"Die Frauenquote greift zu kurz"

von Redaktion LZ
Freitag, 23. September 2011
LZnet. Shell, Unilever und SAP – das sind die beruflichen Stationen von Dr. Angelika Dammann. Für ihre berufliche Karriere und ihr Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau wird die HR-Expertin am heutigen Freitag mit dem Mestemacher-Preis "Managerin des Jahres" ausgezeichnet.
Frauenförderung ist Dr. Angelika Dammann ein zentrales Anliegen – die Frauenquote allerdings hält sie nicht für das geeignete Instrument, wenn es darum geht, die weibliche Präsenz in Managementpositionen, aber auch im Berufsleben ganz allgemein zu verbessern: "Das greift zu kurz, für diese Mammutaufgabe es ist viel mehr notwendig", findet die Top-Personalerin, die bis August als SAP-Vorstand für Human Resources zuständig war.

"Wenn wir wirklich einen großen Schritt nach vorn machen wollen, müssen Unternehmen, Politik und Gesellschaft diese Ziele gemeinsam in Angriff nehmen." Der Dreiklang "Kinder, Krippe und Karriere" müsse endlich das tradierte Frauenbild in Deutschland ablösen.

Kinder, Krippe, Karriere

Aus ihrer Erfahrung als Personalverantwortliche in drei multinationalen Konzernen – vor SAP hießen ihre Arbeitgeber Shell und Unilever – weiß Dammann, dass talentierten Mitarbeiterinnen im Beruf und auch zuhause oft die nötige Unterstützung fehlt – und "manchmal auch der Glaube an sich selbst". Schließlich ist der Karriereweg kein Spaziergang, sondern erfordert Lern- und Leistungsbereitschaft ebenso wie Selbstdisziplin, Rückgrat und Courage.

Eigenschaften, die der 52-Jährigen, die für ihren beruflichen Lebensweg und ihr Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau heute als "Managerin des Jahres" ausgezeichnet wird, selbst auf dem Weg ganz nach oben geholfen haben.

Die gebürtige Schwarzwälderin kam nach der mittleren Reife nach Hamburg. Dort machte sie Abitur und nahm ein Jurastudium auf. Schon immer an internationalen Zusammenhängen interessiert, schrieb sie ihre Examensarbeit über indisches Recht. Ein Thema, über das sie dann auch promovierte – parallel zum ersten Job bei Shell und der Geburt ihres Sohnes.

Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden

Ein anspruchsvolles Pensum, das sie mit klarer Fokussierung auf die Aufgabe und viel Begeisterung geschafft hat. "Man muss Prioritäten setzen und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können", nennt die leidenschaftliche Personalerin einen Erfolgsfaktor.

Wer Kinder habe, komme gar nicht umhin, das zu lernen: "Sie helfen, Distanz zu den Dingen zu wahren, denn sie stellen ihre Ansprüche, egal, welche großen Probleme man gerade bei der Arbeit wälzt." Unverzichtbar findet Dammann zudem eine partnerschaftliche Aufgabenteilung im Privatleben. "Mein Mann und ich verstehen uns als Team."

Engagement für Gleichstellung

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Engagement für Gleichstellung


Der Mestemacher-Preis "Managerin des Jahres" feiert Jubiläum. In diesem Jahr wird die Auszeichnung zum zehnten Mal vergeben. Ihr Ziel ist es, kompetente Managerinnen als weibliche Leitbilder hervorzuheben. Das Anforderungsprofil beinhaltet die Qualität der Berufsbiografie ebenso wie das Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau. Das heißt, die Preisträgerin soll nicht nur in ihrer beruflichen Rolle Herausragendes leisten, sondern auch ein Vorbild in Sachen Work-Life-Balance darstellen, betont die Initiatorin, Prof. Dr. Ulrike Detmers. Sie ist Gesellschafterin der Mestemacher-Gruppe und Professorin an der Fachhochschule Bielefeld.

Bisherige Preisträgerinnen:

2002 – Dagmar Bollin-Flade

2003 – Dr. Ilona Lange

2004 – Prof. Dr. Helga Rübsamen-Schaeff

2005 – Regine Stachelhaus

2006 – Martina Sandrock

2007 – Dr. Christine Bortenlänger

2008 – Margret Suckale

2009 – Angelika Gifford

2010 – Birgit A. Behrendt


Im Zuge der demografischen Entwicklung sieht die Preisträgerin immense Aufgaben auf Führungskräfte wie HR-Profis zurollen – und noch viel zu wenig Bewegung in den Unternehmen. "Es erschreckt mich ein bisschen, wenn ich sehe, wie komfortabel wir uns fühlen", kommentiert sie die mangelnde Internationalität der Managementkader hierzulande oder die in ihren Augen noch vollkommen unterentwickelte Diversity-Kultur.

Diversity steckt in den Kinderschuhen

 "Wenn wir den dramatischen Wandel, der ja bereits da ist, nicht pro-aktiv für uns nutzen, ist der Zug abgefahren", weiß sie aus langjähriger internationaler Erfahrung. Talente werden knapp und können sich die attraktivsten Arbeitgeber aussuchen.

Um die Besten langfristig zu halten, sind vor allem die Vorgesetzten gefragt. "Führungskräfte müssen sich für jeden einzelnen Mitarbeiter in der Organisation zuständig fühlen, für seine Zufriedenheit und seine Zukunft: Das muss oberste Aufgabe der Linie werden."

Dazu gehören in den Augen der Preisträgerin auch neue Arbeitszeit- und Karrieremodelle. "Wir müssen weg von der Präsenzkultur und viel flexibler werden", fordert sie eine stärker an den Ergebnissen ausgerichtete Einstellung in den Unternehmen, die auch den persönlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter Rechnung trägt.

Andere Länder wie etwa die Niederlande machten vor, wie selbstverständlich Männer und Frauen auch im Management in vielfältigen Teilzeitstrukturen arbeiten. Jobsharing hält Dammann ebenfalls für ein geeignetes Instrument zur Flexibilisierung: Bei Unilever, wo sie von 2007 bis 2010 Personalchefin für Deutschland, Österreich und die Schweiz war, habe sie damit gerade auf Führungskräfteebene sehr positive Erfahrungen gemacht.

Neue Arbeitszeit- und Karrieremodelle

Im Juli 2010 wechselte sie von Hamburg nach Walldorf – als Chief Human Resources Officer bei SAP. In nur einem Jahr habe sie dort viel erreicht, resümiert die Managerin. "Wir haben die Organisation auf die von mir entwickelte Mitarbeiterstrategie ausgerichtet." Führungskräfteausbildung und Weiterentwicklung zählten ebenso zu ihren Themen wie ambitionierte Diversity-Ziele oder neue Bonus- und Entlohungssysteme.

Im Juli dieses Jahres trat Dammann von ihrem Vorstandsposten zurück, nachdem Details ihres Arbeitsvertrags in die öffentliche Diskussion geraten waren. Eine Situation, die sie für sich und ihr Unternehmen als Belastung empfand. "Um Schaden von SAP und mir abzuwenden, war es richtig, schnell und konsequent zu handeln", begründet sie ihren Rückzug. Jetzt blicke sie "mit Spannung in die Zukunft". Und sie hat Zeit, ihre Coaching-Tätigkeit zu intensivieren.

Die Auszeichnung als "Managerin des Jahres" bedeute ihr außerordentlich viel, sagt Dammann. "Ich empfinde den Preis nicht nur als Anerkennung dafür, was ich erreicht habe, sondern auch dafür, wie ich es erreicht habe. Und ich sehe ihn als Verpflichtung, mir selbst treu zu bleiben."

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