Azubis Nachwuchssorgen im Einzelhandel

von Judit Hillemeyer
Freitag, 18. Juli 2008

Foto: Bert Bostelmann
Verkehrte Welt. Erstmals seit sieben Jahren gibt es in Deutschland wieder mehr Lehrstellen als Bewerber. Doch Arbeitgeber aus dem Einzelhandel finden zu wenig geeignete Bewerber.



Viele Branchen klagen über Nachwuchsmangel. Das Handwerk schielt ins Ausland. Doch einen Lehrlingsimport lehnt der Deutsche Gewerkschaftsbund ab, weil Deutschland eine Bugwelle von Altbewerbern vor sich herschiebt. Auch der Einzelhandel klagt über unzureichend geeignete Bewerber. Das Wehklagen ist nicht neu - nimmt aber stetig zu.

In den vergangenen Jahren konnten, über alle Ausbildungsberufe hinweg, im Handel rund 8 bis 10 Prozent der Lehrstellen nicht besetzt werden, weiß Wilfried Malcher, bildungspolitischer Experte des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Diese Zahl schätzt er in diesem Jahr leicht höher ein. Bei einem geringeren Lehrstellenangebot schlug das weniger ins Kontor. Doch die Zeiten ändern sich. Unter der jüngsten Generation von Schulabgängern scheint die Nachfrage nach einer Berufsausbildung im Einzelhandel nicht gerade en vogue zu sein. Dabei fehle es nicht unbedingt an Bewerbern, sondern an deren Qualifizierung.

"Das ist ein herber Trend, den viele Einzelhändler derzeit zur Kenntnis nehmen", so Malcher. Der Nachwuchsmangel ist regional unterschiedlich ausgeprägt. "Wir spüren ein deutliches Nord-Süd-Gefälle", sagt Kerstin Marzahn, Ausbildungsmanagerin von Kaiser's Tengelmann. "Während im Norden alle Ausbildungsplätze besetzt sind, konnten wir im Süden Deutschlands bis zu 50 Prozent der Lehrstellen noch nicht vergeben." Selbst innerhalb des Abiturienten-Programms, zur Ausbildung von Führungskräften, seien noch Stellen offen. Die Zeit drängt. Als brisant beschreibt Marzahn die Situation im Rhein-Main-Gebiet - speziell in Frankfurt.

Elmar Gresch, Leiter der Personalentwicklung Region Mitte der Rewe Group, beschreibt das Problem als regionales Desaster. "In Frankfurt beispielsweise finden wir nicht genügend geeignete Bewerber, weil wir als Lebensmittelhändler mit Branchen und Arbeitgebern konkurrieren, die in der öffentlichen Wahrnehmung ein besseres Image haben." Besonders schwierig sei es vernünftigen Nachwuchs für den Servicebereich zu finden, trotz guter Ausbildung und großer Übernahmechancen.

"Diese Entwicklung ist nicht nur mit einem demographischen Engpass zu erklären", weiß Marzahn. "Viele Schüler haben wenig realistische Vorstellung von einer Ausbildung im Einzelhandel", stellt Beatrix Henseler, Direktorin Personal und Organisation bei der Douglas Holding fest. Dennoch, Douglas schaffte es auch in diesem Jahr, alle Lehrstellen zu besetzten - mit einer Ausbildungsquote von 12,4 Prozent.

Alle großen Handelshäuser betreiben Personalmarketing. Sie suchen den direkten Kontakt zu lokalen allgemeinbildenden Schulen. Erläutert werden vor Ort Ausbildungsmöglichkeiten, Tätigkeitsbereiche, Karrierechancen. Darüber hinaus bieten sie Interessierten Praktika, Bewerbungshilfen und Schnuppertage. Doch das Engagement der Unternehmen stößt nicht immer auf Gegenliebe. "Leider sind wir bei einigen Schulen mit unseren Kontaktanfragen auf null Resonanz gestoßen", stellt Marzahn konsterniert fest.

Doch die Verantwortung suchen die Personalverantwortlichen nicht allein bei den Schulen. Eltern zeigten zum Teil Desinteresse an der beruflichen Zukunft ihrer Kinder. Und die Schüler selbst griffen häufig gar nicht oder nur sehr begrenzt zur Eigeninitiative. "Im vergangenen Jahr luden wir von 3 400 Bewerbern 500 zum Einstellungstest ein, doch nur 60 Prozent kamen, um daran teilzunehmen", erzählt Gresch.

Zu den eigentlichen Bewerbungsgesprächen kommen, vom Abiturienten bis zum Hauptschüler, sowohl gut informierte als auch völlig ahnungslose, beklagen die Personalmanager. Manche hielten das Vorstellungsgespräch gar für eine Art Casting. Berufspraktika während des neunten und zehnten Schuljahres würden von vielen Jugendlichen eher nach Bequemlichkeitsaspekten ausgesucht beziehungsweise absolviert und weniger zur eigentlichen Berufsorientierung genutzt, kritisiert Marzahn.

Bei allen Schwierigkeiten unterliegt, wie in anderen Branchen auch, der Berufswunsch des Einzelhändlers periodischen Schwankungen. Und er steht zudem nicht ganz oben auf der Berufswunschliste von Schulabgängern. Die Frage nach einem Lehrlingsimport aus dem Ausland stellt sich allerdings derzeit in der Handelsbranche nicht. (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats