Arcandor führt Wertkonten ein

von Redaktion LZ
Freitag, 22. August 2008
LZ|NET. Der Handelskonzern Arcandor will, obwohl bei seinem Sorgenkind Karstadt derzeit andere Probleme anstehen, Wertkonten für die Beschäftigten einführen.



Die Demographieentwicklung, der Wegfall der staatlich geförderten Altersteilzeit Ende 2009, die Anhebung der Regelrente - Arbeitgeber suchen nach Lösungen. "Unsere Sozialsysteme sind immer weniger belastbar", sagt Dr. Matthias Bellmann, Arcandor-Vorstandsmitglied in Essen. Großzügige Frühverrentungen, wie sie in den vergangenen Jahren staatlich gefördert und praktiziert wurden, sind passé.

Eigenverantwortung sei gefragt. Wertkonten, wie sie Arcandor nun einführen will, könnten einerseits den Wegfall der geförderten Altersteilzeit kompensieren und andererseits die Flexibilität der Lebensarbeitszeit erhöhen.

Die jetzt beschlossene Einführung der Wertkonten stehe dabei "in keinem Zusammenhang zum Ergänzungstarifvertrag" auf den man sich im Jahr 2004 zur Konzernsanierung geeinigt hatte, so Bellmann. Die vereinbarten Ergänzungszahlungen in den Jahren 2008, 2009 und 2010 an die Mitarbeiter blieben "davon unberührt". Sie sind seiner Meinung nach aber "eine gute Gelegenheit, um einen Grundstock für das Wertkonto zu bilden".

Gewerkschaft ist zufrieden

Bestätigt wird diese Aussage von Rüdiger Wolff. Für 2008 seien die Ausgleichszahlungen bereits im Juni gezahlt worden, so der Verdi-Tarifexperte auf Anfrage. Der Gewerkschaftsvertreter hat die Wertkonten mit Karstadt ausgehandelt und begrüßt ihre Einführung ausdrücklich. "Für die Beschäftigten ist das eine gute Sache", betont Wolff. Sie bekämen so zum Beispiel die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen. Karstadt leiste sogar eine Anschubfinanzierung.

Mit dem Modell Wertkonto beschäftigen sich Bellmann, Gewerkschaft und Gesamtbetriebsrat seit mehr als zwei Jahren. Bis zur Einigung auf einen Flächentarifvertrag war das Projekt eine Hängepartie. Erst im Juli, mit dem Tarifabschluss des Einzelhandels in Baden-Württemberg, wurde erstmals das Wertkonto im Tarifvertrag festgeschrieben. Eine entsprechende Gesamtvertriebsvereinbarung sei unterzeichnet.

Mit Wertkonten vorsorgen

Heute liegt der Arbeitsaustritt im Konzern im Schnitt bei 63 Jahren. Von dem gesetzlich erhöhten Renteneintrittsalter auf 67 Jahre wird ein Großteil der Beschäftigten betroffen sein. Nicht allen ist es möglich, bis zu dieser Altersgrenze zu arbeiten.

"Wertkonten sind ein neues Modell der innerbetrieblichen Vorsorge", so Bellmann. Genutzt werden sie für einen vorzeitigen Ruhestand, ein Sabbatjahr oder eine Teilzeitarbeit, beispielsweise in einer Betreuungssituation von Angehörigen.

Und so funktioniert das Prinzip: Der Arbeitnehmer zahlt monatlich oder jährlich einen fixen Betrag oder Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld auf ein Konto ein. In einem definierten Umfang darf auch Zeit in Geld verwandelt werden wie Überstunden oder Resturlaub.

Die Konten werden über die gesamte Spanne der Erwerbstätigkeit geführt. Das Guthaben wird mit einem Garantiezins von derzeit 4 Prozent bedient.

Die Zinsgarantie besteht aus einem Basiszins von derzeit 2,25 Prozent (Lebensversicherer) plus einem Bonuszins von 1,75 Prozent (Arcandor) pro Jahr. Die Verwaltung der Wertkonten übernimmt ein Treuhandunternehmen. Somit sind die Guthaben auf den Wertkonten laut Bellmann vor möglichen Risiken geschützt. Versteuert wird das Kapital erst im Nutzungsfall.

Gefahr lauert bei Insolvenz

Nach einer Befragung der auf Personalthemen spezialisierten Unternehmensberatung Towers Perrin in Frankfurt vom Februar dieses Jahres nutzen 74 Prozent der Unternehmen hierzulande Wertkonten zur Steuerung des Vorruhestands. 94 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass Zeitwertkonten eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der demographischen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt spielen.

Zunehmend, so ein weiteres Ergebnis der Analyse, würden die Guthaben in Geld und nicht in Zeit geführt. Arbeitszeitkonten seien besonders risikoreich, denn das Guthaben kann bei Insolvenz des Arbeitgebers verfallen. Dem will der Gesetzgeber vorbeugen und hat aktuell ein entsprechendes Gesetz zum Schutz der Arbeitnehmer auf den Weg gebracht.

Bellmann betont: "Wir haben nie an reine Zeitguthaben gedacht. Unsere Wertkonten sind eine grundsolide Geldanlage." Mit diesem Konzept sieht er sich besonders im Einzelhandel in einer "absoluten Vorreiterrolle". Für die Mitarbeiter des Arcandor-Konzerns soll das Kontoprojekt bereits im Herbst dieses Jahres starten. Das Potenzial innerhalb des Konzerns liegt insgesamt bei rund 51 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

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