Korn Ferry Verschärfter Wettkampf um die Besten

von Redaktion LZ
Freitag, 14. Mai 2010
LZnet. Mit dem beginnenden Aufschwung gewinnt das Personalkarussell auf den Top-Etagen wieder an Fahrt. Der Handel sieht sich dafür mehrheitlich gut gerüstet. Eine fatale Fehleinschätzung, so eine globale Studie von Korn Ferry.
Einmal jährlich eruieren die Personalexperten von Korn Ferry die Ansichten der Top-Handelsmanager in aller Welt zu aktuellen Themen. Diesmal lautete die Frage, wie gut es den Retailern vor dem Hintergrund der sich aufhellenden Wirtschaftslage gelingen kann, die besten Führungskräfte für sich zu gewinnen, zu entwickeln und zu halten.

66 CEOs und Board-Mitglieder aus Lebensmittelhandel, Baumärkten, Elektro- und Textilhandel kamen zu Wort. Aus Deutschland nahmen Media-Saturn, Obi, Otto, Praktiker und Rewe an der Studie "What’s in store – The forecast for global retail“ teil.

Das Personalkarussell kommt in Fahrt

Momentan ist recht wenig los auf dem Personalmarkt für Führungskräfte. Die Kandidaten zeigen kaum Risikobereitschaft, sondern halten sich bedeckt. Doch je deutlicher die Zeichen des Aufschwungs werden, desto eher wird sich dieser Knoten lösen und das Managementkarussell wieder in Fahrt kommen – von Seiten der Bewerber wie auf Unternehmensseite.

"Naiv und ignorant"

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"Naiv und ignorant"

Lebensmittel Zeitung: Herr Kleinen, die Befragten Ihrer Studie halten sich mehrheitlich für ausgesprochen attraktive Arbeitgeber. Ist das Imageproblem des Handels gelöst?
Christoph Kleinen: Dieser unglaubliche Optimismus hat mich schon sehr erstaunt. Man könnte auch von Naivität oder gar Ignoranz sprechen. Zwar ist die Wechselbereitschaft von Top-Leuten krisenbedingt zurzeit nicht sehr ausgeprägt. Doch mit anziehender Konjunktur wird sich das mit Sicherheit ändern. Und für die Besten ist dann oft der Handel nicht die erste Wahl.

LZ: Rekrutiert der Handel Führungskräfte nicht ohnehin am liebsten aus seiner eigenen Zunft?
Kleinen: Für Deutschland trifft das nach wie vor zu. Jobwechsel finden fast ausschließlich innerhalb der Branche statt. Auch Frankreich und Spanien sind Closed Shops, selbst wenn man bedeutende Retailer wie Carrefour oder El Corte Inglés betrachtet. In Großbritannien, vor allem aber den USA sind Wechsel von der Industrie in den Handel und umgekehrt viel häufiger an der Tagesordnung.

LZ: In der Krise braucht man Kostenbremser, langsam bekommen Kreative wieder Oberwasser. Wie häufig findet man die im Handel?
Kleinen: Diese Eigenschaften sind dort immer noch selten – von wenigen Ausnahmen wie etwa Alain Caparros einmal abgesehen.

LZ: Diese Nachfrage nach neuen Skills kurbelt Ihr Business sicher an.
Kleinen: In der Tat ist für uns ein Wechsel zwischen Krise und Konjunktur prinzipiell nicht schlecht. Dabei werden 70 Prozent der Wechsel von den Kandidaten iniitiert, nur 30 von den Unternehmen. Und noch halten sich die Bewerber vorsichtig zurück. Ich vergleiche das gern mit der Physik: Wärme bringt die Teilchen in Bewegung, doch bis vor kurzem herrschte Schockstarre. Aber der Sommer kommt bestimmt. Dann wird sich zeigen, wer als Arbeitgeber seine Hausaufgaben gemacht hat und die Besten halten kann.


"Dynamischere Marktbedingungen werden den Wettlauf um die besten Talente und die Mobilität der Executives gleichermaßen anheizen“, kommentieren die Studienmacher. Kingfisher-CEO Ian Cheshire weiß, was auf ihn zukommt: "Wir sollten uns auf ein Nach-Krisen-Gerangel um die besten Talente einstellen“, bringt es der Teilnehmer der Analyse auf den Punkt.

Und schon in Kürze dürfte es soweit sein, fügt John Rishton, CEO von Ahold, hinzu. Denn 2011 sei "das Jahr der Erholung“. Dennoch sind die Befragten überwiegend sicher, dass sie selbst von diesen Engpässen verschont bleiben werden. 74 Prozent sind "sehr oder ziemlich zuversichtlich“, in den kommenden Jahren die besten und erfahrensten Manager für ihre Organisation gewinnen und halten zu können.

Alarmierender Optimismus

Die Unternehmen sind geradezu "alarmierend" optimistisch, was die Strahlkraft ihrer Employer Brands betrifft, meint Korn Ferry zu diesem Ergebnis. Denn nach wie vor sei der Handel eben nicht erste Wahl bei der umworbenen Klientel. Und er müsste sich nicht nur mit seinesgleichen, sondern auch mit anderen – und bei High Potentials zum Teil wesentlich angesagteren – Wirtschaftszweigen messen.

Das Personalberatungsunternehmen prognostiziert der Retail-Welt denn auch einen "signifikanten Brain Drain". Will heißen: Die viel versprechendsten Talente werden ihr in den kommenden Jahren von der Fahne gehen – oder gar nicht erst ihren Fuß in diese Branche setzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Aufschwung Managern andere Fähigkeiten abverlangt als die Rezession. Standen in stürmischen Zeiten Kostenbremser und Restrukturierer hoch im Kurs, sind jetzt Innovationsfähigkeit und Kreativität wieder stärker gefragt. Ein Viertel aller Top-Manager gab zu Protokoll, diese Skills fehlten auf ihrer Führungsetage.

"Durch die Bunker-Mentalität der vergangenen beiden Jahre sind sie uns abhanden gekommen", erklärt ein Mode-Händler das Dilemma. Weiterbildung hilft nur bedingt: "Unter allen Managementeigenschaften ist Innovationsfähigkeit eine derjenigen, die sich am schwersten entwickeln lässt", weiß Korn Ferry.

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