"Mangel an praktischem Know-how"

von Silke Biester
Freitag, 10. Februar 2012
Dieter Hofmann
Hofmann Consultants
Dieter Hofmann
Kompetente Aufsichtsräte könnten Schieflagen in manchen Handelsunternehmen vorbeugen. Managementberater Dieter Hofmann deckt die Fehler bei der Besetzung des Gremiums auf.
Lebensmittel Zeitung: Herr Hofmann, Aufsichtsräte stehen zurzeit in der Kritik. Zu recht?

Dieter Hofmann: Das sind im Moment die Buhleute der Nation. Aber es ist durchaus berechtigt, einen genauen Blick auf die Aufseher zu werfen. Da gibt es so manche, die hauptsächlich ihr persönliches Haftungsrisiko interessiert, dem Unternehmen jedoch helfen sie nicht weiter.

LZ: Nach welchen Kriterien werden die Kontrollgremien zusammengestellt?

Hofmann: Vieles läuft über persönliche Netzwerke. Nach dem Motto: "Ich kenne da einen, den nehmen wir mit rein." Das sind oftmals honorige Personen, die aber wenig oder gar keine Ahnung vom Unternehmen oder der Branche haben. Letztlich hat die Nähe untereinander dazu geführt, dass die Vorstandsgehälter explodiert sind. Die Aufsichtsräte nicken die Gehaltsforderungen der Vorstände nur ab. Ein unhaltbarer Zustand.

LZ: Woran mangelt es im Handel ganz konkret?

Hofmann: An praktischem Know-how. Auch der Aufsichtsrat sollte Empathie für das Produkt und die Kunden des Unternehmens mitbringen. Wenn er aber Abscheu hat, im Supermarkt einzukaufen, dann ist er nicht der Richtige.

LZ: Ist es so schwer, solche Leute zu finden?

Hofmann: Nein, schwer ist das nicht. Aber ein Handelsmanager, der die Praxis kennt und weiß, wie man einen Markt aufbaut, ist denen, die über die Mandate entscheiden, oftmals nicht elegant genug. Manche wollen lieber über griechische Mythen philosophieren als über Sortimente und Standorte.

Kontrolleure des Handels in der Kritik

Kontrolleure des Handels in der Kritik

Im Handel gibt es etliche Beispiele, bei denen der Aufsichtsrat nicht rechtzeitig eingegriffen hat, um Schieflagen oder Insolvenzen zu verhindern. Bei dem angeschlagenen Baumarktbetreiber Praktiker geraten die Kontrolleure aktuell unter Druck. LZ-Informationen zufolge ist der Plan der Großaktionärin Isabella de Krassny zwar gescheitert, den gesamten Aufsichtsrat zum Rücktritt zu bewegen. Bei einer außerordentlichen Hauptversammlung soll aber ein Teil der Mandate neu vergeben werden. Auch das monatelange Gerangel um die Besetzung diverser Posten des Metro-Konzerns und beim Hauptaktionär Haniel hat die Kritik geschürt. Der Vorwurf: Die internen Machtverhältnisse beschäftigten das Unternehmen mehr als die sinkenden Umsätze. Im Falle der Arcandor-Insolvenz wird aktuell geprüft, ob die Aufseher für den Bankrott des Konzerns haftbar gemacht werden können. lz 06-12



LZ: Wie sollten Aufsichtsratsmitglieder ausgewählt werden?

Hofmann: Wenn man bestimmte Kriterien für die Zusammenstellung des Gremiums beachtet, kann man vorher erkennen, ob ein Kandidat das Unternehmen voranbringt. Statt Persönlichkeiten zu wählen, die ihre aktive Zeit hinter sich haben, raten wir zu deutlich jüngeren Managern, die mitten im Berufsleben stehen und noch was bewegen wollen. Wer das eigene Geschäft erfolgreich führt, dem ist das zu kontrollierende Unternehmen nicht egal. Mancher 65-Jährige ist zufrieden, solange er sein Geld bekommt.

LZ: Die Kritik, die Gremien seien inkompetent, zu alt und ohne Frauen, ist nicht neu. Erkennen Sie einen Wandel?

Hofmann: Früher wurde nach Dekorationsartikeln gesucht, nach namhaften Persönlichkeiten. Das verändert sich ein bisschen. Man will schon die Expertise haben. Wir suchten kürzlich ein Aufsichtsratsmitglied für ein Handelshaus. Unser Ratschlag, einen unter 50-Jährigen zu nehmen, der mitten im Job steht, wurde angenommen. Wir bemerken eine zunehmende Offenheit.

LZ: Welchen Vorteil bringt ein junger Mandatsträger?

Hofmann: Nehmen wir zum Beispiel eine Riege älterer Herren, die über Investitionen im Bereich E-Commerce entscheiden sollen. Die meisten von denen wollen sich mit dem Thema wahrscheinlich nicht intensiv beschäftigen. Ein jüngerer hat da einen anderen Zugang und kann die Sachlage per se besser beurteilen.

LZ: Es werden mehr Frauen in Vorständen gefordert. Auch in Aufsichtsräten?

Hofmann: Grundsätzlich ja. Aber es gibt nicht so viele Frauen, wie wir brauchen können. Viele haben sich noch nicht über die eigene Karriere für ein Aufsichtsratsmandat qualifiziert.

LZ: Welche Qualifikation ist notwendig?

Hofmann: Man sollte schon in der ersten oder zweiten Managementebene eines Unternehmens gearbeitet haben. Also Vorstand, Geschäftsführer oder wenigstens Niederlassungsleiter. Das ist notwendig, um die strategischen Dimensionen nachvollziehen zu können.

LZ: Welche Motivation haben die Kandidaten für die Übernahme eines Mandats?

Hofmann: Es gibt zwei grundverschiedene Typen. Da ist zum einen die Gruppe älterer Ex-Manager. Sie suchen sich ein paar Mandate, um sich zu beschäftigen, ihren Status aufzubessern und Geld zu verdienen. Sie engagieren sich nicht und übernehmen ein Aufsichtsratsmandat hauptsächlich, um ihr Ego zu befriedigen. Und dann gibt es die anderen. Die muss man aktiv gewinnen. Und sie machen es nur dann, wenn sie etwas lernen und sich einbringen können. Das sind Leute, die wissen was zu tun ist. Sie würden jeden Aufsichtsrat bereichern. Solche Menschen für einen Sitz im Aufsichtsrat zu gewinnen, ist eine echte Win-Win-Situation.

LZ: Gibt es dafür ein Beispiel?

Hofmann: Torsten Toeller, Gründer und Chef von Fressnapf, wurde ein Aufsichtsratsmandat angetragen von einem Unternehmen, das auf einem ähnlichen Partnerschaftssystem basiert wie seine eigene Firma. Herr Toeller war von dem Vorschlag sehr angetan und hat das Mandat auch angenommen.

LZ: Wie viele Aufsichtsposten kann eine Person ausfüllen?

Hofmann: Ein guter Aufsichtsrat arbeitet sich tief ein und sollte sich in den Belangen und Märkten auskennen, die das Unternehmen betreffen. Im Falle einer Schieflage muss er sich auch mal einige Wochen Zeit nehmen. Da reicht es nicht aus, an vier Sitzungen im Jahr präsent zu sein. Deshalb raten wir von mehr als drei, maximal vier Positionen ab.

LZ: Bis zu vier Mandate neben der eigenen Tätigkeit?

Hofmann: Nein! Nur dann, wenn er selbst nicht mehr operativ tätig ist. Als Nebentätigkeit sollte man keinesfalls mehr als ein Mandat übernehmen.

LZ: Was würden Sie von einem Mandatsträger erwarten?

Hofmann: Der Vorstand legt dem Aufsichtsrat strategische Konzepte vor. Wenn dieser entscheiden soll, ob das Unternehmen nach China expandiert, dann muss er selbst schon mal dort gewesen sein und wissen, wie Chinesen ticken. Jeder sagt: "Wir müssen in den Emerging Markets vertreten sein." Aber kaum einer hat sich mit der Situation vor Ort beschäftigt. Keiner der deutschen Händler, die in China präsent sind, verdient dort Geld. Ein Grund für diese missliche Situation ist, dass viele Aufseher dem Investment zugestimmt haben, ohne es eingehend zu prüfen.
LZ: Wird der Aufsichtsrat für Fehlentwicklungen zur Verantwortung gezogen?

Hofmann: Das kommt im Handel so selten vor wie in der restlichen Wirtschaft. Eine Ausnahme ist Herr Middelhoff, den der Konkursverwalter für die Arcandor-Insolvenz belangen will.

LZ:
Sind Vorstände vielleicht ganz froh, wenn die Aufseher nicht durchblicken?


Hofmann: Bei einigen ist das sicher so.

LZ: Wie lässt sich das ändern?

Hofmann: Es liegt allein in der Macht der Aktionäre. Letztlich bestimmen sie die Zusammensetzung des Aufsichtsrates. Leider stellen sich die Vorstände ihr Kontrollgremium oft selbst zusammen. Das ist natürlich völlig falsch. Die Aktionäre müssten dafür sorgen, dass Menschen mit Sachverstand ins Gremium kommen. Der Vorstand muss sich dann aber kritische Fragen stellen lassen. Und wer will das schon? Da ist es für ihn doch viel bequemer, sich Leute auszusuchen, die nicht viel Kritik üben, weil sie vom Unternehmen ohnehin nicht viel verstehen. (sb)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats