Mitarbeiterbindung steigt im Handel

von Judit Hillemeyer
Freitag, 09. Mai 2008
Je stärker die Bindung der Beschäftigten an ihren Arbeitgeber, desto höher die Leistungsbereitschaft. Eine Erkenntnis, die auch im Handel angekommen ist. Speziell in dieser Branche ist die Verbundenheit der Angestellten zum Unternehmen tendenziell gestiegen.



Je geringer die Mitarbeiterbindung, desto schwächer sind Wirtschaftswachstum, Innovationskraft und betriebliche Zukunftschancen. So die Quintessenz der IFAK-Studie "Arbeitsklima-Barometer Deutschland 2008". Danach liegt die Zahl der Arbeitnehmer, die sich ihrem Unternehmen nur mäßig bis gar nicht verpflichtet fühlen, branchenübergreifend mit rund 88 Prozent, im Handel mit rund 81 Prozent auf hohem Niveau.

Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Speziell im Einzel- und Großhandel zeichnet sich eine leichte Trendwende ab. 19 Prozent fühlen sich ihrem Arbeitgeber in hohem Maß verbunden. Im vergangenen Jahr waren es nur 16 Prozent. Die Quote derjenigen, die innerlich gekündigt hat, reduzierte sich von 21 auf 19 Prozent. Branchenübergreifend ist der Anteil der Arbeitnehmer "ohne" Bindung an ihre Firma auf 24 Prozent gestiegen.

"Das zeigt, dass der Handel tendenziell erkannt hat, dass Personal ein Erfolgs- und kein Kostenfaktor ist", so IFAK-Senior Consultant Marco Nink. Unverändert groß ist die Gruppe der Menschen, die sich ihrem Arbeitgeber nur mäßig verbunden fühlt. Sie bewegt sich in der Handelsbranche bei 62 Prozent.

"Mangelnde Mitarbeiterbindung wird in der Regel von Defiziten in der Personalführung verursacht", sagt Nink. Unabhängig davon, ob am Arbeitsplatz ein Mann oder eine Frau das Sagen habe. Dies sei kein Maß für den Grad der Verbundenheit.

Hohe Fluktuation

Gleiches gelte auch für das Geschlechterverhältnis in Teams. Entscheidend sei die Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Wer keine Bindung zu seinem Arbeitgeber habe, dem fehle die Klarheit über seine Aufgaben, Rechte und Pflichten. Die Folge sei eine hohe Fluktuation.

Unter den Beschäftigen im Handel "ohne" Bindung ist laut der Studie kein einziger mit seinem Vorgesetzten einverstanden. Und nur 6 Prozent dieser Gruppe fühlen sich zur Arbeit angespornt. 56 Prozent haben aufgrund des Verhaltens ihres direkten Vorgesetzten in den vergangenen zwölf Monaten daran gedacht, zu kündigen.

67 Prozent planen dies gar innerhalb eines Jahres. Die beiden letztgenannten speziellen Werte im Handel sind im Verhältnis zum branchenübergreifenden Schnitt relativ hoch (37 beziehungsweise 43 Prozent).

Wer sich seinem Arbeitgeber stark verbunden fühlt, ist motivierter, schätzt seinen Chef und bleibt länger im Unternehmen. So sind 80 Prozent der Handelsmitarbeiter mit ihrer Führungskraft zufrieden. 73 Prozent fühlen sich gar täglich von ihren Chefs motiviert.

Verantwortung übernehmen

Die Studie zeigt, dass Mitarbeiter mit schwach ausgeprägter Bindung eine geringere Eigeninitiative und weniger Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen als die "stark" Gebundenen. Diese reichen im Handel im Schnitt 29 Verbesserungsvorschläge pro Jahr ein, "Ungebundene" nur ein Drittel davon. Erfahrungsgemäß ließen sich nur zwei Drittel aller Ideen auch umsetzen. Leider wissen im Handel nur 48 Prozent der Angestellten, an wen sie sich wenden können, wenn sie Verbesserungsvorschläge haben. In anderen Branchen sind das im Mittel 51 Prozent.

Der Grad der Mitarbeiterbindung zeigt sich außerdem an den Fehlzeiten und schlägt sich somit direkt auf die Produktivität des Unternehmens nieder: Beschäftigte ohne Unternehmensbindung fehlen durchschnittlich 10 Tage pro Jahr; im Handel sind es gar 12,8 Tage. Zum Vergleich: Personal mit hoher Bindung fehlt im Handel nur 2,1 Tage im Jahr. Branchenübergreifend sind es 4,3 Tage. Gemessen wurden alle Fehltage aufgrund von Unwohlsein und Krankheit.

Empfehlung des Arbeitgebers

Die Bedeutung der Mitarbeiterbindung für jedes Unternehmen zeigt sich auch in der Empfehlungsbereitschaft der Beschäftigten: 70 Prozent der "hoch" gebundenen Handelsmitarbeiter empfehlen ihre Arbeitsstelle und damit auch die Produkte und Dienstleistungen. "Sie sind als Multiplikator ein wichtiger Marketingeckpfeiler, um Talente anzuziehen", so Nink. Von den "Ausgeklinkten" empfehlen nur 9 Prozent ihren Arbeitgeber weiter. Von den "mäßig" Gebundenen betreiben nur noch 30 Prozent ein Empfehlungsmarketing. Damit liegen die Handelsmitarbeiter im allgemeinen Trend.

Die Bemühungen zur Kundenorientierung haben im Handel zugenommen, ermittelte die Studie. 82 Prozent der Befragten gaben an, dass diese in den vergangen zwei bis drei Jahren einen höheren Stellenwert eingenommen hat. "Grund ist, dass in der jüngsten Vergangenheit der Wettbewerb und damit die Differenzierung im Einzelhandel zugenommen haben", so Nink. 59 Prozent der Befragten im Handel gaben an, dass sie Reklamationen von Kunden als Anstoß zur Verbesserung nutzen. Im allgemeinen Durchschnitt sind das nur 48 Prozent.

Insgesamt, so Nink, seien alle Unternehmen im eigenen Interesse gut beraten, gezielt Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung und Arbeitsfeldgestaltung einzuleiten mit dem Ziel, die betriebliche Innovationskraft und Produktivität zu steigern.

Zahlen und Fakten

Für das zweite repräsentative Arbeitsklima-Barometer Deutschland 2008 hat das IFAK Institut für Sozial- und Marktforschung in Taunusstein insgesamt 2 000 Arbeitnehmer ab 18 Jahren befragt. Davon arbeiten 178 Menschen im Einzel- und Großhandel.

Differenziert wird zwischen Personen mit einer "hohen" Arbeitgeberbindung, die sehr viel Spaß an ihrer Arbeit haben, jenen mit "mäßiger" Verbundenheit, die Dienst nach Vorschrift machen sowie denjenigen "ohne" Verbundenheit, die bereits die "innere Kündigung" eingereicht haben. Die erste Arbeitsklima-Studie entstand 2007. Sie wird jährlich wiederholt. (juh)

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