Querdenker mit Erfolgsformel
Der Drogeriemarktfilialist Rossmann ist eines der dynamischsten Handelsunternehmen Europas. Mit Kreativität und Kampfgeist schreibt Firmengründer Dirk Roßmann die Erfolgsgeschichte täglich aufs Neue fort. Damit prägt der 63-Jährige den Konzern und die gesamte Branche. / Von Jan Mende
Es ist nicht einfach, Dirk Roßmann in Verlegenheit zu bringen. Der
Mann hat auf fast alles eine Antwort. Bei der Frage nach Schwächen
und Stärken entsteht jedoch eine kurze Denkpause.
Roßmann
sitzt auf dem grauen Sofa in seinem Chefbüro. Er ist unzufrieden,
die Frage ist ihm nicht philosophisch genug. Der belesene
Unternehmer sucht trotzdem weiter - und findet, vielleicht aus
Höflichkeit, schließlich eine Antwort: "Goethe schreibt: Nichts ist
so gut, dass es nicht auch schlecht ist. Und nichts ist so
schlecht, dass es nicht auch gut ist."
Dirk Rossmann
Der
63-Jährige selbst hat vieles richtig gut gemacht in seinem Leben.
Der von ihm aufgebaute Drogeriemarktfilialist mit Sitz im
niedersächsischen Burgwedel gilt als eines der dynamischsten
Handelsunternehmen Europas. In den Jahren 1998 bis 2008 verbuchte
Rossmann regelmäßig zweistellige Zuwachsraten. Kein anderer
deutscher Drogeriemarktbetreiber wuchs schneller. Zuletzt betrug
der Konzernumsatz 3,85 Milliarden Euro; in Deutschland erzielten
die 1 490 Märkte einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro.
Das
sind die Kennzahlen, Roßmann weiß um ihren Wert. "Wenn wir keinen
Erfolg hätten, könnte ich hier nicht so locker sitzen und darüber
reden." Das "wir" ist ihm wichtig. Er kokettiert mit der Stärke
seiner "eigenständig denkenden Mitarbeiter". Wenn es jedoch um
Grundsätzliches geht, ist klar, wer im stetig wachsenden Orchester
den Dirigenten gibt. Er selbst -
sitzt an allen Verhandlungstagen im Oberlandesgericht Düsseldorf
dem Richter gegenüber, um für die Preispolitik des Unternehmens zu
kämpfen. Es geht um Einstandspreise und Werbekostenzuschüsse. Das
Kartellamt verdonnert Rossmann, das Unternehmen, und Roßmann, den
Unternehmer, zu einem Bußgeld von insgesamt 300.000 Euro. Die Summe
ist eigentlich eine Lappalie. Roßmann geht dennoch dagegen an. Es
geht ihm um mehr.
Der Großdrogist wird jetzt, in seinem Büro,
sehr politisch und grundsätzlich. Er spricht über Wettbewerb. Über
"unmoralische Renditen im Ausland". Über die eigene
Bruttoumsatzrendite von 2 bis 3 Prozent. Darüber, dass Deutschland
stolz sein könne auf den harten Wettbewerb und die niedrigen
Preise. Natürlich verteidigt er mit dieser Sicht der Dinge auch
einen Teil seines Geschäftsmodells.
Der Drogeriemarktfilialist
gilt zurecht als preisaggressiv. Wo immer er auftaucht, fällt er
durch Aktionen und Kampfpreise auf. Die Konkurrenz kennt und
fürchtet das. Lieferanten wissen, "dass Rossmann sich seine
Zuwachsraten in den Jahresverhandlungen auch gut bezahlen lassen
will". Fast im selben Atemzug loben sie den "konzeptionell und
kreativ denkenden Einkauf". Roßmann
fördert die Kreativität. Sie ist eine Wurzel seines Erfolgs. Als
der damals 25-jährige Macher - noch vor dm und Schlecker - 1972 in
seiner Heimatstadt Hannover den ersten Drogeriemarkt des Landes
eröffnet, ist er der Pionier der heutigen Entwicklung. Eine Stärke
des Jungunternehmers, der bereits im Alter von 14 Jahren in der
elterlichen Drogerie mithilft, sind sein Mut zum Risiko und seine
innere, unruhige Neugier.
Eigenschaften, die er sich ein Leben
lang bewahrt hat. Auch deshalb hat er nichts dagegen, wenn
Politiker wie einst Gerhard Schröder sich mit ihm ablichten lassen.
Er profitiere ebenfalls, sagt er. Die Kontakte ermöglichten es ihm,
in andere Lebensrealitäten einzutauchen.
Als er im August in
der Lüneburger Heide gemeinsam mit seiner Frau ein Sommerfest
veranstaltet, lässt sich erahnen, wie viel Freude ihm das bereitet.
Unter den Gästen sind Politiker, Unternehmer, Manager, Fußballer,
Journalisten, Künstler, ganz normale Angestellte. Auch ein
veritabler Rockstar, Scorpions-Sänger Klaus Meine, zählt zu seinen
Duzfreunden.
"Es gibt wohl nur wenige Menschen, die so einen
bunten Freundeskreis pflegen wie Dirk Roßmann", frohlockt
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, dem auf der Party
ein Grußwort vergönnt ist. Im persönlichen Gespräch sagt Roßmann:
"Mein Lebensglück besteht nicht allein darin, ständig neue Filialen
zu eröffnen." Es sind klare
Sätze wie dieser, die ihn zum Quer- und Weiterdenker inmitten der
in der heutigen Wirtschaftswelt üblichen gedrechselten Worte und
aalglatten Floskeln machen. Roßmann hat seinen eigenen Kopf, das
ist eine entscheidende Konstante - in seinem Leben und in seinem
Geschäft.
Schon in der Schulzeit geriet er mit den
Konventionen und dem herkömmlichen Verständnis von Disziplin in
Konflikt. Auch aus dieser Erfahrung heraus entschied er sich für
einen eigenen Weg. Er vertraute auf seinen Geschäftssinn und seinen
Instinkt. Dieser Pioniergeist prägt auch das Unternehmen.
Wo
immer sich Chancen auftun, gehören die Niedersachsen zu den Ersten,
die sie wahrnehmen. Das für einen Drogeriemarkt große und gut
sortierte Weinregal, das dem Unternehmen mittlerweile
Auszeichnungen einbringt, ist nur ein Beispiel. Das von seiner
Ehefrau verantwortete Nonfood-Segment sowie der aktuelle Vorstoß in
den politisch kontroversen Bereich der apothekenexklusiven OTC-
Produkte sind weitere. Rossmann und Roßmann suchen und finden
kontinuierlich - und nehmen dafür auch Widerstände und Risiken in
Kauf. Als im Jahr 2005 die kd-Märkte
übernommen werden, kündigt der Unternehmer damit auch die
Freundschaft mit dm auf. Rossmann marschiert mit der Übernahme ins
Stammgebiet des einstigen Einkaufskooperationspartners ein und
entfacht damit einen Wettbewerb, der die Branche prägt. Es ist ein
umkämpfter Markt. Rossmann versucht ihn auch mithilfe von
spektakulären Übernahmen wie jener von kd und jener von Kloppenburg
im Jahr 2008 aktiv zu gestalten.
Das finanzielle Fundament
dafür ist gegeben, die Eigenkapitalquote ist mit 32,6 Prozent mehr
als solide. Die chinesische Gruppe A.S. Watson ist mit 40 Prozent
am niedersächsischen Konzern beteiligt und trägt im Rahmen eines
Joint-Ventures zur Expansion in den Auslandsmärkten bei. Roßmann
legt Wert darauf, dass das Unternehmen die Expansion weitgehend aus
dem Cash Flow finanziert. Und dass er trotz des Engagements der
Chinesen Herr im Hause ist: "Wir sind und bleiben ein
Familienunternehmen."
Auf die Frage, wer es nach ihm führen
soll, bemüht er nicht Goethe, sondern ohne zu zögern den Brustton
der Überzeugung: "Ich habe zwei blühende Söhne."