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von Redaktion LZ
Freitag, 17. August 2012
Nachwuchsmangel: Viele Jugendliche finden das Hantieren mit Wurst oder Fleisch nicht sonderlich attraktiv.
LZ-Archiv
Nachwuchsmangel: Viele Jugendliche finden das Hantieren mit Wurst oder Fleisch nicht sonderlich attraktiv.
LZnet. In diesen Wochen starten tausende von jungen Leuten ihre Ausbildung. Für den Einzelhandel wird es schwieriger, qualifizierte Bewerber zu finden. Geburtenrückgang und die Konkurrenz mit anderen Branchen machen den Unternehmen zu schaffen. Noch sind viele Lehrstellen vakant.
Es fehlt an Nachwuchs – und zwar durch die Bank. Stefan Hamm, Geschäftsbereichsleiter Personal Lidl, bringt es auf den Punkt: "Für alle Ausbildungsberufe, die wir anbieten, wird es zunehmend schwieriger, geeignete Bewerber zu bekommen." Auch Aldi Süd stellt "bereits seit mehreren Jahren einen Rückgang der Anzahl potenzieller Bewerber fest".

Und das bei oft steigender Zahl von Lehrstellen. dm etwa sucht dieses Jahr mit 1.300 Azubis 100 mehr als 2011. Und Geschäftsführer Christian Harms kündigt bereits an: "2013 werden wir sogar 1.500 Ausbildungsplätze schaffen."

Fleischer ist kein Traumjob

Besonders in der Lebensmittelproduktion, bei handwerklich geprägten Berufen oder Tätigkeiten in der Logistik kann der Handel seine Stellen nur mit Mühe besetzen. Die Klagen ziehen quer durch die Unternehmen. "Besonders herausfordernd ist es, für unsere Produktionsbetriebe im Bereich Fleisch- und Wurstwaren sowie Brot- und Backwaren ausreichend Bewerber zu gewinnen", meldet Edeka.

Wettbewerber Rewe sieht das ähnlich. Hier sind es vor allem Fleischer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk Schwerpunkt Fleischerei, Kaufleute im Einzelhandel Fachrichtung Feinkost, Fachlageristen und Fachkräfte für Lagerlogistik, für die Interessenten gesucht werden.

Die Metro-Vertriebslinien Real und Metro Cash+Carry tun sich ebenfalls zunehmend schwerer, geeignete Bewerber für "handwerkliche" Berufe zu finden, insbesondere in ländlichen Regionen. Real nennt speziell die Frischebereiche, also Fleischer und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk. Schwierig zu besetzen seien zudem "Nischenberufe" im Bereich Informatik oder Ausbildungen als Servicefahrer. Berufskraftfahrer sind bei Rossmann Mangelware.

Weniger Bewerber für Nischenberufe

Vor allem in Ballungsräumen hat der Handel mit der Konkurrenz durch andere, vermeintlich attraktivere Dienstleistungsbranchen zu kämpfen. "Im Münchener Raum besteht der härteste Wettbewerb", weiß Sabine Schult-Kündgen, Leiterin Personalmanagement bei Galeria Kaufhof. Für Obi ist die Bewerbersituation im Großraum Köln und Stuttgart "sehr angespannt".

Rossmann zeigt auf Frankfurt, Hamburg, Berlin und Thüringen. In der Region ist die Rekrutierung leichter, findet Benjamin Brähler, Ausbildungsreferent bei Tegut. Doch wo die Flucht in die Städte schon im vollen Gange ist, wendet sich das Blatt, stellt Rewe fest.

Ausbildungsstellen im Einzelhandel
LZ-Grafik


Selbst prosperierende Landstriche sind nicht automatisch ein Dorado für die Azubi-Suche, beobachtet Lucien Dellwo, Leiter Ausbildung bei Hornbach. "Wir müssen an allen Standorten mehr Aufwand als noch vor drei bis vier Jahren betreiben, doch am schwierigsten ist es in Bayern und Baden-Württemberg." Im Süden der Republik herrscht Vollbeschäftigung, und der Arbeitgeber Handel hat das Nachsehen.

Im Süden herrscht Vollbeschäftigung

Die mangelnde Ausbildungsreife der Jugendlichen ist vielen Ausbildern ein Dorn im Auge. Lidl-Personaler Stefan Hamm sieht die größten Defizite "beim Notenspiegel sowie allgemeinbildenden Fächern wie Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften". Auch Tegut-Ausbilder Benjamin Brähler vermisst schulisches Können, vor allem mit Blick auf "die Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz".

Das hätte jedoch in der Regel "nur einen relativ geringen Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg der Ausbildung", relativiert er. Gravierender seien Mängel bei der sozialen Kompetenz. "Wenn es um grundlegende Eigenschaften wie Verbindlichkeit, Engagement und Lernwillen geht, können wir heute von manchem Bewerber nicht mehr so viel erwarten wie früher."

Obi nennt ein Beispiel dafür: Zusätzliche spannende und innovative Aufgaben, etwa in kleineren Projekten, würden oft "mit mangelndem Interesse" wahrgenommen.

"Entscheidend für uns ist die Motivation der Bewerber", formuliert dm-Chef Christian Harms. Man erwarte, dass sich die Kandidaten bereits vorher mit ihrem zukünftigen Ausbildungsberuf und dem Unternehmen auseinandergesetzt haben. "Mehr Herzblut für die Arbeit" wünscht sich Nicole Rodenbüsch, verantwortlich für Ausbildung bei Globus, von Einsteigern, denen sie zum Teil einen Mangel an persönlicher Reife attestiert.

Vielen fehlt die persönliche Reife

Es fehle an Selbstvertrauen, dem Mut, Aufgaben wahrzunehmen und sich vorurteilsfrei an Neues heranzuwagen – von fehlender Sattelfestigkeit bei Dreisatz und Prozentrechnung ganz zu schweigen. "Wir müssen immer mehr Erziehungsarbeit leisten", so die Personalerin. Der SB-Warenhausbetreiber hat deshalb ein Schulungskonzept zur fachlichen und persönlichen Entwicklung seiner Azubis aufgesetzt, "verpflichtend für alle und vom ersten Tag an" .

Derlei Nachhilfeunterricht haben inzwischen etliche Händler im Programm. Beispiel Rewe: Dort werden alle Auszubildenden durch interne Trainer in der Personalentwicklung geschult. Edeka setzt auf "ausbildungsbegleitende Hilfen", um theoretische Defizite auszubügeln. Weil es auch auf gute Umgangsformen ankommt, bietet Bartels-Langness ein "Knigge-Seminar" im ersten Lehrjahr.

Auch die Umgangsformen sind verbesserungsbedürftig

Einigkeit besteht darin, dass der Handel seine Imageoffensive verstärken und sich als Arbeitgeber besser in Szene setzen sollte. Dazu gehört, beim Rekrutieren alle Register zu ziehen, von Online-Stellenbörse bis Facebook. Präsenz auf Messen und Ausbildungsveranstaltungen ist für viele bereits selbstverständlich.

Hoch im Kurs stehen zudem Kooperationen mit Schulen. "Wir müssen auf die Zielgruppe zugehen, die kommen nicht zu uns", begründet Globus-Fachfrau Nicole Rodenbüsch. Um Schülern einen Eindruck von der Arbeit in den Filialen zu vermitteln, laden Aldi-Süd-Regionalgesellschaften zu "Praxistagen" ein.

Kooperationen mit Schulen

Bei Kaufhof gibt es mittlerweile rund 70 Lernpartnerschaften von Warenhäusern mit Schulen am jeweiligen Ort. Auf diese Weise, argumentiert Bartels-Langness stellvertretend für die gesamte Branche, gewinnen beide Seiten: "Die Schulen erhalten Einblicke in die Wirtschaft und feste Praktikumsplätze für ihre Schüler. Wir Unternehmen können direkt mit den Jugendlichen kommunizieren und für Berufe und Karriere im Handel werben."

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