Freitag, 25. Mai 2012

mail mail mail Schwerpunkt: Goldener Zuckerhut

Querdenker mit Erfolgsformel

Freitag, 06.11.2009

Der Drogeriemarktfilialist Rossmann ist eines der dynamischsten Handelsunternehmen Europas. Mit Kreativität und Kampfgeist schreibt Firmengründer Dirk Roßmann die Erfolgsgeschichte täglich aufs Neue fort. Damit prägt der 63-Jährige den Konzern und die gesamte Branche. / Von Jan Mende
Es ist nicht einfach, Dirk Roßmann in Verlegenheit zu bringen. Der Mann hat auf fast alles eine Antwort. Bei der Frage nach Schwächen und Stärken entsteht jedoch eine kurze Denkpause.

Roßmann sitzt auf dem grauen Sofa in seinem Chefbüro. Er ist unzufrieden, die Frage ist ihm nicht philosophisch genug. Der belesene Unternehmer sucht trotzdem weiter - und findet, vielleicht aus Höflichkeit, schließlich eine Antwort: "Goethe schreibt: Nichts ist so gut, dass es nicht auch schlecht ist. Und nichts ist so schlecht, dass es nicht auch gut ist."

Dirk Rossmann
Dirk Rossmann
Der 63-Jährige selbst hat vieles richtig gut gemacht in seinem Leben. Der von ihm aufgebaute Drogeriemarktfilialist mit Sitz im niedersächsischen Burgwedel gilt als eines der dynamischsten Handelsunternehmen Europas. In den Jahren 1998 bis 2008 verbuchte Rossmann regelmäßig zweistellige Zuwachsraten. Kein anderer deutscher Drogeriemarktbetreiber wuchs schneller. Zuletzt betrug der Konzernumsatz 3,85 Milliarden Euro; in Deutschland erzielten die 1 490 Märkte einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro.

Das sind die Kennzahlen, Roßmann weiß um ihren Wert. "Wenn wir keinen Erfolg hätten, könnte ich hier nicht so locker sitzen und darüber reden." Das "wir" ist ihm wichtig. Er kokettiert mit der Stärke seiner "eigenständig denkenden Mitarbeiter". Wenn es jedoch um Grundsätzliches geht, ist klar, wer im stetig wachsenden Orchester den Dirigenten gibt.

"Unmoralische Renditen"

Er selbst - sitzt an allen Verhandlungstagen im Oberlandesgericht Düsseldorf dem Richter gegenüber, um für die Preispolitik des Unternehmens zu kämpfen. Es geht um Einstandspreise und Werbekostenzuschüsse. Das Kartellamt verdonnert Rossmann, das Unternehmen, und Roßmann, den Unternehmer, zu einem Bußgeld von insgesamt 300.000 Euro. Die Summe ist eigentlich eine Lappalie. Roßmann geht dennoch dagegen an. Es geht ihm um mehr.

Der Großdrogist wird jetzt, in seinem Büro, sehr politisch und grundsätzlich. Er spricht über Wettbewerb. Über "unmoralische Renditen im Ausland". Über die eigene Bruttoumsatzrendite von 2 bis 3 Prozent. Darüber, dass Deutschland stolz sein könne auf den harten Wettbewerb und die niedrigen Preise. Natürlich verteidigt er mit dieser Sicht der Dinge auch einen Teil seines Geschäftsmodells.

Der Drogeriemarktfilialist gilt zurecht als preisaggressiv. Wo immer er auftaucht, fällt er durch Aktionen und Kampfpreise auf. Die Konkurrenz kennt und fürchtet das. Lieferanten wissen, "dass Rossmann sich seine Zuwachsraten in den Jahresverhandlungen auch gut bezahlen lassen will". Fast im selben Atemzug loben sie den "konzeptionell und kreativ denkenden Einkauf".

Mut zum Risiko

Roßmann fördert die Kreativität. Sie ist eine Wurzel seines Erfolgs. Als der damals 25-jährige Macher - noch vor dm und Schlecker - 1972 in seiner Heimatstadt Hannover den ersten Drogeriemarkt des Landes eröffnet, ist er der Pionier der heutigen Entwicklung. Eine Stärke des Jungunternehmers, der bereits im Alter von 14 Jahren in der elterlichen Drogerie mithilft, sind sein Mut zum Risiko und seine innere, unruhige Neugier.

Eigenschaften, die er sich ein Leben lang bewahrt hat. Auch deshalb hat er nichts dagegen, wenn Politiker wie einst Gerhard Schröder sich mit ihm ablichten lassen. Er profitiere ebenfalls, sagt er. Die Kontakte ermöglichten es ihm, in andere Lebensrealitäten einzutauchen.

Als er im August in der Lüneburger Heide gemeinsam mit seiner Frau ein Sommerfest veranstaltet, lässt sich erahnen, wie viel Freude ihm das bereitet. Unter den Gästen sind Politiker, Unternehmer, Manager, Fußballer, Journalisten, Künstler, ganz normale Angestellte. Auch ein veritabler Rockstar, Scorpions-Sänger Klaus Meine, zählt zu seinen Duzfreunden.

"Es gibt wohl nur wenige Menschen, die so einen bunten Freundeskreis pflegen wie Dirk Roßmann", frohlockt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, dem auf der Party ein Grußwort vergönnt ist. Im persönlichen Gespräch sagt Roßmann: "Mein Lebensglück besteht nicht allein darin, ständig neue Filialen zu eröffnen."

Gegner aalglatter Floskeln

Es sind klare Sätze wie dieser, die ihn zum Quer- und Weiterdenker inmitten der in der heutigen Wirtschaftswelt üblichen gedrechselten Worte und aalglatten Floskeln machen. Roßmann hat seinen eigenen Kopf, das ist eine entscheidende Konstante - in seinem Leben und in seinem Geschäft.

Schon in der Schulzeit geriet er mit den Konventionen und dem herkömmlichen Verständnis von Disziplin in Konflikt. Auch aus dieser Erfahrung heraus entschied er sich für einen eigenen Weg. Er vertraute auf seinen Geschäftssinn und seinen Instinkt. Dieser Pioniergeist prägt auch das Unternehmen.

Wo immer sich Chancen auftun, gehören die Niedersachsen zu den Ersten, die sie wahrnehmen. Das für einen Drogeriemarkt große und gut sortierte Weinregal, das dem Unternehmen mittlerweile Auszeichnungen einbringt, ist nur ein Beispiel. Das von seiner Ehefrau verantwortete Nonfood-Segment sowie der aktuelle Vorstoß in den politisch kontroversen Bereich der apothekenexklusiven OTC- Produkte sind weitere. Rossmann und Roßmann suchen und finden kontinuierlich - und nehmen dafür auch Widerstände und Risiken in Kauf.

Umkämpfter Markt

Als im Jahr 2005 die kd-Märkte übernommen werden, kündigt der Unternehmer damit auch die Freundschaft mit dm auf. Rossmann marschiert mit der Übernahme ins Stammgebiet des einstigen Einkaufskooperationspartners ein und entfacht damit einen Wettbewerb, der die Branche prägt. Es ist ein umkämpfter Markt. Rossmann versucht ihn auch mithilfe von spektakulären Übernahmen wie jener von kd und jener von Kloppenburg im Jahr 2008 aktiv zu gestalten.

Das finanzielle Fundament dafür ist gegeben, die Eigenkapitalquote ist mit 32,6 Prozent mehr als solide. Die chinesische Gruppe A.S. Watson ist mit 40 Prozent am niedersächsischen Konzern beteiligt und trägt im Rahmen eines Joint-Ventures zur Expansion in den Auslandsmärkten bei. Roßmann legt Wert darauf, dass das Unternehmen die Expansion weitgehend aus dem Cash Flow finanziert. Und dass er trotz des Engagements der Chinesen Herr im Hause ist: "Wir sind und bleiben ein Familienunternehmen."

Auf die Frage, wer es nach ihm führen soll, bemüht er nicht Goethe, sondern ohne zu zögern den Brustton der Überzeugung: "Ich habe zwei blühende Söhne."

Goldener Zuckerhut







LZ Karriere

E-Paper: Lesen Sie das neue LZ Karriere



LZnet auf dem iPhone

Immer aktuell: Branchen-News und Firmenprofile auf Ihrem iPhone.


Virtueller Supermarkt


Warenkunde in neuen Dimensionen:
Die Online-Lernplattform für den LEH


Nur in Print

Umwelt? Hilfe!
Im Kampf um die öffentliche Meinung greifen Verbände häufig zu rechtlichen Mitteln.
LZ 20

"Super Ausgangslage"
Metro verfügt über eines der attraktivsten Portfolios im Handel.
LZ 20

Heimspiel
Das Pirmasenser Unternehmen Wasgau im Porträt.
LZ 20

Zum Probe-Abo