Kreativität der Querdenker

von Judit Hillemeyer
Freitag, 18. Mai 2007
Ein Lanze für den Handel im Allgemeinen und für Rewe im Besonderen brach deren Vorstandsvorsitzender Alain Caparros auf der Ausbildungsleitertagung in Köln. Sein Unternehmen war vergangene Woche Gastgeber der 50. Jahresveranstaltung.



Rewe sieht sich im Aufbruch. Das Unternehmen versucht als Arbeitgeber und Ausbilder an Profil zu gewinnen. "Wir wollen in diesem Jahr die Zahl der Auszubildenden um 600 auf 7.000 erhöhen", sagte der Rewe-Chef auf der Tagung des Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung. In diesem Rahmen engagieren sich Handel, Banken, Versicherungen und Industrie für die kaufmännischen Berufe.

Die Handelsbranche gehört mit knapp 65.000 neuen Lehrverträgen zu den großen Ausbildern Deutschlands, so Josef Sanktjohanser, Rewe-Vorstandsmitglied und Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Diese Zahl konnte im vergangenen Ausbildungsjahr auf 68.000 neue Verträge gesteigert werden.

Wider alle Ausbildungsanstrengungen - um das Image dieser Branche steht es schlecht. In Anspielung auf die Managementturbulenzen der vergangenen drei Jahre befand Caparros: "Rewe ist nichts erspart worden. Darauf sind wir nicht stolz, aber es ist eine Chance für Gestaltung." Diesen Weg will er nicht nur mit Zahlen pflastern, sondern mit einer veränderten Strategie einleiten.

Es geht um den Paradigmenwechsel. Im unternehmerischen Interesse ist die Aus- und Fortbildung von Mitarbeitern wichtig, betonte er vor den 200 Tagungsteilnehmern. Er sprach sich für Transparenz, intelligente Kreativität, konstruktive Kritik und Innovation aus. Aus innerer und äußerer Notwendigkeit müssten sich die Handelsbranche und Rewe künftig Querdenkern und Quereinsteigern öffnen.

Unter dieser Prämisse unterstützt der Kölner Konzern ab dem Wintersemester 2007 zwei Plätze des Studiengangs Betriebswirtschaft und Kunst an der Alanus-Hochschule. Das Konzept setzt sich aus einem Wirtschaftsstudium in Kombination mit Kunst zusammen.

"Betriebswirte haben einen verengten Blick auf die Wirtschaft", erklärte Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus-Hochschule. Dabei sind Wirtschaft und Kultur eng miteinander verflochten. Bis heute haben sich beide Bereiche beflügelt. Kultur und Bildung bilden eine Voraussetzung für effizientes Wirtschaften und damit sozial verantwortliches Handeln.

Das Alanus-Studium soll aus künftigen Betriebswirten keine professionellen Künstler machen, sondern ihnen neue Perspektiven eröffnen. "Kunst wird als praktische Erfahrung verstanden", erläuterte Ursula Schütze-Kreilkamp. Die Medizinerin ist seit November für die Personal- und Führungskräfteentwicklung bei Rewe verantwortlich. Von dem kombinierten Studium profitieren bereits dm, Tegut und Alnatura.

Der künstlerische Anspruch lasse sich durchaus auf Ausbildungsberufe übertragen, sagte da Veiga. In einem der fünf begleitenden Workshops konnten die Tagungsteilnehmer eigene Erfahrungen im Umgang mit Lehm und Ton sammeln.

"Es gibt viele verschiedene Arten von Intelligenz", betonte Caparros, die es gelte zu nutzen. Insgesamt hat die Handelsbranche einen Nachhochbedarf an akademischem Nachwuchs.

"Wir könnten uns so gar vorstellen, Theologen und Meeresbiologen einzustellen", formulierte Sanktjohanser. Schöpferisches Arbeiten müsse den Mitarbeitern aber auch ermöglicht werden, ergänzte Caparros. Das brauche seitens der Ausbilder Geduld und keine Besserwisserei.

Um das Handelsimage zu verbessern, bedarf es qualifizierter Ausbildungsgänge, beruflicher Perspektiven und "vernünftiger Gehälter", so Caparros. Bildung und Qualifikation sind eine politische und gesellschaftliche Aufgabe. "Wir sind jedoch nicht die verlängerte Schulbank."

Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben unterstrich, dass im deutschen Einzelhandel ein kreativer Prozess in Gang kommen müsse - auch bei den bisherigen Vertriebskonzepten. Mit Freundlichkeit allein sei es nicht getan. In Deutschland werde zu einseitig aus der Perspektive des Ingenieurs gedacht. Als Positivbeispiel nannte sie Miele. Der Haushaltsgerätehersteller wähle Lösungsansätze aus dem Blickwinkel des Konsumenten.

Um Schülern Einblicke in die Wirtschaft zu ermöglichen, sollten mehr Schulen Partnerschaften mit Wirtschaftsunternehmen eingehen. Die Berufsbildung müsse modular aufgebaut sein. "Niemand kann heute mit einer Standardqualifikation die nächsten 30 Jahre beruflich überleben". Gestufte Ausbildungsgänge, seien deshalb keine Sackgasse sondern eine Chance.

Insgesamt habe die Politik ein deutliches Interesse am Handel, als Nahversorger und Arbeitgeber. Mit Pfiffigkeit und Kompetenz könne diese Branche nach vorn gebracht werden - und nicht mit kuriosen Ideen, wie den Muttertag im Jahr 2008 zu verlegen, weil er auf den Pfingstsonntag fällt, der nicht verkaufsoffen ist. (juh)

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