LSH "Man muss Menschen mögen"

von Redaktion LZ
Freitag, 14. September 2012
Andreas Buß
LSH
Andreas Buß
LZnet. Andreas Buß schließt sich nicht der Kritik an der Ausbildungsreife junger Menschen an. Statt auf schulische Defizite blickt der Personalvorstand der Laurens Spethmann Holding (LSH) auf die Potenziale des Nachwuchses.
Herr Buß, für die Ernährungsindustrie wird die Suche nach Auszubildenden zunehmend problematisch. Wie ist die Lage bei LSH?

Es wird auch für uns schwerer. Die Bewerberzahlen sind gegenüber 2011 um etwa ein Drittel zurückgegangen. Wir haben zwar alle Plätze besetzt, hätten aber gern mehr Auswahl.

Und wie sieht es beim Führungsnachwuchs aus?

Wir brauchen, salopp gesagt, mehr Indianer als Häuptlinge. Deshalb bieten wir in diesem Jahr kein duales BWL-Studium mit der Hamburg School of Business Administration an, wie wir das sonst getan haben. Stattdessen bilden wir verstärkt Industrie- sowie Groß- und Außenhandelskaufleute aus. Mit anderen Worten: Wir fahren die Ausbildung von Führungskräften ein wenig zurück und investieren mehr in den Nachwuchs von der Pike auf.

Die LSH hat vor einigen Jahren eine Ausbildungsfirma für Logistik gegründet: "Zukunft durch Ausbildung". Was ist daraus geworden?

Zur Person

Zur Person

Andreas Buß (62) wurde 1950 in Ostfriesland geboren. Er ist Industriekaufmann und hat Wirtschaftswissenschaften studiert. Berufsstationen waren zunächst Hertie und der Frischdienst Alli, wo Buß zehn Jahre als Geschäftsführer wirkte. Seit 1996 ist er Personalvorstand der Laurens Spethmann Holding (LSH) mit Stammsitz in Seevetal.

2005 fiel der Startschuss mit 15 Azubis, die am ersten Arbeitsmarkt keine Chance gehabt hätten. In Kooperation mit der Sozialbehörde in Winsen haben wir sie in zwei Jahren zu Fachlageristen ausgebildet. Der Beruf war damals ganz neu. Insgesamt haben wir seitdem 109 Ausbildungsverträge abgeschlossen.

Wie beurteilen Sie die Ausbildungsreife?

Es wird ja oft behauptet, gerade unsere Hauptschüler seien nicht ausbildungsfähig. Aber das stimmt in keiner Weise! Klar, manche kommen mit ein paar Defiziten zu uns. Aber wir wollen ja gar keine Einsteiger, die nur Zweien auf dem Zeugnis haben. Wir entscheiden nicht nach "Papierlage". Der Chef unserer Ausbildungsfirma führt mit jedem einzelnen ein Bewerbungsgespräch, schaut sich den Menschen an und dessen Willen, etwas zu bewegen. Es geht nicht um Noten, sondern um soziale Kompetenz. Allerdings müssen wir die Jugendlichen auf ihrem Berufsweg auch begleiten.

Haben Sie Vergleichbares für andere Berufe in petto?

Konkret noch nicht. Aber wir denken darüber nach. Im Außendienst etwa könnte es sinnvoll sein. Auch hier merken wir einen deutlichen Rückgang bei den Kandidaten.

Außendienst als Lehrberuf?

Das gibt es zurzeit noch nicht, aber wir sind mit der IHK im Gespräch, ob und wie man so etwas aufziehen könnte.

Welche Ansätze sehen Sie, um die LSH bei Bewerbern ins Gespräch zu bringen?

Wir müssen eher ran an die jungen Menschen, nicht erst, wenn sie mit der Schule fertig sind. Dazu haben wir ein neues Projekt aufgesetzt, die "Talentschmiede U20". Dabei holen wir den Nachwuchs schon in der achten Klasse der Hauptschule ab – im Verbund mit anderen Unternehmen im Landkreis Harburg, die vor ähnlichen Problemen stehen.

Was haben Sie konkret vor?

Wir stellen uns und unsere Ausbildungsberufe in den Schulen vor, bieten Praktika an und begleiten Schüler mit Nachhilfeunterricht in unserer "Sommerakademie". Die findet in Absprache mit den Schulen nach den Ferien statt. Wir haben Kooperationen mit zwei Hauptschulen unter Dach und Fach. Der Startschuss fällt voraussichtlich im nächsten Jahr.

Was tun Sie mit Blick auf andere Schulformen?

Wir kooperieren auch mit Gymnasien. Mit einem haben wir eine Ausbildungsmesse ins Leben gerufen, an der sich inzwischen etwa zwei Dutzend Unternehmen beteiligen.

Mit welchen Maßnahmen gehen Sie auf Studenten zu?

Wir arbeiten mit vier Hochschulen enger zusammen: der Uni Worms, der Beuth Hochschule Berlin, der HSBA sowie der Leuphana in Lüneburg, die für uns Leuchtturmfunktion hat. Dort gibt es seit zwei Jahren den dualen Studiengang Performance Management. Das ist ideal für talentierte Nachwuchskräfte, die sich akademisch weiterbilden möchten. Wir wollen diese jungen Menschen ja nicht verlieren!

In welchen Bereichen suchen Sie Personal?

Knapp wird es in der IT, aber auch im Außendienst. Viel unterwegs zu sein, ist nicht jedermanns Sache. Ich stelle fest, dass es an Mobilität mangelt, und beobachte eine gewisse Trägheit. Natürlich ist Work-Life-Balance wichtig, aber das darf nicht bedeuten, dass man sich nicht vom Freundeskreis oder der Familie wegbewegen mag. Es gibt immer mehr 24, 25 Jahre alte Männer, die noch bei den Eltern wohnen.

Wie reagieren Sie auf die Wünsche der Generation Y?

Wir bieten vielfältige und verantwortungsvolle Aufgaben, betreuen Neueinsteiger sehr individuell und bieten maßgeschneiderte Entwicklungsmöglichkeiten. Projektarbeit hat bei uns einen hohen Stellenwert. Und als Familienunternehmen bieten wir ein persönliches Arbeitsklima und ein familienfreundliches Umfeld.

Wie ist die Fluktuation?

Vorstellungsgespräch

Vorstellungsgespräch

Dieses Interview ist Teil einer LZ-Serie, bei der Top-Personaler aus Handel und Industrie ihre HR-Strategien erläutern.

Viele Mitarbeiter sind schon sehr lange bei uns. Und das ist gut. Aber ich sage ganz offen: Manchmal wünsche ich mir etwas Fluktuation, um die Altersstruktur in einigen Bereichen zu verbessern. Wichtig ist, ältere Mitarbeiter auf längere Lebensarbeitszeiten vorzubereiten.

Welche Rolle spielt Weiterbildung dabei?

Dafür geben wir viel Geld aus, aber nicht mit der Gießkanne. Es gibt jedes Jahr ein Mitarbeitergespräch, bei dem die Ziele fürs nächste Jahr vereinbart werden. Auf dieser Basis schnüren wir individuelle Weiterbildungspakete. Manchen Mitarbeitern und Führungskräften jenseits der 50 mussten wir diese Notwendigkeit erst einmal klarmachen.

Was ist schwieriger zu finden, Spezialisten oder Führungskräfte?

Führungskräfte. Die wichtigste Voraussetzung für Führungskräfte ist: Man muss Menschen mögen und bereit sein, sich mit dem Einzelnen auseinanderzusetzen, das heißt, auch seine Sorgen und Nöte aufzunehmen.

Auf Ihrer Homepage findet man statt des üblichen Menüpunkts "Karriere" den Begriff "Zusammen arbeiten". Was hat es damit auf sich?

Karrieristen haben bei uns wenig Chancen. Es ist uns wichtig, miteinander zu arbeiten – über alle Berufe und Positionen hinweg. Deshalb nehmen wir auch gerne Quereinsteiger, die vielleicht auf den ersten Blick gar nicht auf die Position passen, aber zu uns. Das Feedback auf unseren Internetauftritt ist ausgesprochen positiv. Wir bekommen inzwischen eine Menge Blindbewerbungen – auch von Führungskräften, die es attraktiv finden, dass wir ein bisschen anders sind.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats