Nachwuchs Nachwuchs im Handel wird knapp

von Redaktion LZ
Freitag, 19. August 2011
Mehr unbesetzte Ausbildungsplätze
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Mehr unbesetzte Ausbildungsplätze
LZnet. Zum Start des Ausbildungsjahres klafft eine große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Viele Stellen im Handel sind noch nicht besetzt. Führende Filialisten zeigen sich dennoch zufrieden.
Mehr unbesetzte Ausbildungsplätze

Für junge Menschen hat sich der Ausbildungsmarkt weiter verbessert. Den Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit von Anfang August zufolge gibt es 2011 mehr Lehrstellen als im Vorjahr. Insbesondere der Handel hat das Angebot nochmals aufgestockt: Für Verkäufer werden in Ostdeutschland beinahe doppelt so viele Plätze angeboten, während es im Westen 35 Prozent mehr sind.

Rund 25 Prozent zusätzliche Angebote gibt es im ganzen Land für Kaufleute im Einzelhandel. Um mehr als 10 Prozent ist die Zahl für Kaufleute im Groß- und Außenhandel gestiegen.

Die Zahl der Interessenten für eine Ausbildung im Handel geht dagegen zurück: "Leider existieren immer noch zahlreiche Vorurteile gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel", benennt man bei Edeka einen Grund dafür.

Im Osten spitzt sich die Lage zu

"Geradezu dramatisch ist die Situation in Ostdeutschland", weiß Wilfried Malcher vom Handelsverband Deutschland (HDE). "Es gibt drastisch mehr offene Stellen als im Vorjahr." Erfahrungsgemäß werden zwar bis Ende September noch etliche Verträge unterschrieben. Doch ein Ausgleich ist unwahrscheinlich.

Anspruchsvoll: Leistungsorientierte Azubis wollen früh Verantwortung übernehmen. Globus stellt sich darauf ein.
Globus
Bei den führenden Filialisten ist die Lage nicht ganz so dramatisch wie bei kleineren Unternehmen. Dennoch: "Wir stellen erstmals fest, dass die Besetzung der Ausbildungsplätze schwieriger wird", so ein Sprecher der Rewe Group. Die Kölner gehen aber davon aus, dass sie ihren Planwert erreichen.

Auch andere wie etwa Metro und Globus geben an, den Großteil der ausgeschriebenen Stellen bereits besetzt zu haben. Der Discounter Netto hat aufgrund der guten Bewerbersituation die Zahl der Ausbildungsplätze sogar weiter aufgestockt als ursprünglich geplant. Und bei Lidl heißt es: "Wir sind sehr zufrieden."

Führende Filialisten habe es leichter

Professionelles Azubi-Marketing mit langfristigen Werbekampagnen und E-Recruiting über soziale Netzwerke wie Facebook oder Schüler-VZ scheint Früchte zu tragen. Schulpartnerschaften und der konsequente Ausbau spezieller Abiturientenprogramme kommen hinzu.

"Mit der Qualität unserer Ausbildung und unseren Entwicklungsmöglichkeiten haben wir uns ein gutes Image erarbeitet", erklärt Nicole Rodenbüsch, Ausbildungsverantwortliche bei Globus. "Das spricht sich unter Schulabgängern herum."

Globus ermöglicht erstmals einen Doppelabschluss zum Kaufmann und Handelsfachwirt. Damit können Azubis nach drei Jahren bereits Führungsverantwortung übernehmen. "Das ist für engagierte Abiturienten ein gutes Argument", weiß die Personalerin.

Ähnliche Modelle finden sich auch bei anderen Händlern. Die Branche hat erkannt, dass sie zur Sicherung des Führungsnachwuchses dem Fachkräftemangel entgegentreten muss. "Wir setzen auf Ausbildung als Fundament unserer Führungskräfteentwicklung", heißt es bei Rewe stellvertretend für die Branche.

Abiturienten möchten lieber studieren

HDE-Fachmann Malcher bezweifelt jedoch, dass Schüler diese Karrierechancen erkennen. "Es gibt eine wachsende Studierneigung", stellt er fest. "Deshalb müssen wir noch mehr tun, damit junge Menschen die Qualifikationsmöglichkeiten des Handels wahrnehmen." So geht das diesjährige Plus an Schulabgängern durch das G8-Abitur und den Wegfall der Wehrpflicht nahezu am Ausbildungsmarkt vorbei.

Schwierig ist es für die Großen der Branche, Interessierte für handwerkliche Berufe wie Metzger oder Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, aber auch für technische Berufe wie Informatikkaufmann oder Fachinformatiker zu finden. Ralf Ritter, Gesamtbereichsleiter Personal und Recht bei Netto, fügt hinzu, dass neue, weniger bekannte Qualifizierungen wie die Ausbildung zur Servicekraft für Dialogmarketing schwer zu besetzen sind.

Mangelnde Ausbildungsreife der Bewerber

Abgesehen von der knappen Bewerberzahl wird die fehlende Ausbildungsreife bemängelt. Einige Unternehmen versuchen, auch schwächere Kandidaten zu integrieren und diese mit berufschulergänzenden Maßnahmen zu fördern. Langfristig werden neue Wege gesucht: "Schule und Beruf müssen zukünftig noch frühzeitiger voneinander lernen", so eine Lidl-Sprecherin. "Wir werden den Kontakt zu Schulen weiter intensivieren."

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