AGG fordert bürokratischen Tribut

von Redaktion LZ
Freitag, 19. Januar 2007
LZ|NET. Seit einem halben Jahr gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Deutschland. Viele Arbeitgeber klagen über ein Zuviel an bürokratischem Aufwand. Die befürchtete Prozesswelle vor deutschen Arbeitsgerichten blieb aus.



"Mit dem AGG hat sich die Bürokratie erhöht", sagt Ute Meier, Leitung Personalentwicklung bei Kaiser's Tengelmann. Diesen Umstand teilen alle Personalabteilungen. Dabei wird nicht das hehre Anliegen europäischen Rechts zur Gleichbehandlung im Grundsatz kritisiert, sondern die interne permanente Absicherung gegen mögliche Verstöße. "Insbesondere im Bereich der Personalbeschaffung sind zusätzliche Maßnahmen zu beachten", heißt es bei der Rudolf Wild GmbH.

Während Arbeitgeber AGG-gerecht versuchen, neue Arbeitsverhältnisse anzubahnen, läuft bei den Stellensuchenden alles wie gehabt. "Obwohl wir in unseren Ausschreibungen auf die Formulierung, bei Interesse die {sbquo}üblichen Bewerbungsunterlagen' zu senden, verzichten, werden uns in der Regel die gewohnten Unterlagen mit persönlichen Angaben wie Geburtsdatum und Lichtbild zugesandt", bemerkt Karl-Heinz Brand, Geschäftsleitung Mensch und Arbeit bei Tegut.

Diese Attribute gehören zu den "verpönten Merkmalen". Denn anhand des Fotos sind Alter und ethnische Herkunft erkennbar. Dies soll laut Gesetzgeber bei einem beruflichen Anbahnungsverhältnis keine Rolle spielen. "Wir tolerieren solche Bewerbungen", bemerken die Arbeitgeber verschmitzt.

Tabuthemen meiden

Bei Online-Bewerbungen, so Meier, wurden die Eintragungsfelder in der Bewerbungsmaske geändert. "Altersangaben sind keine Pflichtfelder mehr." Bei L'Oréal gehen jährlich mehr als 11.00 Bewerbungen ein, der überwiegende Teil samt Foto und persönlichen Angaben. "Darauf haben wir kaum Einfluss, denn der Großteil beruht auf Initiativbewerbungen", betont Oliver Sonntag, Personaldirektor Deutschland bei L'Oréal.

Für Sonntag hat das AGG inhaltlich keine nennenswerte Veränderung bedeutet. Wie in vielen internationalen Unternehmen gibt es eine schriftlich fixierte Unternehmensethik. "Darin weisen wir darauf hin, dass wir Diskriminierungen jeglicher Art in unserem Haus nicht tolerieren." Außerdem waren bestimmte Formen, wie die Geschlechterdiskriminierung, in Deutschland bereits verboten. Sie wurde zuvor im Zivilrecht geregelt.

Das neue Gesetz will nicht nur bei der Rekrutierung, sondern auch unternehmensintern Benachteiligungen vermeiden. Einer der wesentlichen Knackpunkte ist für Christian Berg, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Squire, Sanders & Dempsey in Frankfurt am Main die Aufklärung und Schulung der Mitarbeiter. Die Unterrichtung sollte klar formuliert und dokumentiert sein, empfiehlt er. Sie fungiert vorbeugend gegen eventuelle Rechtsansprüche. Bei der Unterweisung der Angestellten ist L'Oréal systematisch vorgegangen.

Schulung der Mitarbeiter

Von einer Kanzlei wurde die Personalabteilung geschult, es folgte die Unterrichtung führender Manager des Unternehmens. Diese wurde ähnlich einer Kaskade in alle Unternehmensbereiche transportiert. Eingesetzt wurde unter anderem ein E-Learning-System, das per Urkunde die Teilnahme nur bestätigt, wenn die Angestellten das Modul auch tatsächlich vollständig durchführen und damit die Ausführungen zum AGG zur Kenntnis genommen haben.

Ihre internen Beschwerdestellen richteten die Firmen an unterschiedlichen Stellen ein. Bei Tegut übernimmt diese Funktion der Betriebsratsvorsitzende, bei Kaiser's Tengelmann wurde aus den vier Regionen jeweils ein Mitarbeiter aus der Personalabteilung auserkoren.

Mit dem AGG tragen viele Arbeitgeber Sorge vor Schadenersatzforderungen. Deshalb werden Absagen bei Bewerbungen möglichst neutral ohne Angaben von Gründen formuliert. Eingeführt wurden Personal- und Bewerbungsgespräche nach dem Prinzip "vier zu zwei Augen". "Wir stellen keine persönlichen Fragen und skizzieren den Gesprächsverlauf schriftlich", betont Tegut-Manager Brand. Diese Dokumente werden archiviert.

Die befürchtete Welle prozessualer Auseinandersetzungen vor den Arbeitsgerichten blieb jedoch bislang aus. "Juristische Probleme", das sieht Rechtsanwalt Berg schon heute klar, "werden letztendlich nur durch die Rechtssprechung zu klären sein"

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