damen die Tür aufhält, suchte einen Manager, der ihm darin gleichkommt.

Seine Einstellung zur Menschenführung kommt nicht von ungefähr. Eine Erfahrung aus der Banklehre, die Gries nach der Handelsschule absolvierte, hat ihn geprägt: Vor den Kunden raunzt ihn damals der Bankdirektor an, er solle gefälligst die Hände aus den Taschen nehmen. Der Direktor selbst aber nimmt sich dies ebenso heraus wie das Recht, sich als Einziger bei brütender Hitze des Jacketts zu entledigen.

Solche Chefallüren leistet sich Gries nicht. Zudem stellt er eine bei Unternehmern seltene Eigenschaft unter Beweis: Er versteht es, loszulassen. Drei Jahre nach Lands Eintritt bei Griesson macht er ihn zur Nummer 1 und besteht darauf, dass beide die Parkplätze tauschen - als "optisches Signal" an die Belegschaft. Im Januar 2009 zieht Gries sich aus der operativen Geschäftsführung zurück und wird Generalbevollmächtigter und Vorsitzender des Beirats. Noch zwei Mal pro Woche kommt er vormittags in die Unternehmenszentrale. "Ins Tagesgeschäft rede ich Herrn Land aber nicht rein", sagt Gries.

Nachfolge geregelt

Auch bei den Eigentumsverhältnissen hat Gries vorgesorgt. Seine Anteile sollen in eine GbR in der Hand seiner drei Töchter und seines Sohnes Peter, der die Unternehmenskommunikation leitet, fließen. Seine Kinder sind vertraglich verpflichtet, das Unternehmen weiterzuführen.

Die Nachfolge in trockenen Tüchern, hat Gries heute endlich mehr Zeit für seine Frau Mädi, die ihm Jahrzehntelang den Rücken frei gehalten hat. Nun führe er ein "ruhiges Leben", sagt Heinz Gries. Er genießt jeden schönen Tag auf dem Gartengelände seines Hauses, spielt Klavier und liest. Krimis liebt er, aber auch die Weltliteratur. Etwa "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann. Die Geschichte vom Untergang des Kaufmannsimperiums kann ihn nicht schrecken, weiß er doch die Zukunft seines Unternehmens in guten Händen.

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