Arbeit 4.0 Beim Kulturwandel sind Krawatten out

von Redaktion LZ
Freitag, 16. September 2016
Verwirrung beim Dresscode: Die Kleidung verrät die Hierarchiestufe nicht mehr.
Paul Prescott/Fotolia
Verwirrung beim Dresscode: Die Kleidung verrät die Hierarchiestufe nicht mehr.
Auf der Suche nach Innovation und Pioniergeist lassen Manager Hüllen fallen: Statt in Anzug und Schlips hoffen immer mehr, in Jeans, Turnschuhen und mit vertraulichem Du hierarchiebedingte Kommunikationshürden zu beseitigen.

Die Anzeichen häufen sich: Wer zum Business-Termin im dunkelblauen Zweiteiler, weißem Hemd und Schlips oder Bluse und frisch gewienerten Lederschuhen kommt, ist old school. So schwebte beim letzten Personalmanagementkongress Stefan Ries in Turnschuhen, T-Shirt und Jeans zu Klängen von Udo Lindenberg auf die Bühne. Als Personalvorstand bei SAP führt er 75.000 Mitarbeiter. Für Schlagzeilen sorgten auch die Otto Group und der durchaus hierarchisch geprägte Discounter Lidl mit dem Angebot, dass künftig jeder jeden Duzen darf.

Die praktische Konsequenz zeigte sich beim LZ Karrieretag: Die Recruiter etlicher Großunternehmen präsentierten ihre Karrierechancen in lässigerer Kleidung als die Bewerber und wählten bevorzugt das "Ihr" und "Euch" als Anrede. Der Manager von heute zeigt sich gerne gechillt und innovativ, statt sich mit zu viel Förmlichkeit aufzuhalten – und macht es damit Start-Ups vom Prenzlauer Berg gleich. Dort ruft "der Uli" gern zurück, wenn man als wildfremder Geschäftspartner eine Frage hat. In Anerkennung des innovativen Ansatzes fügt man sich in die Duzerei der Gründer-Szene. Aber wie glaubwürdig ist die neue Lässigkeit bei gestandenen Big Shots wie Lidl und Otto?

Erst kürzlich gaben in einer Umfrage von Indeed knapp 47,6 Prozent der Befragten zu Protokoll, sie würden bei der Ansprache je nach Hierarchiestufe unterscheiden. Was also, wenn ihnen diese Entscheidung genommen wird und die Führungskraft Dr. Mayer plötzlich mit "Florian" angesprochen werden möchte? Erhöht oder senkt die Maßnahme den Feelgood-Faktor?

Der neue Kaufhof-Personaldirektor Jens Berger erzählte kürzlich, wie er mit hochgekrempelten Chinos, Polohemd und Turnschuhen mit der Kleiderordnung in der Zentrale des Traditionskaufhauses brach und auch für Irritation sorgte. Denn woran sollen die Mitarbeiter sich orientieren, wenn die Chefs keine Etikette mehr vorgeben? Dürfen sie noch im Anzug kommen, wenn sie es so gewohnt sind, oder eben nicht, weil sie dann feiner als ihr Vorgesetzter auftreten?

Führt die neue Formlosigkeit nur übergangsweise zu Verwirrung, bis sich alle ans Duzen und die Jeans in Meetings gewöhnt haben oder ist sie selbst ein Übergangsphänomen?

"Bei uns kann jeder anziehen, was er will, es gibt keine Vorschriften", ließ Siemens-Konzernchef Joe Kaeser, der jahrelang in den USA arbeitete und dort auch seinen Geburtsnamen Josef Käser gegen die internationale Version eintauschte, kürzlich wissen. Und wenn doch mal ein Dresscode für eine Veranstaltung gelte, schreibe man es einfach auf die Einladung oder in die Tagesordnung.

"Wer früher zum Herrenausstatter ging, wusste, was er dort einpacken musste", sagt Hans Ochmann, Geschäftsführer der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Heute dagegen hat man die Qual der Wahl: "Business Casual", "Smart Casual" oder gleich ganz "Casual"? Da kann man sich auch böse vertun, weiß er. "Es wird komplizierter", und gerade das mittlere Management, das die Vorgaben des Vorstandschefs mitmachen und ihm gefallen will, tue sich manchmal besonders schwer damit.

Über kurz oder lang dürfte sich der Trend zur Zwanglosigkeit seiner Meinung nach durchsetzen. "Ich glaube, das ist keine kurzfristige Modeerscheinung", sagt Ochmann. Wichtigster Treiber sei die Start-up-Kultur mit ihrer schnellen Ideen-Umsetzung abseits ausgetretener Pfade, die für viele Manager eine große Anziehungskraft besitze. Um sich einzureihen, imitiere so mancher Manager Kleidungsstil und Auftreten prominenter Köpfe aus der Szene - das könne schon etwas aufgesetzt wirken.

"Der Kulturwandel 4.0 macht auch vor der Anrede nicht Halt", hieß es erst kürzlich bei Otto in einem Schreiben an die Mitarbeiter. Barrieren, Hemmnisse, Hierarchien – all das solle aufgebrochen werden, erklärt Katy Roewer, die als Bereichsvorstand auch für Personalfragen zuständig ist.

Den Wandel muss Otto nun auch ins 400 Kilometer weiter südlich gelegene Weismain in Oberfranken tragen, wo der zur Gruppe gehörende Versandhändler Baur sitzt. Der versucht gerade, sich stärker zu spezialisieren, schneller und offener zu werden, um dem Druck der Konkurrenten im Online-Handel standzuhalten. Symbol dafür soll auch hier das "Du" sein, das Geschäftsführer Albert Klein kürzlich sogar Praktikanten bei einem Essen anbot. "Wenn man etwas älter ist wie ich, das geb‘ ich offen zu, ist das eine Umstellung, die mir persönlich auch nicht immer so ganz leicht gefallen ist", räumt er ein.

Um seinen Status muss aus Kienbaum-Sicht kein Manager fürchten, der fest im Sattel sitzt. Der Wegfall des Krawattenzwangs oder das "Du" ändere nichts am Machtgefüge in den Unternehmen. Hierarchien dürften mit der Zeit zwar etwas aufweichen, aber nicht ganz abgebaut werden, glaubt Berater Ochmann. Auch wenn Mitarbeiter heute stärker einbezogen würden – wichtige Entscheidungen dürfte auch in Zukunft noch immer der Chef treffen.

(jw/dpa)

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