Lehrstellenmarkt In Ballungsräumen sind Azubis rar"

von Judit Hillemeyer
Freitag, 18. Juli 2008
Olaf Stieper, Metro AG
Olaf Stieper, Metro AG
Die Ausbildungssituation hat sich in Deutschland für Bewerber entspannt. Jedoch nicht für die Handelsbranche. Sie findet nicht genügend geeigneten Nachwuchs.



Interview mit Olaf Stieper, Abteilungsleiter Aus- und Weiterbildung, Metro AG.

Warum findet der Einzelhandel zu wenig Auszubildende?

Hierbei handelt es sich nicht generell um ein Problem des Handels. Der Mangel an geeigneten Bewerbern ist bereits heute auf die demographische Entwicklung in Deutschland zurückzuführen und betrifft insofern mehr oder weniger alle Branchen gleichermaßen. Dennoch wissen wir, dass die Handelsberufe vielfach aus Unkenntnis über die vorhandenen Berufsperspektiven bei den Schulabgängern nicht ganz oben auf der Wunschliste stehen.

Bleiben wegen unqualifizierter Bewerber Lehrstellen unbesetzt?

Ja, letztes Jahr konnte die Metro Group rund 250 Lehrstellen nicht mit ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Bewerbern besetzen. Gerade in bestimmten Ballungsräumen wie München, Stuttgart und Frankfurt am Main lässt sich diese Entwicklung seit zwei Jahren feststellen, zunehmend auch in den Großraumregionen Düsseldorf, Berlin und Köln.

Was sind die wichtigsten Anforderungen an Schulabgänger?

Natürlich wird Wert gelegt auf ordentliche Schulnoten, für einen Beruf im Handel sind besonders die Kernfächer Deutsch, Mathematik und zunehmend auch Englisch wichtig. Darüber hinaus begrüßen wir es, dass in vielen Bundesländern inzwischen wieder Kopfnoten auf den Schulzeugnissen ausgewiesen werden, die Aufschluss über das Arbeits- und Sozialverhalten, sowie die Konflikt- und Teamfähigkeit des Bewerbers geben.

Unentschuldigte Fehlzeiten beispielsweise wiegen hier vielfach deutlich negativer als eine wackelige Vier in Mathe. Auszubildende in dienstleistungs- und serviceorientierten Berufen wie dem Handel sollten generell gern und offen mit Menschen umgehen und über einen guten Wortschatz verfügen und die Bereitschaft mitbringen, früh Verantwortung zu übernehmen - nicht nur in der Berufsausbildung, sondern auch auf der späteren Karriereleiter.

Wie kann die Einzelhandelsbranche Ihr Image als Arbeitgeber verbessern?

Der Handel muss authentisch und glaubwürdig auftreten, denn er hat tatsächlich einiges zu bieten. Natürlich gibt es manchmal auch Arbeitszeiten am Wochenende sowie früh am Morgen und in den Abendstunden. Grundsätzlich wird im Handel aber nahezu bundesweit in einer 38,5-Stunden- und 5-Tage-Woche mit oft sehr attraktiven Freizeitregelungen gearbeitet.

Die Ausbildungsvergütungen der Handelsberufe liegen im oberen Drittel aller gut 350 Berufsbilder. Auch die Übernahmechancen nach der Ausbildung sind gut und beinhalten beeindruckende Aufstiegschancen - so gibt es in Deutschland kaum eine andere Branche, in der talentierte und engagierte junge Leute schon sehr früh Karriere machen und bereits mit Mitte 20 in Führungspositionen mit Verantwortung für Umsätze, Erträge und Mitarbeiterteams gelangen können.

Bei genauerem Hinsehen muss der Handel sein Licht hier nicht unter den Scheffel stellen - Der Umgang mit modernster Technik im Bereich der Sortimente, Kassen- und Warenwirtschaftssysteme sowie das Arbeiten im Team mit einer Vielzahl von täglichen Kundenkontakten in interessanten Warenwelten bietet Handelstalenten immer eine spannende und solide berufliche Grundlage.

Was halten Sie von einem Lehrlingsimport aus dem Ausland?

Aufgrund seiner demographischen Entwicklung ist es für Deutschland auf lange Sicht sinnvoll, eine gesteuerte Einwanderungspolitik zu verfolgen, um seine Position in der Weltwirtschaft nicht zu gefährden. Zunächst sollte unsere ganze Aufmerksamkeit aber der Ausbildungsreife der heutigen Bewerber gelten: So lange in Deutschland immer noch jährlich 77.000 Schulabbrecher ohne jeglichen Schulabschluss auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt drängen, muss jede Maßnahme gegen den Bewerbermangel bei der Bekämpfung dieses eklatanten Bildungsnotstands ansetzen.

Wünschenswert wären überdies verbesserte Mobilitätshilfen für Bewerber aus strukturschwächeren Regionen sowie frühzeitige und zielgerichtete Förderung für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und Familien mit Migrationshintergrund.

Schon aus gesellschaftspolitischen Gründen müssen in Deutschland alle Schulabgänger zukünftig eine faire Chance auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erhalten. Gerade für ein Handelsunternehmen mit einer hohen Abhängigkeit von der Binnenkonjunktur ist dies von großer Bedeutung. (juh)

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