Integration Integration im Supermarkt

von Redaktion LZ
Freitag, 24. September 2010
Eine von Vielen: Zwischen 10 und 20 Prozent aller Auszubildenden im Lebensmittelhandel haben Wurzeln außerhalb Deutschlands oder keinen hiesigen Pass.
Picture Alliance/dpa/Ulrich Perrey
Eine von Vielen: Zwischen 10 und 20 Prozent aller Auszubildenden im Lebensmittelhandel haben Wurzeln außerhalb Deutschlands oder keinen hiesigen Pass.
LZnet. Von den 2,9 Millionen Mitarbeitern des Handels in Deutschland hat jeder Fünfte einen Migrationshintergrund. Damit leistet die Branche einen wichtigen Beitrag zur Integration.
Dass Aishe und Angela, Ali und Andreas im LEH einträchtig nebeneinander arbeiten, sieht man bei jedem Einkauf im Supermarkt. Doch wenn es um Details zum sogenannten Migrationshintergrund geht, geben sich manche Händler ziemlich zugeknöpft.

So heißt es auf eine entsprechende LZ-Anfrage aus der Lidl-Zentrale lediglich: "Bei uns arbeiten Menschen aus 102 Nationen." Genaueres? Fehlanzeige. Tegut belässt es bei allgemeinen Aussagen. Auch Edeka nennt keine Zahlen.

Statistisches Material ist rar gesät

Selbst der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) muss passen: Statistisches Material zur Herkunft der Mitarbeiter ist in Berlin rar gesät. Jeder fünfte Beschäftigte in der Branche hat einen Migrationshintergrund, soviel immerhin lässt sich eruieren.

Etwas differenzierter ist die Datenlage bei den türkischstämmigen Selbstständigen in Deutschland. "Von den 72.500 Unternehmern sind 34,9 Prozent im Einzelhandel tätig", teilt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth mit.

Ein Grund für den Mangel an exakten Werten liegt in der Sache selbst. Menschen mit "Migrationshintergrund" haben vielfach längst einen deutschen Pass. Und die nationalen Wurzeln jedes Einzelnen werden von Personalsystemen nicht erfasst.

"Besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund in der zweiten oder gar dritten Generation wird die inhaltliche Definition des Begriffs zunehmend unklar", erläutert Bettina Scharff, Bereichsleiterin Organisational & Social Development bei der Metro Group.

Türken stellen die größte Gruppe

Fest steht: 8 Prozent der hierzulande im Konzern Beschäftigten haben keinen deutschen Pass. Unter den 141 vertretenen Nationalitäten liegen die Türkei, Italien, Kroatien, Griechenland und Bosnien an der Spitze.

Genauso sieht es auf den ersten drei Plätzen bei der Rewe aus, wo Menschen aus 143 Ländern arbeiten. Auf Platz vier und fünf rangieren hier Polen und Griechen. 9 Prozent der Mitarbeiter haben außerdeutsche Wurzeln und sind keine deutschen Staatsbürger.

In der Vertriebsorganisation und der Logistik sind sie am häufigsten vertreten, so Oliver Holler, Leiter Personalwesen Zentrale der Rewe.

Vergleichbar auch die Stellungnahmen der beiden Big Player zum Thema Ausbildung. Etwa jeder fünfte der 7.300 Rewe-Lehrlinge hat einen Migrationshintergrund. Bei den 8.300 Metro-Auszubildenden liegt der Anteil der Personen mit nicht deutscher Nationalität bei rund 10 Prozent.

Edeka dagegen erfasst diese Quote nicht. "Wir sehen keine Notwendigkeit dazu", heißt es aus Hamburg. Insgesamt bilden Edeka und Netto Marken-Discount rund 17000 Nachwuchskräfte aus.

Es hapert bei Mathe und Deutsch

Unisono beklagen die Personaler Wissensdefizite bei den Schulabgängern, vor allem in Deutsch und Mathe. Wobei die Deutschkenntnisse der Jugendlichen mit Migrationshintergrund laut Rewe "häufig nicht auf dem gleichen Level wie bei vergleichbaren einheimischen Bewerbern" liegen.

Nach Ansicht der Metro hingegen sind die Lücken bei beiden Gruppen etwa gleich gravierend. Bettina Scharff moniert zudem die mangelnde Ausdrucksfähigkeit der Jugendlichen. "Wir bemerken immer öfter, dass sich Nachwuchskräfte insbesondere bei der Beantwortung von offenen und komplexen Fragen schwer tun."

Die Düsseldorfer ziehen deshalb alle Register, damit die Azubis Versäumtes aufholen. So stehen während der Ausbildung Referate und Vorträge auf dem Stundenplan. Auch Edeka setzt auf Nachhilfe: "Wenn es bei unseren Azubis Defizite gibt, zum Beispiel im schriftlichen oder mündlichen Ausdrucksvermögen, versuchen wir das möglichst individuell auszugleichen."

Das Förderprogramm sei darauf ausgelegt, jeden bestmöglich zu unterstützen. So können die Auszubildenden zusätzlich zur Berufsschule 25 bis 35 Seminartage belegen.

Mehrsprachigkeit als Pluspunkt

Einen Pluspunkt verbuchen viele Youngsters ausländischer Provenienz ganz klar für sich: Mehrsprachigkeit. Denn die steht angesichts der heterogenen Konsumenten bei Händlern hoch im Kurs.

Wenn Nachwuchskräfte neben Deutsch etwa Türkisch beherrschen, "ist das eine große Bereicherung", findet Rewe-Personaler Oliver Holler. Kunden aus anderen Kulturen schätzen es, "in ihrer Muttersprache beraten zu werden", weiß man bei Edeka. Und Bettina Scharff fügt hinzu: "Die Vielfalt unserer Azubis sehen wir als Chance."

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