Wir brauchen mündige Verbraucher
Promi-Köchin Sarah Wiener.
Foto: Anuga
Lebensmittel Zeitung: Wann waren Sie zuletzt in einem Supermarkt?Sarah Wiener: Heute, in einem kleinen Biosupermarkt in Ottensen, in Hamburg.
LZ: Sie wettern regelmäßig gegen die Ernährungsindustrie, weil Sie deren Aromen, Farbstoffe und Fertigprodukte ablehnen. Warum?Wiener: Ich setze mich sehr für gesundes Essen ein, das stimmt, und ich wünsche mir aufgeklärte, kundige Verbraucher. Ich lehne Fertigprodukte nicht per se ab. In meinem Essen möchte ich einen ursprünglichen Geschmack haben und ich schätze Grundprodukte mit Charakter.
Bei den stark verarbeiteten Lebensmitteln heutzutage kann ich gar nicht mehr herausfinden, was da alles drin ist. Zum einen, weil ich das Etikett nicht verstehe, zum anderen, weil einem oft etwas vorgegaukelt wird, was nicht der Realität entspricht.
Ich möchte auch nicht Fleisch essen müssen, dessen Tiere nicht artgerecht - oder besser: wesensgerecht - gehalten worden sind. Ich möchte zudem keinen Einheitsgeschmack. Weder in Büchern, in der Kunst, im Wein und auch nicht beim Essen. Ich liebe es, gut zu essen, zu kochen, frisch und regional einzukaufen. Das ist heutzutage in einer Großstadt ironischerweise nicht so einfach.
LZ: Sie predigen ihre Ernährungsphilosophie - frische Bio- und Regionalprodukte statt industrieller Fertigkost - nach einem ähnlichen Mantra wie die Industrie behauptet, ihre Produkte seien gesund. Steckt nicht hinter beiden Ansichten eine vergleichbare religiöse Anschauung?Wiener: Wenn die Menschen aufgeklärt sind, dann geht es nicht um glauben, sondern um wissen. Für mich zählen ganz sachliche Argumente: Produkte aus der Region verbrauchen weniger Energie und CO
2 beim Transport. Bio ist das am stärksten kontrollierte Label, mit klaren Standards. Wonach sollte ich mich richten, wenn ich die Produzenten nicht selbst kenne?
LZ: Sie bemängeln, die industriellen Aromastoffe führten zu genormter Billignahrung mit Einheitsgeschmack. Gleichzeitig animieren Sie die Menschen, anders einzukaufen. Warum sollte die Industrie produzieren, was die Bürger offensichtlich kaum nachfragen?Wiener: Wir stehen vor einem Henne-Ei-Phänomen und bei beiden, Herstellern und Verbrauchern, ist ein Umdenken notwendig, wenn wir langfristig und nachhaltig vorgehen möchten. So ein Umdenken ist immer und überall eine Anstrengung und nicht über Nacht zu erreichen. Es ist aber dennoch richtig, damit anzufangen und dafür zu werben.
Ich denke nicht, dass der Bürger heute tatsächlich schon ein mündiger Entscheidungsträger ist, in Bezug auf Lebensmittel und deren Herstellung. Es gibt kaum Aufklärung, was wir genau essen, ebenso wenig unabhängige Forschung über die Wirkungen von Lebensmittelzusatzstoffen, genmanipulierte Mikroorganismen, gesunde Böden, Pestizide und so weiter. Ebenso fehlt der große Wurf für gangbare Alternativ-Modelle für die Landwirtschaft und die Industrie.
Die Werbung macht den Rest. Warum soll ich auch nur 10 Cent für etwas mehr ausgeben, wenn ich nicht den Nutzen daran sehe? Die meisten Menschen haben eine andere Lebenswirklichkeit, als um sich Stund um Stund mit Züchtung, Aromastoffen und Verpackungsmaterial herumzuschlagen. Wir alle sind aber aufgefordert, künftigen Generationen eine lebenswerte und lebensfähige Welt zu hinterlassen.
LZ: Die Ernährungsindustrie behauptet, Gastronomen seien auf Convenience-Produkte angewiesen, um schnell genug servieren und günstige Preise bieten zu können. Spitzengastronomen wären davon natürlich ausgenommen. Würden Sie dem zustimmen?Wiener: Zu allererst: Gastronomie war und ist ein hartes Pflaster. Eine gute, frisch gekochte Speisenkarte ist aufwendig und damit eine unternehmerische Herausforderung. Ich weiß wovon ich rede! Die Motivation vieler Gastronomen ist: je billiger ich einkaufe, desto reicher werde ich selbst. Das ist zu kurz gedacht und funktioniert ja offensichtlich auch meist nicht.
Billig heißt aber niemals besser. Ich zerstöre damit allgemeine Qualität und Standards, Geschmack und Individualität. So entsteht auf die Dauer ein "Lemon"-Markt, in dem keiner mehr Qualität erkennt und honoriert. Niemand ist wirklich gezwungen, diesen Weg zu gehen, im Gegenteil: da wird eine Entwicklung bedenkenlos unterstützt, die Industrie, Handel und Erzeuger in eine Abwärtsspirale hinunterzieht und sich mit der Zeit selbst auffrisst.
Ich habe es in der Hand, was ich meinen Gästen wie und in welcher Zeit servieren möchte. Wenn man keine Liebe zu Speisen hat, sollte man vielleicht besser einen Schraubenladen aufmachen, als den hundertsten Fastfood-Konkurrenzladen in der Straße oder eine Bar.
Zudem: Wenn wir alle Umweltschäden den Erzeugern in hartem Euro zuschlagen würden, die Ressourcenausbeutung beziffern würden, dann wäre regionales Bio über Nacht dagegen billig und machbar.
Natürlich wären Lebensmittel dann für alle teurer, zugleich wären die Gesundheitskosten niedriger. Wir müssten Prioritäten setzen.
Unser derzeitiger Weg ist allerdings eine Sackgasse. Zudem: In den goldenen 50er Jahren haben wir 50 Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute sind es 12 Prozent. Wir leben aber zu 100 Prozent von unserer Gesundheit.
Das Interview führte Stefan Ludwig.