Vom Kramladen ins Global Village
LZ|NET. Am ersten Oktober 1958 kommt Elvis Presley als US-Soldat in die junge Bundesrepublik und lässt deutsche Mädels reihenweise in Ohnmacht sinken. Im selben Monat erblickt die heutige Familienministerin Ursula von der Leyen das Licht der Welt. Madonna und Michael Jackson werden in jenem Jahr geboren. Und: der Goldene Zuckerhut.
Edeka-Händler Ottmar Bader aus Soltau zählt zu den Pionieren unter den Preisträgern. Trotz Kriegsbeschädigung und hartem Flüchtlingsschicksal habe er ein mustergültiges Geschäft aufgebaut, heißt es in der Begründung. Der Kaufmann agiert auf der Höhe der Zeit, er hat „auf Freiwahl“ umgestellt. Im Handel beginnt die Ära der Selbstbedienung. Sie breitet sich rasch aus. Ohne leistungsfähige, vollautomatische Kassen wäre ihr Durchbruch unmöglich gewesen. Und so verwundert es nicht, dass die Nationale Registrierkassen GmbH aus Augsburg ebenfalls auf dem Ehrenpodest steht.
Auch in den heimischen vier Wänden hält der technische Fortschritt Einzug. Immer mehr Familien leisten sich einen Kühlschrank. Die vergangenen Monate brachten den besten Verkauf seit dem Krieg, meldet die LZ vom 19. September 1958. Rund ein Viertel der Haushalte besitzt nun ein solches Gerät. Die Läden führen verstärkt kühlbedürftige Ware. Die entsprechende Ausstattung baut Linde. 1961 erhält das Unternehmen folgerichtig die Branchenauszeichnung.
Ende der Fünfziger geht es merklich bergauf in der bundesrepublikanischen Wirtschaft. Die Lebensmittelregale sind gut gefüllt, die Kaufkraft wächst, die Kauflaune auch. Als erstes Unternehmen der Ernährungsindustrie wird die Maggi GmbH mit dem Goldenen Zuckerhut bedacht und mit ihr der Siegeszug des modernen Markenartikels. Sie bringt innovative Artikel auf den Markt, die das Kochen vereinfachen. Vor allem eine Verpackungsidee macht Furore: die Würze in der Einwegflasche. Denn schon damals verlangt die Hausfrau „tisch- und küchenfertige Ware“, wie es in der LZ heißt. Die frühen Selbstbedienungsläden begnügen sich mit wenig Personal und kleinen Flächen. Dagegen macht eine Ausnahmeerscheinung von sich reden: 1957 eröffnet Eklöh in Köln einen Supermarkt nach amerikanischem Vorbild auf 2.000 Quadratmetern. Der Händler rechnet damit, dass sich Einkaufsgewohnheiten rasch ändern werden. Immer öfter wird der Warenberg mit dem Pkw nach Hause transportiert. Die Kölner Großfläche hat sich mit reichlich Parkplätzen darauf eingerichtet. 1965 erhält Volkswagen den Goldenen Zuckerhut. Die überragende Leistung des Autobauers ist für die Ernährungsbranche heute so selbstverständlich wie der Wocheneinkauf.
In den Sechzigern herrscht Aufbruchstimmung. Und mit den steigenden Löhnen – sie haben sich im Laufe eines Jahrzehnts glatt verdoppelt – klettern die Umsätze im LEH. Preisbereinigt ergibt sich 1966 ein Plus von 41 Prozent gegenüber 1957. Persönlichkeiten wie Hugo Mann, Gründer von Wertkauf, oder Josef Hurler mit seinen Huma- und Sumamärkten machen von sich reden. Sie bauen gigantische Verkaufsmaschinen, die in bis dahin nicht gekannte Umsatzdimensionen vordringen. Der Unternehmer Heinz Kipp mit seinen Massa-Märkten zählt ebenfalls dazu. Der vierte im Bunde ist Metro-Gründer Otto Beisheim. Sie lösten einen Strukturwandel ohnegleichen aus. Anfangs recht unspektakulär eröffnet ein Einzelhändler namens Albrecht 1962 im Ruhrgebiet einige Discountgeschäfte. Er setzt eine Idee aus Amerika um. Es sind Läden einfachster Einrichtung und begrenztem Sortiment. Gediegene Kaufleute rümpfen die Nase. Andere experimentieren bald ebenfalls mit dem Format. Unbeirrt stellt Albrecht nach und nach seine bis dahin 200 Filialen um. Ernsthafte Konkurrenz erhält er erst ein Jahrzehnt später. Penny, Lidl, Plus starten zu Beginn der Siebziger. Das Thema allerdings bewegt seit damals die Gemüter und bestimmt bis heute den Preiskampf.
1968 sorgen aufmüpfige Studenten für Unruhe. Während die jungen Leute den „Konsumterror“ anprangern, eröffnet Hugo Mann in München auf 20.000 Quadratmetern „Europas größten Verbrauchermarkt“. Die Konsumlust der Deutschen ist ungebrochen. Wertkauf reagiert mit einem überdimensionalen Angebot von 13.000 Artikeln. Drei Jahre zuvor liegt die durchschnittliche Artikelzahl eines SB-Geschäfts noch bei 1.900.
Die Preisträger der 60er JahrePDF zum Download
Erste Schatten auf ungebremstes Wachstum wirft die Ölkrise 1973. Die Lieferstaaten drohen mit Boykott, um höhere Preise durchzudrücken. Die Politik verordnet autofreie Sonntage. Zwei Jahre später warnen US-amerikanische Wissenschaftler zum ersten Mal, die Ozonschicht sei gefährdet, ein Klimawandel könne die Folge sein. Nachdenkliches auch zum fünfzehnten Goldenen Zuckerhut. Es geht um gesunde Lebensweise, Kennzeichnung und Rückstandskontrolle. Einer der Redner ist Karl Ludwig Schweisfurth als Präsident des Bundesverbands der deutschen Fleischwarenindustrie. Später steigt er aus der konventionellen Produktion aus und reüssiert als Biobauer.
Die Preisträger der 70er JahrePDF zum Download
Aber die Entwicklung im Handel hat ihre eigene Dynamik, und die gewinnt an Fahrt. Die Verkaufsfläche hat sich vervielfältigt. Der Wettbewerb spitzt sich zu und mündet in ein Jahrzehnt der Übernahmeschlachten. Von 1981 bis Mitte 1987 zählt das Kartellamt rund 200 Zusammenschlüsse im LEH. Es ist die Zeit, in der „Asko und Coop einen Fusionstaumel auslösen“, so die LZ. Und doch scheitern beide. Metro übernimmt Asko. Die Coop wird zerschlagen.
Die Preisträger der 80er JahrePDF zum Download In den Neunzigern schafft der europäische Binnenmarkt neue Voraussetzungen und befördert den übernationalen Wettbewerb. Doch das herausragende Ereignis des Jahrzehnts ist die Wiedervereinigung. Goldgräberstimmung macht sich breit. Spar sichert sich die HO-Läden. Rewe Hungen tut sich mit der Konsumgenossenschaft Weimar zusammen. Andere beeilen sich, eigene Distributionsstrukturen aufzuziehen. Als einer der Sieger geht die Schwarz-Gruppe aus der Phase hervor. Einigen wird ihr Engagement zum Verhängnis.
In den Preisträgern spiegelt sich die deutsche Geschichte nach dem Mauerfall. Während der eine munter aus der Konkursmasse übernimmt, versucht der andere sich im neuen System gegen übermächtige Konkurrenz zu behaupten. Der Mehrheitsgesellschafter von Stollwerck, Hans Imhoff, hat zum Zeitpunkt der Ehrung mit dem Goldenen Zuckerhut gerade seine elfte Fabrik im sächsischen Wurzen erworben. Zuvor ersteht er die Thüringer Schokoladenwerke in Saalfeld, die größte Produktion der Ex-DDR. Außer ihm wird 1998 ein Trio ausgezeichnet, das Florena Cosmetic erfolgreich in die Marktwirtschaft führt, zunächst ohne westliche Beteiligung. Heute gehört die Kosmetikmarke zu Beiersdorf. Etwas Einzigartiges wiederum gelingt Rotkäppchen. Die Sektkellerei aus Sachsen-Anhalt verbindet sich mit Mumm und startet mit Bravour durch. Dieses Jahr erhält sie dafür die Branchentrophäe.
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Das Jahr 2000 endet mit einem Knaller. Am 24. November wird ein in Deutschland geborenes und aufgewachsenes Rind BSE-krank. Der Schock ist perfekt und stürzt Handel wie Fleischbranche in eine große Krise. Heute ist der massenweise Verzicht auf Rindfleisch beinahe in Vergessenheit geraten. Doch Lebensmittelskandale und -probleme häufen sich und schärfen die Sinne der Konsumenten. Sie wollen vertrauen und honorieren zunehmend ethische Grundsätze bei Herstellung und Handel. Bio gewinnt an Boden. Der Filialist Tegut, im vorigen Jahr gewürdigt, wird bei seinen Geschäften nicht zuletzt von dieser Welle getragen.
Der Jahrtausendwende folgt zunächst eine schwierige Phase der Stagnation. Die Branche sucht ihr Heil im Ausland. Viele Unternehmen agieren dabei überaus erfolgreich, so dass inzwischen das Stimmungsbarometer allenthalben wieder nach oben zeigt. „Der Weg zwischen steigenden Kosten und sinkenden Spannen“ müsse gefunden werden, bemerkt Josef Wahl, Präsident der Arbeitsgemeinschaft süddeutscher Lebensmittel-Fachverbände, in seiner Rede zur Preisverleihung 1958. Wie manche Themen doch die Zeiten überdauern!
Die Preisträger der 2000er Jahre
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