Arbeitgeber pochen auf Praxiserfahrung

von Redaktion LZ
Freitag, 01. Februar 2013
Eng getaktet: Der straffe Lehrplan lässt wenig Zeit für Stippvisiten in Unternehmen.
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Eng getaktet: Der straffe Lehrplan lässt wenig Zeit für Stippvisiten in Unternehmen.
LZnet. Vor allem Praxiserfahrung wünschen sich Industrie- und Handelsunternehmen von ihren Bewerbern. Ob ein Bachelor- oder Masterabsolvent an die Tür klopft, ist dagegen zunächst zweitrangig. Das Profil muss auf die Stelle passen.
Die Bologna-Reform steht kurz vor ihrer Vollendung. In Deutschland werden die letzten Studiengänge angepasst. Doch noch immer herrscht Unsicherheit unter den Absolventen, was Personaler von ihnen erwarten. Eine Umfrage der Lebensmittel Zeitung unter führenden Industrie- und Handelsunternehmen zeigt, dass vor allem Praxiserfahrung hoch im Kurs steht. Die Befragten stimmen zum Großteil überein, dass gerade Bachelor gegebenenfalls für Paraktika ein Urlaubsemester einschieben sollten.

"Wir empfehlen jedem Studenten, Zeit in die praktische Ausbildung zu stecken. Die Hochschullandschaft in Deutschland ist derart diversifiziert, dass Abschlüsse allein kaum für die Bewertung ausreichen", meint Sarah Schlepper, Head of Recruitment Center bei Nestlé Deutschland. Der Lebensmittelriese beschäftigt viele Praktikanten, allerdings für mindestens drei Monate. "Wenige Wochen Semesterferien reichen aufgrund der Komplexität unseres Unternehmens nicht aus", so Schlepper.

Mix aus Studienzeit, Praktika und Noten

Doch der eng gestrickte Lehrplan der Studenten macht eine Verbindung von Regelstudienzeit und längeren Praktika oft fast unmöglich. "Wir sehen diese Entwicklung kritisch. Studenten sollten frühzeitig versuchen Praxiserfahrung zu sammeln, um einen guten Mix aus Studienzeit, Praktika und Noten zu erreichen", meint Stefan Hamm, Bereichsleiter Personalentwicklung & Recruiting bei Lidl.

Für diejenigen, die sich keine Auszeit nehmen können oder wollen, kann eine Tätigkeit als Werkstudent, bei dem die Akademiker neben der Hochschularbeit als studentische Aushilfen in den Unternehmen wirken können und so praktische Erfahrung sammeln, eine sinnvolle Alternative sein. Viele Unternehmen bieten außerdem die praktikumsbegleitende Erstellung einer Bachelor- oder Masterthesis an.

Im Allgemeinen legen sich die Befragten nicht fest, welcher Bildungsabschluss bevorzugt eingestellt wird. "Bis heute ist es in unserem Unternehmen egal, ob Bachelor, Master oder Diplomanden an die Tür klopfen, sofern die Qualifikation und die persönliche Eignung stimmt", kommentiert Schlepper. Raimund Esser, Bereichsleiter Unternehmenskommunikation bei Rewe, konstatiert: "Entscheidend ist nicht der Abschluss, sondern die Abschlussnote".

Systematische Einarbeitung

Dennoch finden tendenziell mehr Master ihren Weg in die Unternehmen. Das liege vor allem daran, dass die Absolventen mehr praktische Erfahrung mitbringen, aber auch deutlich älter und damit persönlich reifer sind, so die einhellige Meinung. Bachelor, denen trotz ihres jüngeren Alters vor allem ihr hohes Maß an Motivation zuerkannt wird, kommen eher über Direkteinstiege in Junior- oder Assistenzfunktionen in die Arbeitswelt. "Wir achten zwar sehr darauf, ob ein Student praktische Erfahrung hat, trotzdem ist es für uns kein Ausschlusskriterium, sondern eine Aufgabe für die systematische Einarbeitung", sagt Esser.

Auch bei Lidl sieht man die jüngeren Absolventen durch G8 und Bachelor gern und betrachtet die Einarbeitung eher als Herausforderung, denn als Hindernis. "Wir begegnen dem Problem, indem wir auf eine gute, umfangreiche Einweisung setzen. Unsere jungen Talente bekommen zudem einen erfahrenen Mitarbeiter an die Hand, der als Pate fungiert", beschreibt Hamm das Vorgehen.

Je nach Eignung halten die Unternehmen auch duale Bachelor- oder berufsbegleitende Masterstudiengänge für die Nachwuchskräfte bereit. Der Baumarktbetreiber Obi will seinen Nachwuchs zum großen Teil aus den eigenen Reihen fördern und beschäftigt aktuell etwa 150 Studenten in einer dualen Ausbildung. Hinzu kommen 50 externe Absolventen pro Jahr.

Auch Lidl setzt auf den berufsbegleitenden Bachelor. "Zu den insgesamt etwa 200 Akademikern, die wir einstellen, zählen etwa 100 Studenten in der dualen Ausbildung", beziffert Hamm die Zahl der jungen Nachwuchskräfte.  Sowohl Aldi Süd als auch Edeka bieten neben zahlreichen dualen Bachelorstudiengängen seit Kurzem einen Masterstudiengang für Handelsmanagement an. Aldi kooperiert dabei mit der Hochschule Reutlingen, während Edeka mit der Zeppelin Universität Friedrichshafen zusammenarbeitet.

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