Werte, Wissen und Wettbewerb bewegen Tegut
Young Business Factory der LZ zu Gast bei Tegut – Einblicke in die Unternehmenskultur und Praxis in Handel und Produktion
LZnet/hed. Das Familienunternehmen Tegut hat sich ein sehr eigenständiges Profil erarbeitet. Bei der YBF berichtet die Führungscrew von den Erfolgsprinzipien und aktuellen Herausforderungen.
"Gutes in Bewegung setzen" steht passend zum Unternehmensmotto auf den Papphockern, die im Kreis angeordnet den 94 Teilnehmern der Young Business Factory (YBF) beim Handelsunternehmen Tegut als Sitzgelegenheit dienen. Trotz aller Skepsis, ob die Hocker halten und nicht bei der kleinsten Bewegung zusammenbrechen, versammeln sich die Nachwuchskräfte aus Handel und Industrie darauf rund um den Vorstandsvorsitzenden Thomas Gutberlet, der am ersten Tag der YBF im "Colloquium Privatissime" Rede und Antwort steht.
Als Basis für seinen Vortrag dienen ihm die Fragen der Teilnehmer, die vorab auf Karteikarten festgehalten wurden. Diese nutzt Gutberlet, um über die Dinge zu sprechen, die ihm am Herzen liegen: Was ist Lebensqualität? Was bedeutet Nachhaltigkeit? Welche Chancen haben Bio- und Fair-Trade-Produkte? Wie wichtig sind Eigenmarken? Wie überzeuge ich meine Mitarbeiter?
Auch Qualität ist ein zentraler Begriff in dem mittelständischen Handelsunternehmen. Er wird nicht nur auf die Rezeptur, die Inhaltstoffe der Produkte reduziert, sondern meint auch die Art und Weise der Produktion. Für Andreas Swoboda, Geschäftsleiter für den Bereich Qualität und Umwelt, spielen Umweltaspekte, soziale Prinzipien und Tierschutz eine Rolle. Dies ist der Grund, weshalb Bio schon seit Jahrzehnten im Sortiment von Tegut eine überragende Rolle spielt. Die beiden zum Unternehmen gehörenden Hersteller, der Fleischwarenproduzent KFF und die Bäckerei Herzberger, produzieren ausschließlich Bioware.
Die Urteilsfähigkeit der Kunden fördern
Schließlich gehöre auch die Wirkung eines Produktes zum Qualitätsbegriff. "Wer Qualitätsarbeit macht, muss sich mit Ernährung beschäftigen", glaubt Swoboda und berichtet von Teguts Weg zur Wissensvermittlung für die Kunden. "Wir wollen die Urteilsfähigkeit fördern." Darüber hinaus seien auch Bewegung und das Bewusstsein wichtig. Für diesen Dreiklang hat Tegut einen eigenen Namen und eine Initiative geschaffen: Salutogenese.
Auf die Frage, wie sich soviel Aufwand rechne, relativiert Swoboda: "Sie werden uns nie im Werbefernsehen sehen – das wäre zu teuer." Und Alt-Vorstand Wolfgang Gutberlet ergänzt: "Wir haben trotz dieses Unfugs, den wir dauernd betreiben, überlebt."
Und überlebt hat das Unternehmen bereits seit über 60 Jahren. 1947 gegründet, ist Tegut in dritter Generation in Familienbesitz. Mit 1,1 Mrd. Euro Umsatz und 6000 Mitarbeitern betreibt Tegut rund 300 Geschäfte im Umkreis von 150 km rund um Fulda. Das soll auch so bleiben: "Wenn ich einen Laden besuche, will ich abends zu Hause sein", sagt Wolfgang Gutberlet.
Kultureller Wandel braucht Zeit
Die 20 Filialen im Rhein-Main-Gebiet, die Tegut von Wettbewerber Tengelmann im März 2010 übernommen hat, sind inzwischen alle umgestellt. Aber noch "ist nicht überall Tegut drin, wo Tegut dran steht", gibt Thomas Gutberlet offen zu. Zu Beginn habe man die Mitarbeiter-Teams unverändert übernommen. Der kulturelle Wandel brauche aber seine Zeit.
YBF zu Gast bei Henkel
„Wachstum durch Innovation –
Strategie, Management, Markt?
erfolg“ lautet das Motto der
kommenden Young Business
Factory.
Gastgeber: Henkel AG
Termin: 29./30. November 2010
Ort: Düsseldorf
Information und Anmeldung:
www.lebensmittelzeitung.net/ybf
Für die Personalentwicklung bei Tegut ist Karl-Heinz Brand zuständig. In der Ausbildung geht es bei Tegut nicht allein um Wissensvermittlung. Ziel ist die "Herzensbildung", die sich in den Parametern "Vertrauen bilden", "Wahrnehmen des Anderen" und "Unternehmenskultur" niederschlägt. Wolfgang Gutberlet, der Architekt des Unternehmens und geistige Vater der Unternehmenskultur betätigt sich nach seinem Rückzug als Firmenchef als Ausbilder für Führungskräfte. Er sei, nach seinem Rückzug 2009, ganz bewusst nicht in den Aufsichtsrat (bestehend aus Ingeborg Gutberlet, Gerd Kaiser, Götz W. Werner, Dr. Wilfried Höft, Jens Hager van der Laan) gegangen, damit er nicht über dem jetzigen Vorstand – seinem Sohn – stehe. Er lässt sich Alt-Vorstand nennen und versteht seine Aufgabe so: "Ich muss jetzt den anderen auf den Gaul helfen. Ich reite nicht mehr selber."
Eigenproduktion in Bio-QualitätGutberlet berichtet vom Leitbild, das die Geschäftsleitung für sich selber formuliert hat und alle sieben Jahre überarbeitet. Werte zu schaffen und Entwicklungen zu ermöglichen, sei die Basis des Tuns. Als Händler versuche Tegut ökonomische, soziale und ökologische Aspekte einfach, sinnvoll, und lebendig ins Tagesgeschäft zu integrieren. Dazu gehört auch die tägliche "Stehung", eine Versammlung der Mitglieder der Geschäftsleitung (20) der Arbeitsgemeinschaft. Jeden Morgen spricht und diskutiert man dort rund 15 Minuten über einen Gedanken zum Tag. Warum? "Wer einmal am Tag so zusammen gestanden hat, der streitet nicht mehr so leicht."
Klimaneutrale YBF
Die YBF "Tegut" war die erste klimaneutrale Veranstaltung der LZ. Die Initiative ging von Tegut aus, deren Catering-Service Tegut Bankett klimazertifiziert ist und allen Kunden CO2-neutrales Catering anbietet. Sechs Cent mehr pro Esser kostet dies den umweltbewussten Kunden. Weitere Kriterien wie Anreise und Papierproduktion kommen hinzu. Deshalb wurden alle Teilnehmer der YBF gebeten, mit der Bahn anzureisen. Zusätzlich wird ein Geldbetrag an ein Projekt in Panama zur Aufforstung des Regenwaldes gespendet.
Nach einer geballten Ladung Firmen-Philosophie waren die YBF-Teilnehmer dankbar für den praktischen Part der Veranstaltung, das Besichtigungsprogramm. Besucht wurde die Herzberger Bäckerei, die mit 150 Mitarbeitern Brot und Backwaren vor allem für die Tegut-Filialen herstellt. Das besondere bei Herzberger ist neben strengem Gebrauch von Bio-Zutaten und dem Verzicht auf moderne Backhilfsmittel vor allem der Wasserturm. Quellwasser aus einem 270 Meter tiefen Brunnen wird in einen Turm gepumpt. Dort fällt das Wasser kaskadenartig nach unten und wird verwirbelt und somit nach einem patentierten Verfahren mit Sauerstoff angereichert. Dieser Turm soll die Verwirbelung in einem Gebirgsbach nachahmen und das Wasser soll ebensolche Qualität haben. Das Wasser wird nicht nur zum Backen verwendet sondern inzwischen auch in 5-Liter-Behältern bei Tegut vermarktet.
Außerdem wurden zwei Vorzeigeläden von Tegut in Fulda besucht. Mit 1800 und 3500 qm zählen die beiden Standorte zu den eher großen Outlets von Tegut. Zentraler Blickpunkt ist der große Bereich für Obst und Gemüse. Besonderheiten sind zudem der hohe Bio-Anteil von 20 Prozent nicht nur im Frische-Sortiment, die Kennzeichnung von Eigenmarken und günstigen Waren am Regal sowie die Verkostungsstände. Hier konnten sich die Nachwuchskräfte von der Realisierbarkeit und Umsetzung der Tegut-Philosophie überzeugen.