Nur Werte schaffen Werte
LZ|NET. Dürren verwüsten die Landschaft und bedrohen die Existenz
der Landwirtschaft in Südeuropa. Wirbelstürme zerstören
Ölplattformen in Mittelamerika. In Skandinavien regnet es in
Strömen, nahezu unaufhörlich. Was wie eine weitere düstere
Wetterprognose von Umweltaktivisten anmutet, ist in Wahrheit das
Ergebnis wissenschaftlicher Berechnungen. Und die besagen, dass
"wir auf eine komplett andere Welt zusteuern", wie Dr. Hans Joachim
Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung
in seinem Vortrag zum Kongress des 50. Goldenen Zuckerhuts
feststellte. Er sprach deutliche, nicht gerade feierliche Worte.
Aber das Feiern sollte auch nicht im Mittelpunkt stehen bei
diesem Jubiläumskongress, den die veranstaltende Lebensmittel
Zeitung unter die Überschrift "Blickwechsel - Unternehmen auf
Augenhöhe mit der Gesellschaft" stellte und damit dem Thema
gesellschaftliche Verantwortung widmete. "Wir schauen heute nicht
in die Branche hinein, sondern ganz bewusst über die Grenzen
hinaus", hatte Chefredakteurin Angela Wisken zur Einleitung gesagt.
Die drei Referenten erfüllten auf der Bühne der Berliner
Philharmonie, die sich bezeichnenderweise auf Augenhöhe mit der
ersten Sitzreihe befindet, diesen Anspruch. Sie wiesen ihre rund
700 Zuhörer darauf hin, dass die derzeit unter dem Stichwort
Corporate Social Responsibilty (CSR) erbrachten Leistungen, nicht
nur wünschenswert und lohnend, sondern geboten sind.
"Unternehmen leisten zu wenig, wenn sie nur leisten", sagte
Professor Dr. Bolko von Oetinger, Direktor des Strategieinstituts
der Boston Consulting Group, der über das Thema "Größe verpflichtet
- Corporate Social Responsibility als unternehmerische Aufgabe"
referierte. Für ihn ist es verfehlt, gesellschaftliches Engagement
nur als Kostenfaktor zu verstehen. Richtig umgesetzt, seien
derartige Aktivitäten vielmehr Investitionen in die
Wettbewerbsfähigkeit, sagte von Oetinger. Großkonzerne hätten teilweise bereits
begriffen, dass sie nicht nur ökonomische, sondern auch politische
Einheiten seien und zu einem integrierten Teil der Gesellschaft
werden müssten. Damit dies gelingt, empfahl der Referent die
gründliche Analyse etwaiger Vertrauensprobleme, das Durchleuchten
der Konzernprozesse sowie die "freiwillige Selbstbeschränkung, um
Regulierern zuvorzukommen."
Selbstbeschränkung ist auch der
Weg, der das vom Physiker Schellnhuber unter der Überschrift "Ein
globaler Lernprozess. Klima, Wasser und Ernährung - vom Umgang mit
unseren Ressourcen" dargestellte und vom weltgrößten Computer in
Japan errechnete Zukunftsszenario noch abmildern könnte. Eine
vollständige Umkehr hält der Forscher ohnehin nicht mehr für
möglich. Die Menschheit, die nach seinem Erkenntnisstand die
Hauptverantwortung für die aktuelle Klimaveränderung trägt, könne
allenfalls darauf hinarbeiten, dass die mittlere Welttemperatur
nicht über zwei bis zweieinhalb Grad steige. Um dies zu erreichen,
sei nicht weniger als die "dritte industrielle Revolution"
vonnöten, sagte Schellnhuber. "Erneuerbare Energien" müssten im
Mittelpunkt dieser Veränderungen stehen.
Einen anderen Wandel,
den Wertewandel, stellte Nestlé-Ehrenpräsident Dr. Helmut Maucher
in den Mittelpunkt seiner Rede zum Thema "Langfristig denken. Werte
schaffen für Unternehmen und Gesellschaft". Er bemängelte die
Mentalität des kurzfristigen Denkens, die sich seiner Ansicht nach
in den vergangenen Jahren in den Chefetagen breit gemacht habe.
Erst eine innerhalb der Unternehmen gelebte Werteorientierung werde
letztlich dazu führen, dass das gesellschaftliche Engagement der
Wirtschaft als glaubwürdig wahrgenommen werde.
"Immerhin
spricht man jetzt darüber", sagte Maucher. Die Zuhörer
verabschiedeten ihn mit Standing Ovations.