Arbeit 4.0 Future Work Lab eröffnet

von Julia Wittenhagen
Freitag, 10. Februar 2017
Stuttgarter Exo-Jacket: Mindert körperliche Belastung, funktioniert wie ein Pedelec.
Stuttgarter Exo-Jacket: Mindert körperliche Belastung, funktioniert wie ein Pedelec.
Welche Technologien und Anwendungen heute schon möglich sind und wie Mensch und Technik künftig interagieren können, wird erlebbar in vielen Stationen des Future Work Labs. Aber auch mit Weiterbildungsangeboten und einer Ideen-Plattform richtet sich Fraunhofer an Vertreter aus Industrie, Gewerkschaft, Politik und Forschung.

Ein Exo-Skelett unterstützt mit gleicher Technik wie ein E-Bike den Produktionsmitarbeiter bei Hebearbeiten; mittels einer Augmented Reality-Brille lassen sich Produktionsprozesse virtuell umplanen; ein Mensch interagiert mit einem Roboter bei der Positionierung von Bauelementen; Kameras melden eigenständig Arbeitsunfälle: Im neu eröffneten Future Work Lab gibt es das Alles zum Anfassen und Ausprobieren. Es bietet gebündeltes Wissen rund um die Frage, was Arbeit 4.0 für den Menschen bedeuten kann und welche Optimierungspotenziale sie für Unternehmen birgt.

Derzeit ist das Labor auf dem Fraunhofer-Campus in Stuttgart angesiedelt, wird aber im Mai 2017 in den benachbarten Forschungscampus Arena 2036 umziehen und sich auf 50 bis 60 Exponate vergrößern. Dazu bündeln die Fraunhofer-Institute IAO (Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation) und IPA (Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung) und die Universität Stuttgart ihre Kompetenzen rund um die Industrie 4.0. "Es geht nicht um klassische Technik, auch nicht um klassische Arbeitswissenschaft, sondern die Kombination aus beiden", hieß es bei der feierlichen Eröffnung in der letzten Woche.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka war dabei. Ihr sei sehr bewusst, dass Menschen nicht nur Euphorie empfinden, wenn Technik ihre Arbeit erleichtert, sondern sich auch Sorgen über die Zukunftsfähigkeit ihrer Qualifizierung machen, sagte sie. "Wir müssen vordenken", umriss sie den Anspruch des Future Work Lab, das ihr Ministerium finanziell unterstützt.

Mittelstand soll Schritt halten

Die Digitalisierung sei eine Riesenchance, "deshalb wollen wir dazu beitragen, dass sie wahrgenommen wird". Ein Vertreter der IG Metall unterstrich den Nutzen für Arbeitnehmer: Vom technischen Fortschritt verspreche er sich nicht nur Effizienzsteigerung, sondern auch eine selbst bestimmtere Arbeitswelt. Beispiele dafür bleibt das Future Work Lab nicht schuldig: Die Schichtplanung per App, personalisierte Arbeitsplätze und mobile Mehrmaschinenbedienung gehören zu den gezeigten Möglichkeiten, wie sich die Arbeitswelt des Einzelnen verbessern lässt.

Gerade mittelständischen Unternehmen soll der Technik-Parcours helfen, Schritt zu halten mit der Digitalisierung und sich selbst ein Bild von Funktionsweise, Anwendbarkeit und praktischem Nutzen neuer Technologien im eigenen Unternehmen zu machen. Lösungen wie den kabellosen Schreibtisch, der alle Endgeräte über Induktionstechnologie mit Strom versorgt oder das Extended Workdeck, bei dem ein "papierfreier" Monitor die Schreibtischfläche ersetzt, gibt es jetzt schon am Markt zu kaufen.

Verknüpfung mit Daten steigert Wertschöpfung

Mit Seminaren und Workshops will das Lab ausdrücklich auch Vertreter der Arbeitnehmerseite wie Betriebsräte und Gewerkschaften sensibilisieren für die gefragten Kompetenzen der Zukunft.

"Unsere Aufgabe ist es, Arbeit mit neuer Wertschöpfung zu verbinden durch Verknüpfung mit Daten und Informationen", sagte der Leiter des IAO, Professor Wilhelm Bauer. Direkte Tätigkeiten, auch Routineaufgaben im Büro, könnten bald so automatisiert werden, dass mehr Zeit bleibe für höherwertige kognitive Arbeit. Es ginge darum, Fähigkeiten weiterzuentwickeln, nicht, sie zu ersetzen, stellte er die positiven Folgen für den Menschen heraus. Arbeitsplätze reagieren auf das Umfeld und assistieren den Mitarbeitern, benannte er als einen Trend. Beispiele dafür seien Sprachverarbeitung, gestische Interaktion und die Identifikation von Eigenschaften und Kompetenzen. Kann der Montageplatz individuell an die Körpermaße, aber auch die Belastung jedes Arbeitnehmers angepasst werden, seien ganz neue Formen der Ergonomie möglich. Wenn Schichteinsätze per App von allen einseh- und planbar seien, könnte sogar in der Fabrik der Traum von der Gleitzeit mit individuellen Arbeitszeiten wahr werden.

Investitionen schrecken ab

Als Digitalisierungs-Hürden auf Unternehmensseite benennt Bauer mangelnde IT-Kompetenz, hohe Investitionen und Betriebskosten, Angst vor der Anpassung der Arbeitsorganisation und fehlende Informationen über Anwendbarkeit und Nutzen neuer Technologien. "Der Mittelstand erscheint oft zögerlich. Das liegt zum Teil daran, dass er komplett ausgelastet ist", weiß er. Das Future Work Lab helfe, den Einstieg zu finden, sich über Optimierungschancen zu informieren und bei Bedarf auch Forschungsprojekte daraus abzuleiten.

Sein Kollege Thomas Bauernhansl empfiehlt deutschen Unternehmen, Wettbewerbsvorteile in der Produktion durch Digitalisierung weiter zu optimieren. Um weltweit Schritt halten zu können, legt er ihnen vor allem eins ans Herz: Kooperationsbereitschaft.

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