Arbeitsmarkt-Integration Erste große Jobbörse für Flüchtlinge

von Julia Wittenhagen
Freitag, 26. Februar 2016
Arbeit verbindet: Persönlicher Kontakt baut Hemmschwellen ab.
Carsten Milbret
Arbeit verbindet: Persönlicher Kontakt baut Hemmschwellen ab.
Interesse ja, Berührung keine. So könnte man die Beziehung zwischen Unternehmen und Flüchtlingen vielerorts zusammenfassen. Was der Zustrom für den Arbeitsmarkt bedeuten könnte, darüber hat man viel gehört. Nun müssen Taten folgen. Eine Jobbörse in Berlin gehört dazu.

Regale einräumen, Brötchen backen, Pakete packen – grundsätzlich zeigen sich viele Unternehmen aufgeschlossen: "Wir beschäftigen zur Zeit keine Flüchtlinge, halten es aber in Zukunft nicht für ausgeschlossen", heißt es dazu beim Dienstleister Combera. "Überall dort, wo Anfragen von anerkannten Institutionen bezüglich konkreter Unterstützung an unser Unternehmen herangetragen werden, prüfen wir die Möglichkeiten zur Qualifizierung und Integration von Flüchtlingen sehr genau", gibt Lidl Auskunft.

"Wenn die Voraussetzungen stimmen, sehe ich in der Otto-Gruppe viele Einsatzmöglichkeiten: Wir können Jobs in der Logistik, der Verwaltung, der IT anbieten. Wenn Flüchtlinge nicht bei uns Arbeit finden, wo dann?", öffnet auch Sandra Widmaier, Personalchefin der Otto Group, symbolisch die Arme, nennt aber sogleich fehlende Sprachkenntnisse und Papiere als Hemmschuh. "Dass Genehmigungs- und Qualifikationsprozesse parallel stattfinden, ist, derzeit die große Herausforderung für unsere Gesellschaft", sagt sie.

Ohne Zweifel werden viele der 441.000 Menschen, die im letzten Jahr einen Erstantrag auf Asyl gestellt haben, 2016 einen positiven Bescheid bekommen, der sie gleichzeitig zum Arbeiten berechtigt. "Wir wissen, dass der Ansturm kommt, aber nicht wann und wie groß er sein wird", beschreibt Steffen Römhild-Wilson vom Jobcenter Frankfurt die Situation. Erst nach der Anerkennung des Asylantrags beginnt dort die Vermittlungsarbeit, werden Qualifikationen geprüft und Deutschkurse angeboten.

Praktika und Ausbildungen schon drei Monate nach Abgabe des Asylantrags möglich

Berufsvorbereitende Praktika und Ausbildungen sind grundsätzlich schon viel früher möglich – drei Monate nach Abgabe des Asylantrags, wenn interessierte Flüchtlinge und Unternehmen wissen, wie sie zusammenfinden. Genau hier setzt das "Sozialprojekt" von Eigentümer, Geschäftsleitung und Mitarbeitern des Hotel Estrel an. Sie haben es zur "Frage der Ehre" erklärt, mit der "ersten Jobbörse für Flüchtlinge" am 29. Februar im Neu-Köllner Hotel Arbeitssuchende und -gebende zusammen zu bringen. 3.500 geflüchtete Menschen werden erwartet, 210 Aussteller haben zugesagt, darunter viele Handwerksbetriebe.

"Auf einer Messe kann man persönlich ins Gespräch kommen und der Erstkontakt fällt auch leichter", freut sich Karen Koch, Ausbildungsleiterin bei der Bio Company. Der Berliner Handelsfilialist wird genau wie Zalando und Rewe als Aussteller vor Ort sein. Dass selbst das japanische Fernsehen sich angemeldet hat, verdeutlich den Neuigkeitswert der Initiative. "Wir kennen so viele Firmen, dass wir einfach unser Netzwerk genutzt und sie angesprochen haben", erläutert Pressesprecherin Miranda Meier die Entstehungsgeschichte.

An die Flüchtlinge sei man über die Bundesagentur für Arbeit und viele Berliner Flüchtlingsinitiativen herangetreten, die die Jobbörse mit Info-Ständen sowie Rat und Tat für Arbeitgeber unterstützen werden. Die Fläche stellt der sozial engagierte Hotel-Eigentümer Ekkehard Streletzki kostenlos zur Verfügung. "Wir hoffen, dass unser Beispiel Vorbild ist für andere Städte", sagt Meier. "Die Veranstaltung hat so viel Resonanz, dass wir schon überlegen, im Herbst gleich eine zweite Jobbörse folgen zu lassen", so Meier.

Bio Company wunscht sich regelmäßige Foren

Aussteller Bio Company würde sich freuen: "Wir wünschen uns, dass regelmäßige Foren eingerichtet werden, auf denen sich Unternehmen und Flüchtlinge begegnen können", sagt Koch, die konkrete Offerten im Gepäck hat: "Wir hoffen, dass die Flüchtlinge nach den Deutsch- und Integrationskursen Praktika bei uns beginnen und wir ab Sommer 2016 mit den ersten Ausbildungsverhältnissen beginnen können", sagt sie. "Traditionell stellen wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Nationalitäten ein". Fachbezogenes Deutsch sei allerdings unverzichtbar, "da wir erklärungsbedürftige Produkte haben."

Vielerorts bündeln derzeit IHK, Handswerkskammer, Stadt, Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter ihre Integrations- und Vermittlungsangebote. Dazu gehört auch W.I.R. "work and integration for refugees" in Hamburg. Ziel ist es, Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive im erwerbsfähigen Alter im IT-System der Bundesagentur für Arbeit zu registrieren und ihre berufliche Kompetenz systematisch zu entwickeln.

Doch potentielle Kandidaten "tröpfeln erst langsam ein, weil viele noch auf ihren BAMF-Bescheid warten", weiß Birte Steller, die in der Hamburger Integrationsbehörde für Fachkräftesicherung zuständig ist. Wer direkten Kontakt sucht, kann sich im Internet auf workeer.de tummeln, "der ersten Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber, die ihnen Chancen eröffnen wollen". 1.600 Bewerber stoßen hier auf fast ebenso viele Angebote. Entstanden ist die Börse als Abschlussarbeit von zwei Berliner Kommunikationsdesign-Studenten.

Geflüchtete Menschen beschäftigen

Informationsquellen
•Kofa – Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung: Merkblätter zu den rechtlichen Rahmenbedingungen – aufgeschlüsselt nach Praktikum, Ausbildung, Normalbeschäftigung
•Bundesagentur für Arbeit: Beratung für Arbeitgeber, Kandidatensuche, finanzielle Unterstützung
• BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Infothek zu Arbeit im Zusammenhang mit Aufenthaltsstatus

Anlaufstellen
• Regionale und lokale Initiativen von Kammern, Jobcentern, städtischen Behörden, Flüchtlingshilfevereinen; Willkommensklassen in Berufsschulen, Integrationskurse
• Örtlicher Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit
• Programme "Perspektive für Flüchtlinge – Potenziale identifizieren, Integration ermöglichen" (PerF) und "Early Intervention" der Bundesagentur für Arbeit
• Programm "Passgenaue Besetzung" für KMU des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Europäischen Sozialfonds (ESF).
• "Integration von Asylsuchenden und Flüchtlingen" (IvAF) vom Netzwerk des ESF-Bundesprogramms
• Netzwerk "Integration durch Qualifizierung" (IQ)
• Online Jobbörse workeer.de

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