Storecheck-Tour mit "Besseressern"
Von Gerd Hanke
Wolfgang Dausend ist ein bodenständiger Mann. Der 64-jährige Vorstand der Wasgau AG aus Pirmasens kennt sich dennoch in der Welt aus. Und so war er auch für das Frühstück in einem englischen Vier-Sterne-Hotel gewappnet. Von Zuhause hatte er sich eine Brot-Packung Lieken Urkorn mitgebracht: Da weiß man, was man hat. Sein Aufsichtsrat Otmar Hornbach, zugleich Mehrheitsaktionär der Wasgau AG, zeigte Verständnis für Dausends Selbstversorger-Strategie: "Die Engländer frühstücken das, was wir zu Mittag essen. Und verspeisen zum Mittagessen Brote."
Wieviel Convenience braucht die Pfalz?Kurze Zeit später in einem Supermarkt in der Londoner Innenstadt waren sich die beiden Handelsexperten erneut einig: "Nein, diese Produkte hier lassen sich so in der Pfalz nicht verkaufen." Gerade hatten die beiden zusammen mit der LZ-Reisegruppe die aktuellen Convenience- und Chilled-Food-Produkte in einem Waitrose in Londons Innenstadt kritisch unter die Lupe genommen.
Gekühlte Fertiggerichte sind in Großbritannien Standard
Die Conclusio der Wasgauer bedeutet aber nicht, dass es nicht genügend Ideen und Anregungen für den deutschen Markt gegeben hätte. Ganz im Gegenteil: England und gerade London sind eigentlich immer eine Reise wert. Die dreitägige Tour, die von der Vermarktungsorganisation Food from Britain Germany und der Lebensmittel Zeitung veranstaltet wurde, führte eine etwa 20-köpfige Teilnehmerschar aus Industrie und Handel ins Chilled-Food-Dorado der Weltmetropole.
Pirmasens ist nicht London - da dürfte kaum jemand widersprechen. Doch für alle Teilnehmer gab es reichlich Anschauungsuntericht für moderne, gut aufgemachte und gesunde Lebensmittel, deren Adaption für den Heimatmarkt durchaus eine Überlegung wert ist. Die Stationen in Märkten von Sainsbury, Tesco, Selfridges, Waitrose oder Whole Foods offenbarten auf eindrucksvolle Weise die Vielfalt der britischen Lebensmittel-Szene.
Es gibt auch kritische PunkteGleichwohl müssen sich die deutschen Händler nicht mehr verstecken. Mittlerweile wirken deutsche Märkte oftmals atmosphärisch so brillant und modern gestylt wie die ewigen Vorbilder von der Insel.
Auf der Insel gibt es auch Schatten. Nicht überall sind die Angebote und die Markt-Präsentation State of the Art. Besonders die Hygiene-Standards lassen vereinzelt zu wünschen übrig.
Reger Austausch während der Storecheck-Touren
An Highlights mangelte es aber keineswegs. Die Sortimente, stark auf Convenience Chilled Food und generell auf Frische ausgelegt, setzen Zeichen. Gerhard Evers, CEO der Hilcona AG, und sein neuer Vertriebsleiter für Europa, Robert Bastong, füllten die Einkaufskörbe und fotografierten fleißig Sandwich-Produkte, die in Art und Aufmachung beispielgebend sind.
Ideen fürs Tagesgeschäft in Deutschland
Ralph Ziegelmeier und Lars Knobloch, beide Geschäftsführer bei Krone, steuerten meist auf das Fischsortiment zu. Hie und da wirkt der in Folie eingeschweißte Fisch nach Ziegelmeiers Meinung zu künstlich, aber die Angabe über die Anzahl der Lachsscheiben auf der Verpackung - das könnte etwas für zuhause sein!
Stefan Tenk, Combi-Geschäftsführer (Bünting), empfindet den Waitrose in Canary Wharf als einen Höhepunkt der Store-Check-Tour. Die Frische-Sortimente lassen das Herz des Händlers höher schlagen. Hinzukommt die gewinnende Art von Waitrose-Manager Carl Kirby, der den Gästen die eigene Geschäftspolitik mit großer Offenheit und Leidenschaft vermittelt: "No problem", sagt er, "fotografieren Sie, was Sie wollen."
Das lässt sich Hilcona-Mann Bastong nicht zweimal sagen. CEO Evers fungiert derweil wiederholt als Produkt-Halter für Waitrose-Sandwiches. Hier sind die Vorteile der modernen Digital-Fotografie offensichtlich. Die " Besseresser" aus Liechtenstein sind laut eigener Aussage der größte Sandwich-Produzent der Schweiz. Evers fühlt sich bei Waitrose pudelwohl: "Wenn es so einen Markt bei uns geben gäbe, würde ich dort einkaufen." Auch Combi-Mann Tenk zückt jetzt seine Kamera - das Frischschild über dem Salat- und Gemüse-Regal findet seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Trendthema Regionalität Dirk Beuschel, seit 21 Jahren in Diensten der Edeka Nordbayern Sachsen-Thüringen und dort mit der Einkaufsleitung betraut, findet etwas bestätigt, worauf auch die Edekaner stark setzen: Regionalität. Produkte aus Großbritannien und der Region stehen ganz besonders in Zeiten der Rezession ganz oben auf der Wunschliste der Kunden.
Derweil stürzt sich Susanne Merl, Geschäftsführerin beim gleichnamigen Hersteller, auf die anregenden Verpackungen der Dessert-Range.
Der Trip nach London der auch eine Besichtigung beim Chilled Food-Hersteller Noon einschloss, hatte mit einem Besuch des Büros Food from Britain begonnen. Dort begrüßten Patricia Czerniak, Food from Britain (FFB) Germany, und Peter Esser, Verlagsleiter LZ die Gäste.
Dem Auftakt-Referat von Chris Brockman (FFB) über den britischen Einzelhandel folgte der Vortrag von Susi Richards, Innovation Managerin von Sainsbury's. Sie bestätigte Brockmans Hinweis, wonach die Zeit für die Zubereitung von Speisen kontinuierlich rückläufig sei. 1980 wurden noch 60 Minuten für die Zubereitung einer Mahlzeit aufgewandt, im Jahr 2000 waren es nur noch 20 Minuten.
Doch der Trend zu Convenience und Chilled Food muss sich nicht zwangsläufig fortsetzen. Die Wirtschaftskrise verändert das Einkaufsverhalten der Engländer. So sagt auch Susi Richards, dass Preiseinstieg zunehmen wird und "wir den Kunden eher beibringen müssen, wie man günstig kocht." Das ist eigentlich genau das Gegenteil von Chilled Food, vorbereiteten, gekühlten Speisen, die preislich eher weiter oben angesiedelt sind.
Den LZ-Bericht als pdf-Dokument können Sie hier laden:
LZ-Bericht der Londonreise 2008