Sprachloses Ringen um Kandidaten

von Judit Hillemeyer
Freitag, 05. Oktober 2007
Der Bedarf an qualifizierten Absolventen in Unternehmen ist in diesem Jahr noch einmal deutlich gestiegen.



Noch immer sind Elektrotechniker, Maschinenbauer und Verfahrenstechniker am schwersten zu finden. Fehlende Karriereperspektiven und ein nicht vorhandenes oder mangelndes Unternehmensimage werden als größte Schwierigkeiten bei der Rekrutierung benannt. Zu diesem Ergebnis kommt die Kienbaumstudie "High Potentials 2007", die zum achten Mal durchgeführt wurde.

Unternehmen müssen neue Wege gehen, um High Potentials zu begeistern. 48 Prozent der befragten Unternehmen bieten aus diesem Grund sehr oft interne Weiterbildungsmaßnamen an, zirka 34 Prozent locken Spitzentalente mit persönlichen Coaching-Angeboten und rund 30 Prozent werben mit Sprachtrainings.

Jedoch verfügen bislang nur 23 Prozent der Befragten über eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit, um in der Zielgruppe Absolventen präsent zu werden. Im Rahmen der Studie hat Kienbaum etwa 900 Unternehmen befragt, von denen 126 an der Untersuchung teilgenommen haben.

Image ist wichtig

80 Prozent der Unternehmen wählen Imageanzeigen auf der eigenen Homepage als Instrument der Rekrutierung. 72 Prozent setzen auf Stellenanzeigen in Jobbörsen sowie die Vergabe von Praktika. Auch wenn bislang nur 23 Prozent kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit betreiben, scheinen die Unternehmen zu erkennen, dass Transparenz und glaubwürdige Kommunikation wichtiger werden.

Die Erhöhung der Budgets für die Öffentlichkeitsarbeit steht laut Studie nach einem Ausbau der Internetpräsenz an zweiter Stelle der dringenden Zukunftsaufgaben. Dies korreliert mit der Feststellung, dass die Bekanntheit der Unternehmensmarke der wichtigste Attraktionsfaktor für Absolventen und High Potentials ist. Es folgen eine attraktive Unternehmenskultur, eine klare Unternehmensvision und Mitarbeiter orientierte Unternehmenswerte.

"Gerade mittelständische Unternehmen versäumen es, die Basisarbeit Kommunikation professionell zu verfolgen. Punktuelle Suchanzeigen oder Auftritte auf Jobmessen laufen oft ins Leere, wenn eine Basisbekanntheit nicht vorhanden ist. Das sorgt für erhebliche Effizienzverluste bei der Rekrutierung", sagt Erik Bethkenhagen, Mitglied der Geschäftsleitung bei Kienbaum und Projektleiter der Studie.

Chancen für den Mittelstand

Das Argument, gegen Konzerne ohnehin chancenlos zu sein, sei falsch. Vielmehr liege in der Kommunikation der spezifischen Chancen für Absolventen im Mittelstand eine große Möglichkeit. In den typischer weise flacheren Hierarchien übernehmen Absolventen rascher Verantwortung und könnten eher praktische Auslandserfahrung sammeln.

"Voraussetzung, diese Attribute an die Zielgruppe zu bringen, ist eine kontinuierliche und offene Kommunikation", so Bethkenhagen.

Bei der Präferenz von Hochschulabschlüssen gibt es erstmals Branchen (Produzierendes Gewerbe, Chemie/Pharma), die Absolventen einer Fachhochschule denen einer Universität vorziehen. Der Masterstudiengang wird im Vergleich zum Bachelor und zur Promotion branchenübergreifend, außer in Unternehmen der Energie-Branche sowie Chemie/Pharma, bevorzugt eingestellt.

Der Bachelor-Abschluss wird im Vergleich zur vergangenen Kienbaum-Erhebung in 2005 wesentlich stärker in den Branchen Handel, Produzierendes Gewerbe sowie erstmals Bau/Immobilien nachgefragt.

Als erste Auswahlkriterien bei der Rekrutierung nennen die befragten Unternehmen absolvierte Praktika gefolgt von Sprachkenntnissen und gezielt gewählten Studienschwerpunkten.

Am wenigsten Gewicht haben das Alter des Absolventen beim Examen, das Image der Hochschule und eine Berufsausbildung vor dem Studium.

Es zählt Eigenmotivation

Als wichtigste persönliche Eigenschaften der Kandidaten werden Eigenmotivation, Lernbereitschaft und analytische Fähigkeiten sowie Teamfähigkeit genannt. Als Gründe für das Scheitern von High Potentials gelten zu hohe Anspruchshaltung, Selbstüberschätzung sowie mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik.

Kaum Zweifel haben die Unternehmen an den Fachkenntnissen der High Potentials sowie ihrer akademischen Ausbildung und internationalen Erfahrung. "Durch die Internationalisierung - auch im Mittelstand - werden interkulturelle Fähigkeiten immer wichtiger. Teamfähigkeit wird ergänzt durch die Notwendigkeit zum sicheren Auftreten in unterschiedlichen Kulturkreisen. Dies ist auch eine Chance für Geisteswissenschaftler, die auf diesen Gebieten punkten können", sagt Erik Bethkenhagen.

Gründe, warum High Potentials ein Unternehmen wieder verlassen sind aus Sicht der Personalverantwortlichen vornehmlich die Abwerbung durch andere Unternehmen, private Gründe und fehlende Karriereperspektiven.

Am seltensten werden die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, das Unternehmensimage und das Betriebsklima genannt. Die Einstiegsgehälter für Absolventen liegen im Durchschnitt aller Branchen bei 40.500 Euro, die für High Potentials bei 47.500 Euro (2006: 38.000 Euro / 45.000 Euro).

Am besten bezahlt die Branche Beratungen/ Dienstleistungen ihre Nachwuchs-Fach- und Führungskräfte. Am wenigsten verdienen Absolventen in der Branche Konsumgüter. (juh)

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