Botschafter des Genusses
Pütz&Kloss ist am Rhein eine Institution. Die Dohle-Kaufleute beherrschen die Kunst des organischen Wachstums. Bodenständig und eng an den Kundenbedürfnissen orientiert sind sie auf einen Modernisierungskurs eingeschwenkt, der erste Früchte trägt. / Von Heidrun Krost
LZ|NET. Wer Jörg und Dirk Pütz begegnet, dem strömt rheinische
Lebensart entgegen. Die Brüder sind Genussmenschen - mit Leib und
Seele. "Wie sie sehen, probieren wir alles, was wir verkaufen",
kokettiert Dirk Pütz augenzwinkernd mit seiner Leibesfülle.
Wenn der 45-Jährige, der bei Hertie Lebensmittelkaufmann gelernt
hat, an der reich gefüllten Convenience-Kühltheke steht, kommt er
ins Schwärmen: "Marziale, ein toller Lieferant, schmeckt wie frisch
aus dem Steinbackofen." Vor dem Feinkostregal weiß er zu jedem
Balsamico oder Olivenöl eine Geschichte zu erzählen, so fesselnd,
dass Kunden wohl liebend gern zu den teuren Genussprodukten aus
aller Herren Länder greifen, als sich mit der preiswerteren
Gourmetlinie der Dohle-Gruppe zufrieden zu geben.
Karl-Josef Pütz
Im
Rhein-Sieg-Kreis ist das Bad Honnefer Hit-SB-Warenhaus mit seinen
4.200 Quadratmetern mitsamt des 1000er Getränkemarktes, einer
Shoppingmeile sowie Fressnapf, Euronics, Kik, Dänisches Bettenlager
und zahlreichen Dienstleistungsanbietern Einkaufsknotenpunkt und
wichtiger Nahversorger. Im "rheinischen Nizza" mit 25.000
Einwohnern, dem so noble Ortsteile wie Rhöndorf, ehemals Wohnsitz
von Altbundeskanzler Adenauer, zugehörig sind, ist ein guter
Standort für hochwertige Genuss- und Lebensmittelkonzepte. Das kaufkräftige Umfeld spiegelt
auch die zentral im Markt gelegene Weinabteilung: Mit ihren 1.200
Sorten, darunter auch die ausgewiesener Spitzenwinzer von der Ahr
oder Baden ebenso wie chilenische oder südafrikanische Provenienzen
hat sie Fachmarktcharakter. Wein ist von jeher ein Steckenpferd der
Familie. Dirk Pütz, reist im Urlaub um den halben Globus, um edle
Tropfen ausfindig zu machen.
Die Empfehlungen der Kaufleute
sind den Kunden denn auch ihr Geld wert: "Wir sind der größte
Tante-Emma-Laden", sagt der gelernte Bankkaufmann Jörg Pütz, mit 48
Jahren der ältere der beiden Brüder. 70 Prozent des Weinumsatzes
von zuletzt 800.000 Euro geht als Kartonware über den Tresen. Und
mit der Eigenkreation JP Juppi Pütz - Erzeugerabfüllungen diverser
deutscher Anbaugebiete - haben die Bad Honnefer Kaufleute sogar ein
zugkräftiges Eigengewächs im Stall.
Juppi steht für Vater
Karl-Josef Pütz. Das Label schmückt auch exklusive Pesto-Kreationen
oder Fertiggerichte. Der heute 71-Jährige hat das Unternehmen vor
42 Jahren zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Schwager Helmut
Kloss gegründet. Sie starteten auf 300 Quadratmetern und unter dem
sperrigen Titel "SB-Netto-Markt Pütz & Kloss". Abrechnungspartner war schon damals die Dohle
Handelsgruppe. Bald vergrößerten sie sich auf 1.200, dann auf 3.000
Quadratmeter Verkaufsfläche. 1986 mit der Umflaggung auf Hit wagten
die Unternehmer einen erneuten Wachstumssprung und erweiterten das
Areal auf über 30.000 Quadratmeter. Mitten drin platzierten sie auf
nahezu 8.000 Quadratmetern den Verbrauchermarkt samt 15
Fachanbietern.
Eng verbunden mit der Region endet bei Pütz
& Kloss der Tag nicht mit dem allabendlichen Ladenschluss. Als
Sponsoren des örtlichen Fußballnachwuchses gibt es ebenso viele
außerdienstliche Verpflichtungen wie im Elferrat der örtlichen
Karnevalsgesellschaft. Jörg Pütz hat dort längst Vater Juppi als
Präsident abgelöst. Und auch hier verkörpern die Senioren sowie die
Nachfolger das, was einen typischen Familienbetrieb ausmacht:
Unternehmerpräsenz im Gesellschaftlichen wie im Betrieb.
Das
Engagement der Inhaber war insbesondere beim Umbau vergangenes Jahr
gefordert. Die Umgestaltung des Frischebereichs dauerte vierzehn
Tage, einen einzigen Tag nur blieb der Markt geschlossen, ansonsten
wurde weitgehend ein Normalbetrieb gewährleistet. Jörg Pütz,
zuständig für Personalangelegenheiten, verlangt von den 70
Mitarbeitern in solchen Fällen dass sie "bedingungslos mitziehen",
am Ende aber stand auch ein Sonderbonus und eine große Party: "Wer
viel arbeitet, muss viel feiern, das war bei uns schon immer so",
ergänzt Vater Juppi. Die
Modernisierung des Standorts kostete 1,6 Millionen Euro, gestemmt
allein aus dem Eigenkapital. Kreditklemme - Fehlanzeige! Dirk Pütz,
der den Einkauf des nahezu 50.000 Artikel umfassenden Angebotes
verantwortet, redet beherzt von einem Lebensmittelumsatz von knapp
25 Millionen Euro trotz Umbauphase, einer "zweistelligen Rendite"
und einer überdurchschnittlichen Eigenkapitaldecke. Im
gegenüberliegenden Gebäude, in der gerade auf 500 Quadratmetern
Fressnapf als Nachmieter für dm-Drogeriemarkt eingezogen ist, gibt
es jedenfalls seither eine mit Lkws befahrbare Leerguthalle.
Sie ist unmittelbar an den Getränkemarkt angedockt und neuerdings
mit einer automatisierten Leergutrücknahme ausgestattet. Vor allem
aber wurde zehn Jahre nach Eröffnung des Einkaufszentrums kräftig
in die Shopping-Meile und das Outfit des Lebensmittelmarktes
investiert: So erhielt etwa die Obst- und Gemüseabteilung mit einem
Baldachin aus farbig-bunten Kunststoffbögen einen
Marktplatzcharakter. Hier wie in der neuen Kosmetikarena vermittelt
ein naturfarbener Laminatfußboden Geschlossenheit. Die
Beleuchtungstechnik wurde erneuert, die Regalhöhen reduziert. Eine farbliche Abgrenzung
einzelner Warengruppen verschaffen dem Kunden Übersicht und sind
wichtige Ankerpunkte für den täglichen Einkauf. Die fast 50 Meter
langen Fleisch-, Wurst- und Käsetheken an der Stirnseite des
Marktes erstrahlen seither in modernem Design. Besonderer Blickfang
ist die offene Fischtheke, deren Realisation eigens mit dem
örtlichen Veterinär geplant wurde. Frischeerlebnis zum Zugreifen.
"Wir müssen mit den Augen unserer Kunden sehen", das ist der
Wahlspruch der Kaufleute, denen Servicebereitschaft über alles
geht. Deckenhänger oder Regalstopper sind ihnen daher ein Grauß,
"weil Kunden vor lauter Schildern die Produkte nicht sehen".
Auch wenn der "Immer-billiger-Trend" den Gebrüdern Pütz und ihrer
Genussphilosophie gegen den Strich geht, ein Umsatzminus von 2,3
Prozent im ersten Halbjahr 2009 sowie rückläufige Durchschnittsbons
dokumentierten auch für die sonst optimistischen Frohnaturen, dass
sie nicht umhin kommen gegenzusteuern. "Sparsamkeit ist offenbar
Zeitgeist", sagt Jörg Pütz. Seit Sommer sind sie auf die
Preisoffensive der Dohle-Gruppe eingeschwenkt, die seit
Jahresbeginn die Angriffe der Billiganbieter mit zusätzlich "1.000
Markenartikeln dauerbillig" kontert.
Die Umsatzentwicklung,
die Ende des Jahres die Marke von 26 Millionen Euro erreichen soll,
zog seither wieder stramm an, zuletzt um knapp 6 Prozent. Mit dem
Umstieg auf die neue Preisphilosophie zeigt die Unternehmerfamilie
einmal mehr ihren rheinischen Charakter: Im Kern konservativ und
beharrlich, aber trotzdem höchst wandlungsfähig.