ANG "Der Branche fehlen Planungsdaten"

von Christiane Düthmann
Freitag, 17. August 2012
Imagekorrektur: Die Foodindustrie könnte in Sachen Arbeitgeberattraktivität noch eine Schippe drauflegen, findet Valerie Holsboer.
Klaus Ohlenschläger
Imagekorrektur: Die Foodindustrie könnte in Sachen Arbeitgeberattraktivität noch eine Schippe drauflegen, findet Valerie Holsboer.
Auch die Ernährungsindustrie kämpft mit schrumpfenden Bewerberzahlen und Imageproblemen. Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG), skizziert Lösungsansätze.
Lebensmittel Zeitung: Frau Holsboer, derzeit startet das neue Ausbildungsjahr. Wie ist die Situation in der Ernährungsindustrie?

Valerie Holsboer: Insgesamt sind in den ernährungstypischen Berufen noch mehr als 1.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Bundesagentur für Arbeit für die ANG. Der gesamte Bereich Nahrung und Genuss, inklusive Handwerk, hat sogar noch 5.698 Stellen frei.

LZ: Wo fehlen die meisten Bewerber?

Holsboer: Bei den Fachkräften für Lebensmitteltechnik, den sogenannten Falets. Das ist die mit Abstand größte Gruppe der ernährungstypischen Berufe. Von den 1.107 Ausbildungsstellen in 2012 sind noch 386 frei. Dabei ist das der wichtigste Ausbildungsgang in der Foodindustrie.

LZ: Aber offensichtlich noch vielen unbekannt.

Holsboer: Das stimmt leider. Falet ist ein Beruf ohne Tradition, aber in der Ausbildung breit aufgestellt, so dass die Absolventen bei der Wahl ihres künftigen Einsatzgebiets maximalen Spielraum haben. Deshalb ist die Berufsberatung schon in den Schulen so wichtig. Die Kandidaten müssen sich über Chancen jenseits der wenigen Lieblingsberufe informieren. Der Tunnelblick hat noch nie eine Karriere befördert.

LZ: Wie sieht es bei anderen Ausbildungsgängen aus?

Holsboer: Von den 124 gemeldeten Stellen für Brauer und Mälzer etwa sind noch 22 zu haben, 42 der rund 100 Ausbildungsplätze zum Müller/Verfahrenstechnologen stehen zur Verfügung, und 20 der mehr als 100 Plätze für Fachleute für Süßwarentechnik sind vakant.

LZ: In welchem Beruf ist die Lage besonders ernst?

Holsboer: Erfahrungsgemäß sind die Ausbildungsplätze bei den Fleischern am schwierigsten zu besetzen. Hier sind 411 von 690 gemeldeten Plätzen noch frei. Man muss auch berücksichtigen, dass die Ernährungsindustrie viele Berufe anbietet, die es in anderen Branchen ebenfalls gibt, wie Industriekaufleute oder Logistiker. Dabei konkurrieren wir mit Wirtschaftszweigen, die besser bezahlen, etwa der Chemie- oder Metallindustrie.

LZ: Klagen die Hersteller bereits über Engpässe?

Holsboer: Zufrieden ist heutzutage keiner mehr. Denn auch die Unternehmen, die alle Plätze besetzen können, müssen aus einem kleineren Topf an Bewerbern fischen.

LZ: Welche Regionen sind besonders betroffen?

Holsboer: In Ostdeutschland kommen wir schwerer an Nachwuchs. In den Ballungsräumen dagegen konkurrieren wir mit deutlich mehr Branchen und Betrieben. Das wiegt den Vorteil, dass es dort mehr junge Menschen gibt, wieder auf.

LZ: Wie steht es um die Qualität der Bewerber?

Holsboer: Das Jammern über die mangelnde Ausbildungsreife zieht sich seit Jahren wie ein roter Faden durch. Aber die Ernährungsindustrie investiert enorm viel in die Ausbildung und kann dadurch eine Menge kompensieren. Zudem wächst die Bereitschaft der Unternehmen, über Bedarf auszubilden, um vom Fachkräftemangel nicht kalt erwischt zu werden.

LZ: Welches Image hat die Branche bei jungen Leuten?

Holsboer: Wenn über die Nahrungsmittelwirtschaft berichtet wird, dann geht es fast immer um vermeintliche Skandale. Das beeinträchtigt ihr Arbeitgeberimage massiv. Da müssen wir richtig nachholen.

LZ: Mit welchen Ansatzpunkten kann die Branche beim Nachwuchs punkten? 

Holsboer: Sie sollte auf regionale Marketingaktivitäten setzen, wie Aktionstage Ausbildung oder Tage der offenen Tür, bei denen sich die Betriebe vorstellen. Auch Betriebspraktika und die Kooperationen mit Schulen sind ganz wichtig.

LZ: Was kann die ANG tun?

Holsboer: Das Datenmaterial, das zur Planung dringend benötigt wird, ist noch lückenhaft. Wir werden deshalb in den nächsten Monaten beispielsweise analysieren, wie sich die Schulabgänger in den kommenden Jahren in den Regionen verteilen. Dann wissen die Unternehmen vor Ort, was auf sie zukommt. (cd)

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