Selbstverpflichtung für mehr Lehrstellen

von Redaktion LZ
Donnerstag, 17. Juni 2004
LZ|NET. Anstelle der geplanten Ausbildungsabgabe ist ein Ausbildungspakt gerückt. In einem am Mittwoch unterzeichneten Bündnis verpflichtet sich die Wirtschaft, freiwillig zu einer Sicherung des Lehrstellenangebots beizutragen. Handel und Konsumgüterindustrie begrüßen diese Entwicklung.



Hoch schlugen die politischen Wogen in den vergangenen Wochen und Monaten, nun glätten sie sich wieder. Nachdem am vergangenen Freitag die geplante Ausbildungsabgabe der Bundesregierung im Bundesrat gestoppt wurde, ist der Weg für eine Paktlösung frei geworden.

Darauf verständigten sich die Bundesregierung und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der hier für die Wirtschaft federführend tätig ist, am Mittwoch dieser Woche.

In dem "Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland", der mit den Spitzen der Verbände der Arbeitgeber, der Industrie, des Handwerks und des Handels unterzeichnet wurde, verpflichtet sich die Wirtschaft, 30 000 neue Lehrstellen im Jahresdurchschnitt zu schaffen.

Außerdem sollen jährlich 25 000 berufsvorbereitende Praktikumsplätze für schwervermittelbare Jugendliche eingerichtet werden. Die Vereinbarung gilt drei Jahre. Die Branche hat bereits signalisiert, den Pakt zu unterstützen.

Freiwillige Lösung bevorzugt

"Wir, als traditionelles Ausbildungsunternehmen, ziehen es vor, die Anzahl der angebotenen Ausbildungsplätze freiwillig im Sinne der Sicherung des Standortes Deutschland zu erhöhen", sagte Bernd Ahlers, Vorstandsvorsitzender der Kaiser's Tengelmann AG, gegenüber der LZ. Das bestätigte auch Edeka-Unternehmenssprecherin Marliese Kalthoff.

Allerdings: Das Ausbildungsplatzangebot müsse von einer "entsprechenden Nachfrage" begleitet werden - sprich von qualifizierten Bewerbern, so Ahlers.

Für kaufmännische Berufe sei eine ausreichende Benotung in den Fächern Deutsch und Mathematik "unabdingbar", eine Anforderung, "die bedauerlicherweise von vielen Schulabgängern nicht mehr erfüllt wird".

Wer nach einer Quote ausbilde, laufe Gefahr, die Abbrecherrate zu erhöhen, "weil sich Schulabgänger und Unternehmen weniger mit den Ausbildungsinhalten auseinandersetzen. Enttäuschungen seien damit vorprogrammiert.

Die Abgabe ist auf Eis gelegt

Die auf Eis gelegte gesetzliche Ausbildungsabgabe sah vor, dass rund 15 Prozent mehr Lehrstellen angeboten werden müssen als Bewerber vorhanden sind. Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten, in denen Lehrlinge weniger als 7 Prozent der Belegschaft ausmachten, müssten demnach eine Abgabe entrichten. Diese Prozentzahl orientiert sich an geschätzten 50 000 fehlenden Lehrplätzen.

Die angestrebte Ausbildungsquote von 7 Prozent sei für Tengelmann "durchaus realisierbar", betonte Ahlers. Metro Group hätte sie mit 7,6 Prozent derzeit schon übererfüllt. Die Vertriebslinie C+C stellt 400 Lehrlinge in diesem Jahr ein.

Das sind 120 mehr als 2003, so Metro-Pressesprecher Jürgen Homeyer. Bereits im vergangenen Jahr unterstützte die Großhandelssparte die Ausbildungsinitiative "Teamarbeit für Deutschland" des Bundeswirtschaftsministeriums. "Mit insgesamt rund 1 000 Lehrlingen bilden wir deutlich über den eigenen Bedarf hinaus aus", heißt es in einer Pressemitteilung der Metro.

Die Lücke zwischen Bewerberzahl und Ausbildungsplatzangebot könne jedoch nur über freiwillige Beiträge geschlossen werden. Die Metro-Unternehmensgruppe hat insgesamt knapp 8 500 Auszubildende.

"Es muss etwas passieren - junge Menschen brauchen eine Chance", sagt Prof. Klaus-Peter Nebel, Unternehmenssprecher von Beiersdorf. Deshalb sei es notwendig, dass Politik und Wirtschaft nach Lösungen suchen. Die ursprünglich gesetzlich geforderten 7 Prozent hält Nebel für paradox.

Differenzierte Marktsituation

Hier müsse branchenspezifisch analysiert und gehandelt werden. Er betonte, dass die Qualität der Ausbildung nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Für eine hochwertige und qualifizierte Lehre müssten auch entsprechende Ausbilder zur Verfügung stehen.

Beiersdorf bildet derzeit 270 Azubis aus. Bei rund 6 000 Mitarbeitern entspricht das nicht den ursprünglich geforderten 7 Prozent. Doch das Unternehmen will weiterhin seinen Beitrag zu Linderung der Ausbildungsmisere in Deutschland beitragen: In diesem Jahr sind 65 neue Lehrplätze eingerichtet worden, im vergangenen Jahr waren es 92 und zuvor 63. Diesen Prozess will Beiersdorf sukzessive fortsetzen.

Das Ausbildungs- und Bildungsdilemma ist für Horst Zöller, Leiter der zentralen Personalentwicklung bei Rewe, komplex und nicht nur über Zahlen zu regeln. Im Jahr 2003 hat das Handelshaus seine Ausbildungsplätze um 300 auf 2 700 im Filial- und selbstständigen Bereich erhöht - 137 konnten nicht besetzt werden.

Im Jahr 2002 verzeichnete Rewe im Filial-Supermarktbereich 11 000 Bewerbungen - 52 Prozent der Bewerber mussten schon im ersten Schritt aufgrund fehlender Eignungsvoraussetzungen (kein Hauptschulabschluss, schlechte Deutschkenntnisse) abgelehnt werden.

Abgelehnte Bewerbungen

2003 gingen 72 Prozent von 17 000 Bewerbungen wegen mangelnder Eignung zurück. Zöller will abwarten, wie der geplante Konsens gestaltet wird. Er würde beispielsweise eine Mobilitätshilfe begrüßen, die es ostdeutschen Schulabgängern ermöglicht, eine Ausbildung im Westen zu absolvieren.

Laut HDE hat die Bundesregierung zu lange gezögert, der freiwilligen Lösung zuzustimmen, sonst "gäbe es jetzt bereits mehr Ausbildungsangebote", glaubt der Verband. Die geplante Zwangsabgabe habe Ausbildungsplätze verhindert. Beklagt wird zudem, dass zu viele Jugendliche nach der Schule nicht die notwendige Ausbildungsreife aufweisen.

Im Gegensatz zu den Wirtschaftsunternehmen hält der DGB einen freiwilligen Ausbildungspakt für "nicht viel Wert"; er befürchtet, dass die Ausbildungsquoten nicht steigen werden.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände schließt nicht aus, dass die Zahl der Lehrstellen aufgrund der lahmenden Konjunktur 2004 noch unter das Niveau von 2003 fällt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit wurden bis Ende Mai 5,1 Prozent weniger Ausbildungsplätze für die diesjährigen Schulabgänger angeboten als im Vorjahreszeitraum.

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