Ausbildung Azubi-Gewinnung wird zum Kraftakt

von Julia Wittenhagen
Freitag, 13. Mai 2016
Mangel : Zu den zehn Berufen „mit überdurchschnittlich großen Besetzungsproblemen“ gehören Fleischer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk und Bäcker.
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Mangel : Zu den zehn Berufen „mit überdurchschnittlich großen Besetzungsproblemen“ gehören Fleischer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk und Bäcker.
Das Angebot an Ausbildungsplätzen in der Branche steigt. Doch der umworbene Nachwuchs hat viele Alternativen. In den Lebensmittelberufen klafft eine Lücke. Zusatzqualifikationen und Auslandspraktika kommen gut an.

Das Statistische Bundesamt hat die 516.000 "Ausbildungsantritte" im letzten Jahr zum Allzeittief erklärt. 41.000 Lehrstellen blieben unbesetzt. Das war die höchste Zahl seit 1996. Entspannung ist im aktuellen Ausbildungsjahr nicht in Sicht.

Bäckereihandwerk und Süßwarenindustrie werben aktuell mit freien Stellen für das neue Lehrjahr. Die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) findet es alarmierend, dass 2015 sechs Prozent der ernährungstypischen Berufe unbesetzt blieben. Insgesamt stieg die Zahl der unbesetzten Lehrstellen auf 3 Prozent. Bei den technischen und kaufmännischen Berufen gab es weniger Probleme. "Das zeigt uns, dass wir hier ein Imagethema haben", sagt Hauptgeschäftsführerin Valerie Holsboer. Dabei seien Lebensmittel noch nie so sicher und vielfältig gewesen wie heute. Die Nahrungsmittelindustrie stehe für zuverlässige Arbeitgeber mit guten Sozialleistungen. "All diese Punkte müssen wir scheinbar noch mehr in den Vordergrund stellen."

Wursthersteller Reinert kann das nur bestätigen. Die kaufmännische Ausbildung und Plätze für das duale Studium sind längst vergeben, aber bei Fleischern und Fachkräften für Lebensmitteltechnik sind noch Plätze frei. "Wir setzen darauf, dass wir auch dieses Jahr wieder genug Bewerber gewinnen", sagt Mathias Leon Schneider, der als Assistent der Geschäftsführung bei Reinert die Ausbildung betreut. "Aber wir wissen, dass wir am Standort mit Arbeitgebern aus der Metallverarbeitung und Automobilzulieferindustrie konkurrieren." Was Reinert helfe, sei die Bekanntheit als Markenhersteller und die gute Vernetzung in der Region als Sport- und Kultursponsor. Hinzu komme die kontinuierliche Investition in die Qualität der Ausbildung. Motto: Jedes Jahr besser werden.

"Wir bilden mittlerweile in jeder Abteilung Ausbilder aus, stellen zwei Betreuer sogar frei, schaffen Zusatzmodule und laden zu Kletter-Events und Grillabenden ein", sagt Schneider. "Was wir bei der Rekrutierung gut machen, ist, mit unseren Azubis in die Schulen zu gehen." Um Erstkontakte noch gezielter in Bewerbungen zu verwandeln, werde derzeit über einen Karrieretag nachgedacht.

Auch große Lebensmittelhändler wie Aldi Süd mit mehr als 5.300 Auszubildenden setzen die Bedeutung persönlicher Kontakte ungeheuer hoch an: "Die medienaffine digitale Generation Y und Z recherchiert zwar viel über das Internet", sagt Sprecherin Kirsten Geß, "aber bei der finalen Entscheidung für einen Arbeitgeber, geht es darum, ob ein Bekannter bei uns arbeitet und positive Einblicke geben kann oder ein sympathisches Gespräch auf einer Schülermesse geführt wurde."

Praxistage, Betriebsbesichtigungen, Schulkooperationen, Schupperpraktika und Erfahrungeberichte in den sozialen Medien sollen allerorts Barrieren abbauen, zumal das Angebot an Ausbildungsplätzen im Handel mit Lebensmitteln, Mode und Möbeln laut jüngster Trendmeldung des Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) steigt. Was, wenn sie zu Ladenhütern werden wie die 4.500 unbesetzten Verkäufer- und Einzelhandelskaufmanns-Stellen 2015?

HDE-Hauptgeschäftsführer Wilfried Malcher weiß, was die Händler mit den 50.000 erfolgreich besetzten Lehrstellen richtig gemacht haben: "Sie sind als engagierte Ausbilder und gute Arbeitgeber bekannt. Sie fördern Nachwuchskräfte und kümmern sich um die Weiterbildung der gesamten Belegschaft."

Doch abgesehen vom großen Interesse an den Abiturienprogrammen haben noch viele Händler Probleme, passende Bewerber zu finden. Auch Marktführer Edeka mit seinen 6.700 Ausbildungsplätzen, davon 90 Prozent in den verkaufenden Berufen, ist betroffen. Gegenmaßnahmen: Offensives Ausbildungsmarketing und eine ständige Überarbeitung der Ausbildungsqualität, sagt Sprecherin Laura-Meike Hohls. "Wir bieten viele attraktive Einstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten: Karriere-Schnellläuferprogramme zum Handelsfachwirt, duale Studiengänge, moderne integrierte Lern-Konzepte."

Parallel zu den Bildungsbausteinen für hoch qualifizierte Bewerber greifen bei der Berliner Bio Company Maßnahmen für leistungsschwächere Schulabgänger, junge Leute mit Behinderung, Migrationshintergrund und für Flüchtlinge. Auch anderweitig passt man sich an neue Realitäten an: Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk werden hier mangels Interessenten nicht mehr ausgebildet.

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