Handelsmann aus Berufung
Karsten Pabst ist bei der Hieber's Frische Center KG groß rausgekommen. Eigentlich wollte er sich selbstständig machen. Doch Jörg Hieber wusste den überzeugten Warenmensch im Unternehmen zu halten. / Von Dirk Dietz
LZ|NET. Karsten Pabst kommt gut eine halbe Stunde zu spät, die Dienstagssitzung hat ihn aufgehalten, aber auf eine Kurzbesichtigung des Hieber-Marktes in Weil am Rhein will er trotzdem nicht verzichten. Und gleich ist er in seinem Element.
Wie ein Wasserfall sprudelt es aus ihm heraus, und mit ähnlichem Tempo jagt Karsten Pabst durch den 2300 Quadratmeter großen Supermarkt, eine Art Wellness-Oase des Konsums, vorbei an der riesigen Obst- und Gemüseabteilung, nebenbei die jüngsten Erkenntnisse der Hirnforschung referierend ("Die Frische am Eingang überträgt sich im Kundengehirn auf den Gesamtmarkt"), weiter zur Weinabteilung, die besser als manches Fachhandelsgeschäft sortiert ist.
Beiläufig kommentiert er die Vorzüge elektronischer Etiketten an den Regalen ("Pro Markt so teuer, wie ein Einfamilienhaus, aber die Preissicherheit zahlt sich aus."), erklärt den "Hieber-Bauhausstil" der endlosen Frischetheke. Schon ist der Ausgang erreicht, wo die neueste Errungenschaft des Marktes steht, vier Selfscanning-Kassen. Zahlen hat Pabst zur Hand wie ein Zimmermann seinen Hammer, egal, ob die Nutzung der SB-Kassen (20 Prozent der Kunden, 13 Prozent des Marktumsatzes), zur Flächenproduktivität (7000 Euro), zum Gesamtumsatz (16 Millionen Euro), den Anteil heimischer Weine (80 Prozent am Umsatz in der Weinabteilung) oder zur Statik des säulenlosen Marktes (größter freitragender Lebensmittelmarkt).
Karsten Pabst ist schwer zu bremsen. Ein kurzer Gang durch den Hieber-Markt reicht aus für eine Art Update über die neueste Handelstechnologie und Warenpräsentation.
Weiter geht's in seinem Auto nach Grenzach zum jüngsten Flaggschiff von Hieber. Aber ohne eine Extrarunde zum Campus des unmittelbaren Nachbarn, dem Büromöbelhersteller Vitra, ist das nicht zu machen.
Eine Spielwiese für experimentelle Architekten, ob Zaha Hadid (Feuerwehrhaus), Tadao Ando (Konferenz-Pavillon) oder Álvaro Sizas (Fabrikgebäude und Tor). Pabst ist sichtlich stolz auf das berühmte Unternehmen aus der Kleinstadt (30000 Einwohner) im Grenzdreieck der Schweiz, Frankreich und Deutschland.
Dann der Grenzacher Markt, etwa 16 Kilometer von Weil entfernt. Ein Kubus, mit einer 70 Meter langen Glasfront, extra nach Norden ausgerichtet, damit die Sonne den Markt nicht aufheizt, ein kaum von Säulen verstellter 3500 Quadratmeter großer, sechs Meter hoher Verkaufsraum mit warmen, leuchtenden Farben an den Wänden, Lindgrün für Obst und Gemüse, Blau für Säfte und Getränke, Orange für Wein und Spirituosen.
Karsten Pabst geht schnell die Begeisterung durch für die allerneuesten Errungenschaften der Hieber-Märkte, sein Team oder die beste Präsentation aller Warenwelten. Über sich redet er selten, fast könnte man meinen ungern. Denn Pabst sieht sich als Teamplayer, ja als Kommunikator, der andere mitreißen kann und sich von der Begeisterung anderer anstecken lässt.
Doch heute geht es um ihn, der 1998 den Förderpreises der Stiftung Goldener Zuckerhut zum 50. Geburtstag der LZ in der Frankfurter Alten Oper in Empfang nahm, im Alter von gerade 24 Jahren. Zehn Jahre später hat es der Handelsmann aus Berufung in die Geschäftsführung der Hieber's Frische Center KG mit Sitz in Binzen geschafft. Doch der Reihe nach. Pabst ist Franke, geboren unweit von Würzburg. Sein Vater war Geschäftsführer bei der Edeka Nordbayern. Gern erwähnt er dieses Erbe nicht, er möchte nicht als Protegé seines Vaters dastehen. Kurz nach der Lehre als Einzelhandelskaufmann bei der Edeka Nordbayern, folgt die einjährige Ausbildung beim JAP, dem Junioren Aufstiegsprogramm, in deren Verlauf er zu Hieber nach Lörrach kommt, dem Supermarkt des Jahres 1994. Auch für Pabst wird dieses Jahr super.
Hieber bietet ihm die Stelle eines "Substituts" in Weil am Rhein an. Eigentlich wollte er weiter nach Neuwied zur Bundeslebensmittelfachschule, aber dann denkt er sich: "Ich mach' das ein bis zwei Jahre, danach kann ich da immer noch hingehen."
Doch diesem Vorhaben kommt der Marktleiter in die Quere, der die Brocken hinschmeißt. Nach nur vier Monaten ist der Substitut bereits Chef des Marktes in Weil. Angst vor der neuen Aufgabe hat er nicht. "Ich hatte ja nichts zu verlieren", sagt er. Aber viel zu gewinnen. Mit Hieber und Pabst haben sich zwei gefunden, die besser kaum zusammenpassen könnten. "Hier hat man einen enormen Freiraum, um eigene Ideen einzubringen und zu realisieren", sagt er. Pabst liebt es, Ware zu inszenieren und zu präsentieren.
Undenkbar für ihn, in der nüchternen oder besser ernüchternden Warenwelt von Lidl oder Aldi zu arbeiten. Denn er betrachtet sich als einen Genussmenschen, der gern isst und trinkt, mitunter auch zuviel Süßigkeiten nascht. Er scherzt: "Ich verkörpere, was ein Lebensmittelkaufmann sein muss". Anerkennung ist ihm wichtig, er "blüht auf", wenn er Kundenwünsche in Verkaufskonzepte übersetzen kann.
Längst hat der einstige Franke seine zweite Heimat in Weil gefunden. Er hat sich ein Haus gekauft, lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Weil. Nur an Zeit für Hobbies fehlt es. Früher trainierte er die Betriebsfußballer, jetzt kickt er nur noch gelegentlich mit - und sucht weiter nach einem "gewissen Ausgleich zu meinem Beruf". Leicht wird die Suche nicht, denn Pabst kennt keine Langeweile.
Übrigens: Mit Neuwied ist es nichts geworden. Jörg Hieber hat es geschafft, ihn ans Unternehmen zu binden: Zuerst, seit dem Jahre 2004, mit dem Posten des Geschäftsführers und zuletzt mit einer Unternehmensbeteiligung. Seit Hiebers Rückzug aus dem operativen Geschäft zum Jahreswechsel bildet Pabst zusammen mit dessen Sohn Dieter Hieber und Norbert Schoeffel eine Dreierspitze in der Geschäftsleitung.