Der Kundenflüsterer
Freche Kunden kommen Robert Schäfer gerade recht. Denn sie bringen den Rewe-Kaufmann aus Niederkassel auf ausgefallene Ideen. Schäfer lebt im Speckgürtel zwischen Köln und Bonn eine Supermarktkultur vom Feinsten vor / Von Annette C. Müller
LZ|NET. Der Mann ist Rheinländer und ein Kreativer. Das macht
vieles leichter. Robert Schäfer (42), offen, dynamisch, direkt und
zupackend, denkt vielfach anders als andere Händler und weit über
die eigene Bedienungstheke hinaus. Ein "geht nicht" gibt es für ihn
nicht. Das spornt ihn nur an. Der Rewe-Kaufmann will das
"Supermarkt-Geschäft emotionaler und spannender machen".
Schäfer betreibt drei Märkte, die auf
1 200, 1 600 und 3 100 qm einen Jahresumsatz von
insgesamt über 20 Mio. Euro erzielen. Vor allem sein
Flaggschiffmarkt in Niederkassel-Ranzel zeigt, dass Vollsortimenter
mit einem Mix aus schicker Architektur, Innovationen und
Sortimentstiefe gegen den Discount zu punkten wissen.
Der
gelernte Einzelhandelskaufmann und studierte Handelsfachwirt ist
einer der Trendsetter in den Rewe-Reihen. Längst hat sich sein Ende
2006 eröffneter größter Supermarkt (Verbrauchermärkte findet er
"gesichtslos") zum Anziehungspunkt nicht nur für genussorientierte
Kunden, sondern auch für die Branche entwickelt. "Wow, das sieht
gut aus", hört er immer wieder von Kollegen.
Schäfer, der
eigentlich Architekt werden wollte und somit einen Blick für
Ästehtik hat, bringt viel Licht, Farbe, schicke Deckensegel und
Pendelleuchten auf die Fläche. "Einkaufen soll Spaß machen", sagt
er. Das ist zwar eine Binsenweisheit, im LEH gleichwohl trotzdem
schwer umzusetzen.
Ein Farbsystem und klare Flächendramaturgie
führen den Kunden durch den übersichtlich gestalteten 3000er Markt,
der "aber auf keinen Fall so groß aussehen sollte". Schäfer ging an
diese Aufgabe unorthodox heran. Denn er fragte vorher an der Basis
nach. Damit war das Kundenparlament mit bis zu 30 Teilnehmerinnen
geboren. "Frauen, die den
Großteil unserer Kunden bilden, haben doch ein ganz anderes
Raumgefühl als Männer", erkannte der Kaufmann. Diskussionen
folgten. Zum Beispiel, ob die Gänge 1,90 Meter breit sein sollten,
damit die Kundin noch mit dem Kinderwagen durchkommt und der
Nachwuchs dabei nicht alles angrabscht.
Motzen ist bei Schäfer
erwünscht: "Die frechsten Kunden sind die besten Kritiker." So kam
der Reweaner auch auf die Idee, die Kassenzone völlig frei zu
räumen und die Zigaretten im Automat am Marktausgang zu verkaufen.
Denn Kunden wollen den Überblick haben.
Keine lästigen
Deckenanhänger und hohen Regale stören. Sein Markt folgt
praktischen Prinzipien. Vor allem die über 30 Meter lange
Bedienungstheke, die in runder Optik angeordnete Feinkostinsel und
das Weinbistro stechen heraus. Umrahmt von Weinregalen können
Kunden in dem 32 Sitzplätze umfassenden und gemütlichen Bistro eine
schöpferische Pause einlegen.
Zwei Köche bereiten Speisen wie
Rouladen, asiatische und mediterrane Gerichte zu. Seitdem der
Rewe-Händler auch noch ein "All you can eat-Buffet" einführte,
brummt das Bistro. Im Sommer ist ein integrierter Shop
hinzugekommen, der edle Spirituosen, Weine, Pralinees und Tees
liebevoll dekoriert anbietet. Über 40 000 Artikel bietet der Rewe-Händler in
seinem Flagschiffmarkt. Allein die Feinkostinsel umfasst 1 200
Gewürze, über 60 Balsamicos und 100 Sorten Espresso. Diese Vielfalt
zieht Hobbyköche aus der ganzen Umgebung an und inspirierte Schäfer
auch dazu, Kochshows für Kunden im Haus anzubieten. Doch zu schick
und hochwertig will Schäfer, der selber gerne am Herd steht, nicht
sein: "Wir wollen kein Feinkostladen von Karstadt sein." Sein Markt
sollte anders sein, aber nicht abgehoben.
Auch technisch setzt
der Selbstständige Akzente: "Wir haben Edelstahl und Technik in den
Laden gebracht, denn da stehen Männer drauf." Der Kaufmann arbeitet
mit Instore-TV, das er zum Beispiel für Verzehrempfehlungen von
Weinen nutzt, und hat bargeldloses Bezahlen eingeführt. Das
Fingerprint-Verfahren sei für Kunden etwas ungewohnt, das brauche
noch einige Überzeugungsarbeit.
Die Branche ist von so viel
Innovationssinn angetan. Schäfer wurde 2007 mit dem VMI-Award
ausgezeichnet. Schon sein Energiekonzept hatte für Aufsehen
gesorgt. Der komplette Markt ist über eine Photovoltaik-Anlage auf
dem Dach und Wärmerückgewinnung energietechnisch autark.
Die
ausgefeilte Technik macht einen Mehraufwand von rund 180 000
Euro aus. Schäfer: "Doch hochwertiger zu bauen hat sich gerechnet."
Insgesamt hat der Rewe-Kaufmann sechs Millionen Euro "aus eigener
Kraft" investiert. So konnte er sich konzeptionell frei entfalten
und experimentieren.
"Ich bin ein Unternehmer und kein
Unterlasser", sagt der Kaufmann über sich selbst. Er managt in
zweiter Generation die Firma, die sein Vater Erwin 1976 aufbaute.
Der Senior (70) ist ein Kaufmann alter Güte, der noch immer im
Markt präsent ist und auf Kunden zuzugehen weiß. Er hat den Sohn
stark geprägt. "Mein Vater hat mir die Freiheit gelassen, mich zu
entwickeln und meine Fehler und meinen Weg zu machen", sagt sein
Sohn. Mit Mitte 20 wollte
der Junior beispielsweise "etwas Eigenes auf die Beine stellen" und
gründete zusammen mit Bekannten die IT-Gesellschaft Magelan, die am
Ende 12 Millionen Euro umsetzte und 2007 verkauft wurde. Erst mit
Anfang 30 packte ihn vollends die "Leidenschaft für den LEH".
Und dazu habe auch der Austausch mit anderen Händlern in der Rewe
West oder der MLF beigetragen. Als damaliger "junger Wilder" wollte
er einiges ändern. Deswegen engagiert er sich auch heute noch,
darunter im Aufsichtsrat der Rewe-Zentrale.
Doch trotz aller
Ansprüche an Design, Technik und Sortiment sind es für Schäfer
letztlich auch ganz einfache Dinge, die einen guten Supermarkt
ausmachen. Das beginnt bei der viel beschworenen
Kundenorientierung: "Der Kunde will vor allem wahrgenommen werden."
Kein Wunder, dass Schäfer viele Kunden mit Namen begrüßt.