Arbeitsmarkt Viele Teilzeitkräfte würden gerne mehr arbeiten

von Roswitha Wesp
Donnerstag, 18. Februar 2016
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Deutschlands Arbeitskräfte sind motivierter denn je, mehr zu arbeiten. Vor allem Teilzeitkräfte sind mit ihrer aktuellen Arbeitszeit oft unzufrieden. Neueste Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden belegen diese Entwicklung.

Die am Dienstag dieser Woche vorgestellte aktuelle Arbeitsmarktstudie des Statistischen Bundesamtes weist eine Quote von 78 Prozent Erwerbstätigkeit aus. EU-weit liegt Deutschland damit an zweiter Stelle hinter Schweden (80 Prozent) bei der 20- bis 64-jährigen Bevölkerung.

Rund 90 Prozent der deutschen Arbeitnehmer geben dabei an, keine Veränderung der Wochenarbeitszeit zu wünschen. Dennoch gibt es rund 2,9 Mio. Erwerbstätige, die mehr sowie rund 900.000 Erwerbstätige, die gerne weniger arbeiten wollen, heißt es in der Arbeitsmarktstudie.

Beschäftigte im Handel nicht unzufrieden mit Teilzeit

Dass sie es nicht können, habe in der Regel damit zu tun, dass ihnen keine Vollzeitstellen angeboten werden, sie aber wegen der Bezahlung auf der Suche nach einer solchen sind. Jene, die weniger arbeiten wollen, tun dies meist wegen der anfallenden und nicht bezahlten Überstunden.

Auf den Handel als typische Teilzeit-Branche trifft es laut HDE-Geschäftsführer Heribert Jöris nicht unbedingt zu, dass eine große Unzufriedenheit mit den Arbeitszeiten vorherrscht. "Die meisten Beschäftigten im Handel sind mit ihren Arbeitszeiten im Wesentlichen zufrieden", so Jöris. Oft gehe es nur um 2 bis 3 Stunden Mehr- oder Minderarbeit pro Woche, die gewünscht werden.

Teilzeit arbeiten ohnehin vor allem die Frauen. 2014 war laut Arbeitsmarktstudie fast jede zweite erwerbstätige Frau von 20 bis 64 Jahren (47 Prozent) in Teilzeit tätig. Unter den Männern betrug dieser Anteil nur 9 Prozent.

Frauen übernehmen soziale Aufgaben in der Gesellschaft

Die Mehrheit der teilzeitarbeitenden Frauen gab als Hauptgrund die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen (29 Prozent) beziehungsweise andere familiäre oder persönliche Verpflichtungen (21 Prozent) an. Ein großer Teil der Männer nannte hingegen als Hauptgrund für die Teilzeitbeschäftigung eine parallel laufende Ausbildung oder berufliche Fortbildung (24 Prozent).

Unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt sehen sich 13 Prozent der Frauen und sogar 24 Prozent der Männer in Deutschland. Sie wünschen sich in der Regel einen Vollzeitarbeitsplatz und damit längere Arbeitszeiten. Viele geben an, diese Ganztagsstelle nicht gefunden zu haben.

Den EU-Spitzenwert bei der Teilzeitarbeit erreichen die Niederlande. Dort arbeiteten 2014 drei Viertel der erwerbstätigen Frauen (75 Prozent) und knapp ein Viertel der erwerbstätigen Männer (22 Prozent) verkürzt. Kaum verbreitet ist dagegen eine reduzierte Wochenarbeitszeit in den östlich gelegenen EU-Staaten.

Erfahrungsgemäß hoch ist der Teilzeitanteil im Dienstleistungssektor. Hier arbeiten 21 Prozent der Beschäftigten verkürzt, in der Industrie sind es dagegen nur 7 Prozent. Der Handel weist eine Teilzeitquote von 29 Prozent auf.

Anzahl befristeter Verträge bleibt stabil

Geht es um die Befristung der Arbeitsverträge, ist jeder zwölfte Beschäftigte ab 25 Jahren davon betroffen. Mit einem Anteil von 8 Prozent an der Erwerbstätigenquote ist dieser Wert in den vergangenen zehn Jahren weitgehend stabil geblieben.

Dabei stellt sich die Situation für Frauen und Männer laut Arbeitsmarktstudie ähnlich dar. 2014 wurden rund 9 Prozent der Arbeitnehmerinnen und 8 Prozent der Arbeitnehmer befristet eingestellt. Auch hier gilt häufig das Prinzip der Unfreiwilligkeit. 39 Prozent der Arbeitsverträge werden von Beschäftigten abgeschlossen, die eigentlich eine Festanstellung wünschen, sie jedoch (vorerst) nicht bekommen.

Allerdings dauert die Befristung des Arbeitsvertrages oft weniger als ein Jahr. Dies geben 57 Prozent der Betroffenen an. Fast jeder fünfte Arbeitsvertrag (19 Prozent) war bis zu zwei Jahren und weitere 11 Prozent bis zu drei Jahren befristet.

Immer mehr Arbeitnehmer suchen sich einen Zweitjob

Geradezu explodiert ist die Zahl derer, die in Deutschland einen Zweitjob ausüben. In den vergangenen zehn Jahren stieg deren Anteil um 62 Prozent auf zwei Mio. Arbeitnehmer. Das sind immerhin bereits 5 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland.

Bei den Frauen liegt der Wert mit 5,4 Prozent leicht darüber, bei den Männern mit 4,6 Prozent leicht darunter. "Zweitjobs sind oft finanziell attraktiver als Überstunden", begründet HDE-Geschäftsführer Jöris die starke Zunahme.

Ebenfalls kräftig gestiegen ist die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen. "Sie nahm so stark zu wie in keiner anderen Altersgruppe", heißt es in der Studie. Mit einem Anteil von 53 Prozent gegenüber 28 Prozent 2005 hat sie sich fast verdoppelt.

46 Prozent der Frauen in dieser Altersklasse sind demnach noch berufstätig, bei den Männern steigt der Anteil sogar auf 59 Prozent.Begründet wird dies in der Studie zum einen über die Alterung der Gesellschaft, der es an Nachwuchs fehlt.

Die Möglichkeiten für Vorruhestandsregelungen seien zum anderen begrenzt. Und schließlich sei das Bildungsniveau sukzessive gestiegen. Höher qualifizierte Arbeitnehmer seien mit einem Anteil von 67 Prozent überdurchschnittlich oft im Alter von 60 bis 64 Jahren noch berufstätig. Bei den geringer Qualifizierten sind es nur 37 Prozent.

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