Pflege Pflege und Beruf vereinbar machen

von Redaktion LZ
Freitag, 09. September 2011
Gesellschaftliche Verantwortung: Handel und Industrie müssen sich darauf einstellen, dass Mitarbeiter Zeit dafür brauchen, alte oder kranke Angehörige zu versorgen.
Gesellschaftliche Verantwortung: Handel und Industrie müssen sich darauf einstellen, dass Mitarbeiter Zeit dafür brauchen, alte oder kranke Angehörige zu versorgen.
LZnet. Der demografische Wandel fordert die Unternehmen in mehrfacher Hinsicht: Einerseits wird es schwieriger, Mitarbeiter zu finden. Andererseits stehen diese zunehmend vor der Herausforderung, pflegebedürftige Angehörige zu versorgen. Dafür benötigen sie Zeit und Geld.
Voraussichtlich ab Januar 2012 gilt das "Familienpflegezeitgesetz". Es soll regeln, wie eine Arbeitszeitreduktion mit finanziellem Ausgleich umgesetzt werden kann. Der erste Ansatz der Bundesregierung von 2008 ging offenbar an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei. Mit dem ersten "Pflegezeitgesetz" wurde lediglich versucht, Angestellten eine Auszeit mit Arbeitsplatzsicherheit zu ermöglichen.

"Wir hatten in fast vier Jahren nur zwei Anfragen", erklärt beispielsweise Alfred Müller, Geschäftsführer bei Bitburger. Die Brauerei befasst sich seit mehreren Jahren in dem unternehmenseigenen Projekt "Herausforderung Zukunft" unter anderem mit diesem Thema.

Eine Auszeit kann sich kaum jemand leisten

Arne Herbst, Bereichsleiter Service-Center Personal bei Otto, benennt den Grund für die Zurückhaltung: "Wenn ein Pflegefall auftritt, verfügen die Wenigsten über ein finanzielles Polster, um eine unbezahlte Auszeit nehmen zu können." Deshalb bewertet er es positiv, dass das neue Gesetz die Belastung über Wertzeitkonten abfedert.

Otto versucht, Betroffene mit Hilfe der hauseigenen Sozialberatung über Finanzierungsmöglichkeiten bei Pflegebedürftigkeit aufzuklären und bietet darüber hinaus Darlehen oder Vorschüsse. In dem Hamburger Konzern geht man fest von einem steigenden Bedarf nach Pflegezeit aus: "Das wird unser Personalmanagement vor eine große Herausforderung stellen."

Douglas setzt auf individuelle Lösungen

Konzepte dafür sind bei Otto und vielen anderen noch in Arbeit. Aktuell steht die Einzelfallbetrachtung im Mittelpunkt. "Bisher haben wir im Rahmen flexibler Arbeitszeitregelungen individuelle Lösungen gefunden", beschreibt Frank Lobert, Leiter Personalmanagement Douglas Holding, die übliche Praxis.

Mehr Alte als Kinder

Mehr Alte als Kinder

Durch die zunehmende Lebenserwartung wird die Zahl der pflegebedürftigen Alten bis 2020 auf 2,9 Millionen steigen. 2030 könnten es bereits 3,4 Millionen sein, so eine Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes. Dann gibt es mehr Pflegefälle als Kindergartenkinder. Bisher wird nur ein Drittel in Institutionen betreut, während der weitaus größte Teil zuhause versorgt wird. Die häusliche Pflege übernehmen zu 69 Prozent Familienangehörige. Nur 31 Prozent nutzen ergänzend das Angebot mobiler Pflegedienste. Da vor allem Frauen die Versorgung kranker Familienmitglieder sicherstellen, dürften vor allem Branchen mit hohem Frauenanteil an der Belegschaft von der Entwicklung besonders betroffen sein.


Und Bernd Junker, Personalleiter Edeka Südwest, ergänzt einen Vorteil der Branche: "Da der Einzelhandel ohnehin sehr viele Teilzeitkräfte hat, ist die Umsetzung etwas einfacher."

Genau dieser Punkt könnte dem Handel aber auch zum Nachteil geraten, denn so manche Teilzeitverkäuferin verdient durch ihre reguläre Arbeit weniger Geld, als sie Pflegegeld bekommen würde.

Zudem könnte es zu Personalengpässen kommen, wenn viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit weiter reduzieren. Durch die verstärkte Präsenz des Themas in den Medien und das neue Gesetz geht Junker davon aus, dass es künftig deutlich mehr Anfragen geben wird.

Kritik an Bürokratie und hohem Aufwand

Christian Harms, Geschäftsführer dm-Drogeriemarkt: „Hoher bürokratischer Aufwand.“
Christian Harms, Geschäftsführer dm-Drogeriemarkt, weist darauf hin, dass die konkrete Umsetzung der neuen Regelung eine Herausforderung wird: "Zum einen ist das im Familienpflegezeitgesetz beschriebene Vorgehen recht kompliziert und zum anderen ist damit ein hoher bürokratischer Aufwand verbunden."

Claudia Schlossberger, Chief Human Resources Officer Metro Group: „Freistellung bis zu zwei Jahren.”
Auch der Düsseldorfer Metro-Konzern hat sich das Thema zu eigen gemacht: "Wir bekennen uns zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung", heißt es aus Düsseldorf. Im April erläuterte Claudia Schlossberger, Chief Human Resources Officer, öffentlich, was dies bedeutet: "Wir ermöglichen den Mitarbeitern der Metro AG eine Freistellung für bis zu zwei Jahre. Nach Ablauf der gesetzlichen Pflegezeit tragen wir die Kosten für die Sozialversicherungsbeiträge."

Teilzeit und Homeoffice gehören ins Konzept

Im Rahmen des Unternehmensziels, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie insgesamt zu verbessern, gibt es diverse Möglichkeiten, in Teilzeit oder vom Homeoffice aus zu arbeiten. Langfristig soll das Konzept in allen Vertriebslinien umgesetzt werden. Die Abstimmungsprozesse laufen noch.

Regina Neumann-Busies, Leiterin soziale Dienste bei Henkel: „Die Anfragen häufen sich.“
Im Gegensatz zu anderen heißt es beim Waschmittelriesen Henkel heute bereits: "Die Anfragen häufen sich." Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass die sozialen Dienste des Konzerns eine bekannte Anlaufstation im Unternehmen sind.

Allein zum Thema Pflege und Beruf wurden im vergangenen Jahr mehr als 80 Mitarbeiter am Hauptstandort beraten. Die Düsseldorfer sind überzeugt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ihr Bild als Arbeitgeber positiv beeinflusst.

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