Arbeit 4.0 Keine Scheu vor Digital Immigrants

von Redaktion LZ
Freitag, 10. November 2017
Die Generation 50 plus mit ins Boot zu holen bei der Transformation, lohnt sich. Gerade weil sie einen anderen Zugang hat zu digitalen Themen.
Bst2012/Fotolia
Die Generation 50 plus mit ins Boot zu holen bei der Transformation, lohnt sich. Gerade weil sie einen anderen Zugang hat zu digitalen Themen.
Wie Beschäftigte der Generation 50 plus im Digitalhype erfolgreich bleiben, dazu hat Gastautor Christian Stamov Roßnagel drei Zutaten eines Erfolgsrezepts entwickelt. Er räumt auf mit der Mär von den digitalen Dummies.

Digitalisierung und ältere Beschäftigte – bei Unternehmen und Beschäftigten gleichermaßen scheint das nicht zusammenzupassen. Immerhin gaben 24 Prozent der von Sopra Steria Consulting 2016 befragten Beschäftigten über 50 an, die Geschwindigkeit des digitalen Wandels überfordere sie. Und 18 Prozent sagten, sie würden sich mit digitalen Technologien nicht auskennen. Doch Vorsicht vor falschen Schlüssen: Den Jungen geht es keinen Deut besser. 27 Prozent fühlen sich in der gleichen Umfrage vom digitalen Wandel überfordert, 24 Prozent kennen sich nicht aus.

Dennoch begegnen Digital Natives und Digital Immigrants einander mit Vorurteilen: In einer aktuellen Befragung von Jacobs University und Daimler (Giesenbauer, Mürdter & Stamov Roßnagel, 2017) glauben Beschäftigte unter 30, dass ihren Kollegen über 50 die Offenheit für neue Technologien und Medien nicht besonders wichtig sei. Motto: Mit digitalen Technologien arbeiten, das haben Menschen über 50 einfach nicht im Blut. Man müsste ihnen erst einmal Digitalkompetenz beibringen, damit sie von der Digitalisierung profitieren. Die Älteren hingegen glauben, dass ihre jüngeren Kollegen unter 30 auf eben diese Offenheit besonderen Wert legen.

-
-
-

Die Mär, dass mit steigendem Alter auch die Zahl der "digitalen Dummies" wächst, hält sich also konstant. Doch nur bei oberflächlicher Betrachtung lassen sich die Computerkids der 1980er als digitale Dummies verkaufen. Immerhin ist das die Generation, die auf der Kommandozeile Befehle schreiben kann, statt nur zu tippen und zu wischen. Deren Vorarbeit erst ermöglichte, dass die heute junge Generation die Hardware hat fürs Tippen und Wischen.

Tatsächlich zeigt die oben erwähnte Studie auch, dass nicht nur die unter 30-Jährigen neue Technologien für sehr wichtig halten (mit einem Durchschnittswert von 5,2 auf einer Skala von 1 bis 6), sondern mit den über 50-Jährigen praktisch gleichauf liegen (Skalenwert: 4,9).

Etwas jugendliche Arroganz ist also nicht von der Hand zu weisen. Dazu passt eine aktuelle Untersuchung der Bildungsforscher Jan Marten Ihme und Martin Senkbeil. Sie zeigt, dass Jugendliche ihre Computerkompetenzen nicht realistisch einschätzen. Es stehen einer hohen Selbsteinschätzung vergleichsweise geringe echte Testleistungen in der Informationsrecherche im Internet gegenüber. Eine positive Selbsteinschätzung hänge wesentlich von der Häufigkeit der Nutzung des Computers ab, so die Autoren. So viel zum "automatischen Startvorteil" der Digital Natives. Mein Rat an Organisationen: Macht die "alten Hasen" zu Mitgestaltenden. Wenn Ältere offenbar keinen objektiven Nachteil haben – was ist dann das Problem? Ganz einfach: Zwar wissen mittlerweile alle, dass die Digitalisierung der Arbeit begonnen hat, aber kaum, wie sie weitergeht, geschweige denn, wie sie endet. Diese Ungewissheit wird vielfach zur Angst – werde ich noch "mitkommen" beim Wandel? Man muss nicht alt sein, um sich überfordert zu fühlen, wie die obigen Zahlen zeigen. Für Ältere kommt das Signal hinzu: Deine bisherige Erfahrung ist so gut wie nichts mehr wert!

Christian Stamov Roßnagel: Professor für Organisationspsychologie an der Jacobs University, Bremen.
BVL/ Bublitz
Christian Stamov Roßnagel: Professor für Organisationspsychologie an der Jacobs University, Bremen.

Zutat Nummer eins eines Erfolgsrezepts ist deshalb die Kommunikation. Wie bei jeder analogen Veränderung auch gilt: nicht nur die Benefits kommunizieren, sondern auch die Motivationshürden ernst nehmen und ihnen auf den Grund gehen. Personalentwickelnde und Führungskräfte machen am besten sich selbst und ihrer "Zielgruppe" klar, was tatsächlich neu und anders ist an der digitalisierten Arbeit – und welche Vorteile damit verknüpft sein können. Beschäftigte gehen in aller Regel nicht gegen die Digitalisierung an sich auf die Barrikaden, sondern gegen eine Digitalisierung, deren Sinn und Zweck sie nicht sehen – und die sie deswegen bedrohlich empfinden.

Zutat Nummer zwei: die Ressourcen der Älteren nutzen. Eine der Kernkompetenzen erfahrener Beschäftigter ist der Blick fürs Wesentliche. Der lässt sich nutzen bei der Anpassung von Kompetenzentwicklungsmodellen: Was genau müssen Beschäftigte können oder lernen, um eine bestimmte Tätigkeit neuer, schneller, leichter, oder sonst irgendwie besser ausführen zu können? Was beansprucht bei einer bestimmten Tätigkeit auf längere Sicht, und wie verändert sich diese Beanspruchung durch die Digitalisierung?

Zutat Nummer drei: Ältere zu Co-Designenden machen. Veränderte Anforderungen an die Kompetenzentwicklung schaffen neue Weiterbildungsbedarfe. Auch hier sind die Älteren gefragt. Warum nicht Jüngere und Ältere gemeinsam digital gestützte Weiterbildungen designen lassen? Dabei kommen nämlich Lernangebote raus, die nicht nur schön aussehen, sondern auch tatsächlich lernendenfreundlich sind. Ein digitales Lernangebot, das für Ältere funktioniert, funktioniert für Jüngere allemal – umgekehrt gilt dies keineswegs. Und auch die Erfahrungsressourcen der Älteren lassen sich nutzen, wenn man nur will.

Sowohl Lernanlässe als auch Problemlösungen entstehen meist spontan, im Prozess der Arbeit. Werden sie von Beschäftigten "in Echtzeit" digital dokumentiert und geteilt, lassen sich punktgenaue Wissens- und Lernressourcen aufbauen, mit denen das statische Lernen der Gegenwart künftig dynamisiert und bedarfsgerecht wird.

(Christian Stamov Roßnagel)

Schlagworte zu diesem Artikel:

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats