Fachkräfte Handel und Industrie suchen Experten

von Redaktion LZ
Freitag, 20. August 2010
Begehrte Expertise: In der Lebensmitteltechnik werden Fachleute knapp.
Hipp
Begehrte Expertise: In der Lebensmitteltechnik werden Fachleute knapp.
LZnet. Der Fachkräftemangel hinterlässt auch in der Ernährungswirtschaft Spuren. Die Branche setzt auf Qualifizierung und lebenslanges Lernen.
Der VDI beziffert die Zahl der fehlenden Ingenieure mit 36.000. Jedes dritte Mitgliedsunternehmen des IT-Verbands Bitkom sieht den Mangel an qualifiziertem Personal als Geschäftshindernis. Laut DIHK gefährden knappe Personalressourcen den gerade beginnenden Aufschwung: Der Fachkräftemangel scheint allenthalben bedrohliche Ausmaße anzunehmen.

Gleichzeitig steigt die Zahl der offenen Stellen. Im zweiten Quartal 2010 verzeichnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einen Zuwachs an Jobangeboten um stolze zehn Prozent. "Vor allem in den größeren Betrieben", präzisiert Arbeitsmarktforscherin Anja Kettner.

Die Gründe dafür, dass Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt immer weiter auseinanderklaffen, sind bekannt. Da ist zum einen der demografische Wandel – die Deutschen werden weniger, und sie werden älter.

Bis zum Jahr 2025, so hat das statistische Bundesamt hochgerechnet, wird die Zahl der Bundesbürger von heute knapp 82 Millionen auf weniger als 79 Millionen schrumpfen. 2035 werden es dann noch mal 3 Millionen weniger sein. Und während die Gruppe der über 64-Jährigen innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts von 17 auf 24 Millionen wächst, sinkt die der Kinder und Jugendlichen auf 13 Millionen. Im erwerbsfähigen Alter sind dann nur noch 8,4 Millionen.

Immer weniger Schul- und Hochschulabsolventen

 

Auf der anderen Seite spucken Schulen und Hochschulen zu wenig Absolventen aus. Vor allem die Akademikerrate hält mit dem steigenden Expertenbedarf nicht Schritt. Aber auch im Bereich der betrieblichen Ausbildung, aus der sich in Deutschland traditionell die Fachkräftepipeline speist, werden Engpässe gemeldet. So fürchtet der Handel, in diesem Jahr bis zu 10 Prozent seiner 73.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen zu können.

Vor allem in Ostdeutschland mit seinen extrem rückläufigen Schülerzahlen werden Lehrlinge händeringend gesucht. Außerdem in westdeutschen Ballungsräumen wie München, Rhein-Main oder Düsseldorf, denn hier zieht der Handel im Wettbewerb mit anderen Dienstleistungsbereichen oft den Kürzeren.

"Der Bedarf an gut qualifizierten Jungakademikern und Führungskräften wird querbeet zunehmen", prognostiziert HDE-Bildungsexperte Wilfried Malcher. Zurzeit beschäftigen Retailer durchschnittlich 5 bis 7 Prozent Hochschulabsolventen und 10 bis 15 Prozent Fachleute, die sich über Aufstiegsfortbildungen zu Handelsassistenten oder -fachwirten qualifiziert haben – Tendenz steigend. Für Geringqualifizierte dagegen gibt es immer weniger Jobs.

Steigende Nachfrage nach gut ausgebildeten Mitarbeitern

Dass zunehmend höherwertige Abschlüsse gefordert werden, beobachtet auch Michael Andritzky. "Das wird in den nächsten Jahren ein ganz wichtiges Thema werden", sagt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG). Bei Lebensmitteltechnikern, den Laborberufen und in der Qualitätssicherung erwartet er eine steigende Nachfrage.

Dass das Gros der Lebensmittelhersteller aus kleinen und oftmals im ländlichen Raum angesiedelten Unternehmen besteht, macht das Ganze nicht einfacher. Und wer keine strahlenden Markenartikel, sondern unbekannte Private Labels erzeugt, hat es doppelt schwer.

Pilotprojekt zur Qualifizierungsberatung

"Wir raten den Unternehmen deshalb, ihr vorhandenes Personal zu qualifizieren", so Andritzky. Gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) greift sein Verband ihnen ab sofort dabei unter die Arme. Dieser Tage startet ein aus Mitteln des europäischen Sozialfonds gefördertes Projekt, das zunächst zehn Unternehmen in Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt Qualifizierungsberatung anbietet.

Auch das Thema "lebenslanges Lernen" steht dabei auf der Agenda. "Schließlich werden unsere Mitarbeiter älter und bleiben länger in den Betrieben", begründet Andritzky. Den Teilnehmern werden für 10 bis 20 Tage Experten zur Verfügung gestellt. Danach wird die "Sozialpartnerinitiative lebenslanges Lernen", kurz: SPILL, auch in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen aktiv. Insgesamt ist das Projekt auf drei Jahre angelegt.

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