Freitag, 25. Mai 2012

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Kulturrevolution

Freitag, 05.11.2010

Nach Führungskrisen und Umstrukturierungen setzt Rewe mit ihren Konzepten und Innovationen heute Maßstäbe im Lebensmittelhandel. Konzernchef Alain Caparros treibt beharrlich und mit großem Geschick seine Mannschaft voran
LZnet/acm/cr. Samstags begibt sich Alain Caparros gerne selbst an die Verkaufsfront. Dann reist der Konzern-Chef quer durch die Regionen und inspiziert die Märkte seines Rewe-Reichs.

Der Franzose schaut in Kühltruhen, greift in Regale und stellt viele Fragen. Er will genau wissen, wo Kaufleuten und Filialleitern der Schuh drückt oder was die Kunden umtreibt. Der 54 Jahre alte Konzernlenker sucht geradezu den Kontakt zur Basis – und unterscheidet sich damit von vielen anderen Managern.

Seit 2006 steht Caparros an der Konzernspitze und treibt seine Mannschaft samt 1000 Genossen voran. Mit Erfolg: Deutschlands zweitgrößte Handelsgruppe hat 2009 die Umsatz-Marke von 50 Milliarden Euro übersprungen. Das operative Konzernergebnis konnte trotz Krisenzeiten auf 1,5 Milliarden Euro gesteigert werden. Die Eigenkapitalquote verbesserte sich von 22 auf 26 Prozent.

Supermärkte haben guten Lauf

Vor allem die Supermärkte haben derzeit einen guten Lauf und hängen sogar die lange erfolgsverwöhnten Discounter Aldi und Lidl ab. Die Kölner Genossen setzen alles daran, ihre über 3000 Supermärkte im Wettbewerb mit den Billiganbietern und dem Erzrivalen Edeka zu stärken.

Die Vollsortimenter sind mit über 13 Milliarden Euro Umsatz das Zugpferd der Rewe. Das war nicht immer so. Über Jahre steuerte das Filialgeschäft keinen nennenswerten Beitrag zum Ergebnis bei. Erst der Big Bang, die Umstellung aller Märkte auf das einheitliche Rewe-Logo im Jahre 2006, und der Ausbau der Eigenmarken brachten die Wende.

Rewe setzt mit Innovationen Akzente. Schlag auf Schlag legt die Gruppe neue Vertriebskonzepte wie Rewe City, Rewe Center und Temma auf. Gleichzeitig preschen die Kölner mit langen Öffnungszeiten vor. Mittlerweile hat jeder zweite Rewe-Markt bis 22 Uhr geöffnet, rund 60 Standorte sogar bis Mitternacht. Der Pioniergeist wird belohnt. "Rewe macht einen guten Job", räumen selbst Wettbewerber ein.

In der Vorreiterrolle

Caparros versucht in vielerlei Hinsicht, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Er treibt das Thema Nachhaltigkeit voran. Vor rund drei Jahren hat Rewe ihre Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen. Mit ihrem jüngsten Projekt, dem neuen Label Pro Planet, will die Gruppe ihren Kunden eine Orientierungshilfe für nachhaltig produzierte Produkte bieten.

Der Rewe-Chef weiß natürlich, das ist gut fürs Image. Aber er ist auch davon überzeugt, dass nur ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen erfolgreich sein kann. "Caparros hat eine neue Kultur verankert", sagen Kaufleute. Der Rewe-Chef hat in den vergangenen Jahren sämtliche Geschäftsbereiche angepackt und den Konzern in vielen Bereichen verändert.

Die von Vorgänger Achim Egner 2005 eingeleitete Strukturreform setzt Caparros konsequent um. Die Verschmelzung der Organisationen von Filialgeschäft und Kaufleuten ist eine der Grundlagen des heutigen Erfolgs. Sie ermöglicht unter anderem die schnelle Expansion in Deutschland.

Kaum eine andere deutsche Handelsgruppe hat in den vergangenen Jahren so viel Umsatz zugekauft. So verleibte sich Rewe Stück für Stück die frühere Metro-Tochter Extra ein, schluckte dann über 300 Plus-Märkte und zuletzt 65 Tengelmann-Filialen im Rhein-Main-Gebiet.

Auch die Übernahme der Adeg in Österreich sorgte für viel Aufsehen. Doch die Zukäufe wollen erst einmal verdaut sein. Caparros hat daher in diesem Jahr eine Phase der Konsolidierung eingeläutet.

Noch sind nicht alle Probleme im Unternehmen gelöst. Zwar ist es dem Management gelungen langjährige Baustellen wie Baumärkte und Großflächen wieder in die Spur zu bringen.

Doch Penny hat immer noch schwer zu kämpfen. Und auch bei Fegro/Selgros läuft nicht alles rund. Verglichen mit früheren Jahren bewegt sich Rewe jedoch wieder in deutlich ruhigeren Bahnen.

Es war ein langer Weg bis dahin – voller Überraschungen auch für Caparros. Er kommt just zu einer Zeit der e schweren Führungskrisen. Kurz nachdem der damalige Vorstandschef Hans Reischl den Franzosen im Zuge der Übernahme der Schweizer Bon Appetit-Gruppe mit eingekauft hatte, kehrt Reischl dem Unternehmen Hals über Kopf den Rücken.

Es folgt Dieter Berninghaus, der Caparros zum Penny-Chef macht. Nur wenige Monate später stolpert der smarte Hoffnungsträger über eine Betrugsaffäre. Es folgt ein kurzes Intermezzo mit Josef Sanktjohanser, Hans Schmitz und Gerd Bruse an der Spitze, denen letztlich Achim Egner an der Spitze des Vorstands folgt. "Herr Egner hatte gute Ansätze, aber die Methodik war nicht richtig, und die Mitarbeiter waren ziemlich demotiviert", sagt Caparros heute.

Showdown im Herbst

Im Herbst 2006 kommtes zum Showdown. Das gesamte Management rebelliert. Anführer der Revolte: Caparros. Egner stürzt, und der Franzose rückt selbst an die Spitze. Manch einer in der Branche wettete damals, dass sich auch Caparros nicht lange halten würde.

Doch es kommt anders. Der Franzose bringt die Mitarbeiter wieder zusammen und hat sich mittlerweile eine Machtposition erarbeitet, wie sie zuvor wohl nur Reischl hatte. Allerdings mit einem großen Unterschied: Caparros macht nichts im Alleingang. Er sagt von sich selbst, er sei ein totaler Teamplayer.

Geschickt weiß der CEO, Mitarbeiter und Kaufleute einzubinden. Bei vielen Genossen ist der Rewe-Chef daher äußerst beliebt. "Endlich kriegen wir mit, was in Köln passiert", sagt ein Kaufmann. Im Aufsichtsrat und bei den Betriebsräten hat Caparros ebenfalls viele Freunde. Sogar die ehemaligen Rewe-Granden, allen voran Hans Reischl, hat Caparros versöhnt.

Bewährungsprobe bestanden

Seine wohl bisher größte Bewährungsprobe meistert der Franzose knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt. Im Sommer 2007 attackiert die Private-Equity-Gesellschaft KKR das Unternehmen mit einem Übernahmeangebot.

Doch Aufsichtsrat und Rewe-Vorstand, dem damals schon Josef Sanktjohanser und Norbert Fiebig angehören (Manfred Esser und Frank Wiemer kamen erst später hinzu), schaffen es, den Finanzinvestor abzuwehren.

"Die KKR-Erfahrungen haben die Rewe-Mannschaft zusammengeschweißt", weiß ein Insider. Heute sitzt der Rewe-Chef fester denn je im Sattel, erst kürzlich wurde sein Vertrag um weitere fünf Jahre bis ins Jahr 2016 verlängert.

Caparros liebt es, ab und an zu provozieren: "Wir sind die Deppen der Nation", wettert er schon mal, wenn der Handel wieder einmal in die Rolle des Buhmanns gedrängt wird. Ein andermal beklagt der Rewe-Chef, dass die Branche mit ihren Preissenkungswellen Werte vernichte.

"Diese "Handelskrankheit" sei schlimmer als die Wirtschaftskrise." Am wohlsten aber fühlt sich Caparros offensichtlich bei seinen Kaufleuten – wie neulich bei Akzenta-Chef Hans Löbbert in Wuppertal. Dann legt er auch schon mal das Manuskript zur Seite, öffnet das Hemd ein wenig und sorgt gleich mit dem ersten Satz für Stimmung: "Guten Abend, ich bin Alain Caparros, und ich bin Franzose."

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